Brasilianische Favela: © Tuca Vieira
Ungleiche Szenen, Paraisópolis, São Paulo, Brasilien

Einheit 19 Wirtschaftliche Ungleichheit

Wirtschaftliche Ungleichheiten hängen hauptsächlich davon ab, wo man geboren wurde, wer die eigenen Eltern sind und (in einigen Ländern) welches Geschlecht man hat. Gut durchdachte Politiken und Institutionen können bestehende Ungleichheiten abbauen, ohne den durchschnittlichen Lebensstandard zu senken.

  • Während die Einkommensungleichheit in den USA, dem Vereinigten Königreich, Indien und vielen anderen Ländern während des größten Teils des 20. Jahrhunderts zurückging, nahm sie in den letzten Jahren wieder zu.
  • Aufgrund des rasanten Wirtschaftswachstums der bevölkerungsreichen Länder, China und Indien, ist die Einkommensungleichheit zwischen allen Menschen auf der Welt seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch zurückgegangen.
  • Diskriminierung aufgrund der Ethnie, des Geschlechts, der Religion oder anderen Formen der Chancenungleichheit führen dazu, dass Menschen, die ansonsten identisch sind, unterschiedliche Einkommen und wirtschaftliche Möglichkeiten haben, und tragen so zur Ungleichheit bei.
  • Einkommensunterschiede zwischen einzelnen Personen sind darauf zurückzuführen, was sie besitzen (zum Beispiel ein Stück Land), was sie sind (geschlechtliche Identität) oder was sie haben (bestimmte Fähigkeiten).
  • Die in der Gesellschaft wirksamen Institutionen und Politiken sowie die in der Produktion eingesetzten Technologien beeinflussen diese Einkommensdeterminanten.
  • Bestimmte Ungleichheiten schaffen Anreize, fleißig zu studieren, hart zu arbeiten und die mit Innovationen und Investitionen verbundenen Risiken einzugehen.
  • Ungleichheiten schränken aber auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten der weniger Wohlhabenden ein und können darüber hinaus zu einer konfliktreicheren Gesellschaft führen und erhebliche Kosten verursachen, die die wirtschaftliche Leistung beeinträchtigen.
  • Eine gut durchdachte und umgesetzte Politik kann ungerechte wirtschaftliche Ungleichheit einschränken und gleichzeitig den durchschnittlichen Lebensstandard anheben, wie dies in vielen Ländern geschehen ist.

Wir schreiben das Jahr 1975. Renfu ist das Kind eines lokalen kommunistischen Parteiführers. In 10 Jahren wird er die Tsinghua-Universität, eine Eliteuniversität für Ingenieurswesen in Peking, besuchen und selbst der Kommunistischen Partei beitreten. In 20 Jahren wird er ein Unternehmen (welches dem chinesischen Staat gehört) leiten. In 30 Jahren wird er Vorstandsvorsitzender des Unternehmens sein, nachdem es privatisiert wurde; außerdem wird er einen hohen Rang in der Partei einnehmen.

Yichen hingegen, deren Eltern keinerlei Verbindungen zu der Partei haben, wird nicht zur Universität gehen, sondern bis zu ihrem 16. Lebensjahr an der Seite ihrer Eltern auf dem Land arbeiten und dann in einem staatlichen Unternehmen tätig sein, das Autoteile für den Export in die USA und nach Europa herstellt. Wenn sie 30 Jahre alt ist, wird sie eine Stelle in der neuen Motorola-Fabrik annehmen, die im nahe gelegenen Tianjin eröffnet wird und das Doppelte ihres derzeitigen Lohns zahlt. Sie kann nicht legal nach Tianjin auswandern und lässt ihre Tochter bei ihren Eltern zurück.

Yichen und Renfu sind hypothetische Personen. Wir hätten einen Haftungsausschluss einfügen können: „Alle in diesem Abschnitt vorkommenden Personen sind fiktiv …“ Aber das wäre nicht ganz richtig—sie veranschaulichen die unterschiedlichen Lebensgeschichten realer, heute lebender Menschen.

Betrachten wir zwei weitere hypothetische Personen, sie leben ebenfalls im Jahr 1975, aber in den USA. Mark und Stephanie, beide 17, leben in Gary, Indiana. Mark steht kurz vor dem Abschluss der High School und beginnt bei seinem Vater im örtlichen, gewerkschaftlich organisierten Stahlwerk zu arbeiten. Hier wird er gut bezahlt und muss nicht erst vier Jahre lang eine weiterführende Ausbildung absolvieren, um ein Einkommen zu erzielen.

In der Rezession von 1981 verliert Mark seine Arbeit. Er versucht, seine mechanischen Kenntnisse zu nutzen, um ein Geschäft für Autoteile zu eröffnen. Da er kaum eigenes Vermögen als Sicherheit hinterlegen kann, wird er kein Darlehen von einer Bank erhalten, deshalb zieht er in den Süden um dort in einer anderen Fabrik zu arbeiten. Diese ist nicht gewerkschaftlich organisiert, und er wird weniger Geld verdienen als zuvor in Gary. Im Jahr 2008, während der Rezession, wird seine Fabrik ihn durch einen KUKA Robotics Corporation Titan Industrieroboter ersetzen.

Stephanie, deren Eltern als Arzt und Ärztin arbeiten, beschließt, die Indiana University Bloomington zu besuchen und Psychologie zu studieren. Danach arbeitet sie für ein großes Finanzunternehmen in Chicago und wird nach einer Reihe von Beförderungen Vizepräsidentin für Personalwesen. Sie investiert ihre Ersparnisse an der Börse, wo sie über viele Jahre hinweg einen durchschnittlichen Ertrag von mehr als 10 % generiert. Außerdem profitiert sie von den Steuersenkungen der Regierung, welche Besserverdienende begünstigen.

Diese vier Menschen hatten sehr unterschiedliche Lebenswege. Ist daran etwas auszusetzen? Alle haben gute Entscheidungen getroffen, weil sie wussten, was sie damals hätten wissen können, alle haben hart gearbeitet, und doch haben sie sehr unterschiedliche Lebenswege hinter sich. Man könnte sagen, dass sie im Kartenspiel des Lebens einfach unterschiedliche Karten gezogen haben.

Ihre Eltern machen einen großen Unterschied im Bezug auf die Karten, die sie gezogen haben. Das fängt schon damit an, dass Yichen und Renfu in China geboren wurden, Mark und Stephanie dagegen in den USA. Die der beiden Elternpaare in China waren vermutlich gleichermaßen arm, obwohl Mitglieder der Kommunistischen Partei ein höheres Sozialprestige und eine höhere Bildung genossen. Der Vermögensunterschied zwischen den beiden amerikanischen Elternpaaren wäre wahrscheinlich größer gewesen. Wäre Mark ein Schwarzer Mensch, wäre dieser Unterschied noch größer als bei einem weißen; aber seine Familie wäre materiell immer noch weitaus besser gestellt gewesen als die beiden chinesischen Familien.

Im Jahr 2017 werden die Kinder von Stephanie und Renfu, die in beiden Ländern relativ erfolgreich waren, Zugang zu einer Vielzahl von Möglichkeiten haben, welche den Kindern von Yichen und Mark nicht offen stehen. In China werden die Kinder von Renfu aufgrund der Beziehungen ihres Vaters bessere Schulen besuchen und somit bessere Berufsaussichten haben. Mit etwas Glück können sie eine amerikanische Universität besuchen, wertvolle Arbeitserfahrungen auf dem akademischen, englischsprachigen globalen Arbeitsmarkt sammeln und mit Gehältern nach China zurückkehren, die um ein Vielfaches höher sind als die des durchschnittlichen chinesischen Staatsangehörigen.

Yichens Tochter wird keine hochwertige Grund- oder Sekundarschulbildung erhalten. Das liegt daran, dass sie aufgrund der Hukou-Beschränkungen in Yichens ländlichem Heimatbezirk zur Schule gehen muss und nicht in Tianjin, wo ihre Mutter arbeitet. Dennoch wird es ihr im Laufe ihres Lebens wahrscheinlich besser gehen als ihren Eltern und mit Sicherheit auch besser als ihren Großeltern.

In den USA werden Stephanies Kinder entweder eine öffentliche Schule in ihrer wohlhabenden Nachbarschaft besuchen, die durch lokale Grundsteuern gut finanziert wird, oder eine teure Privatschule. Sie werden früh Zugang zu einem viel größeren Wortschatz erhalten, lebenslange Freundschaften mit anderen Kindern aus ihrem privilegierten Umfeld schließen und eine Vielzahl interessanter außerschulischer Erfahrungen machen, die ihre schulischen Leistungen fördern und ihnen die Zulassung zu Eliteuniversitäten ermöglichen. Daraus ergibt sich ein durchschnittliches Lebenseinkommen, das um fast 800 000 USD höher ist als das Einkommen derjenigen, deren Ausbildung auf High-School-Niveau endet.1

Marks Kinder werden mit schlecht finanzierten öffentlichen Schulen, dem Fehlen gewerkschaftlich organisierter Arbeitsplätze und einem Mindestlohn zu kämpfen haben, der real weniger wert sein wird als in der Generation ihrer Eltern. Zusätzlich werden Veränderungen der Technologien und des Handel die Auswirkungen dieser Probleme noch weiter verstärken. Der Lebensweg dieser vier Personen veranschaulicht nur einige der globalen Veränderungen in der Einkommensverteilung, die in den letzten 40 Jahren stattgefunden haben.

Ungleichheit gibt es auf zahlreichen Ebenen, darunter Einkommen, Vermögen, Bildung, Gesundheit und andere Chancen. In dieser Einheit konzentrieren wir uns in erster Linie auf die Ungleichheit von Vermögen und Einkommen, weil sie von Ökonominnen und Ökonomen ausgiebig untersucht wurde und weil sie eng mit anderen Formen der Ungleichheit verbunden ist. Wir beginnen mit drei Gruppen von Fakten:2 3

  • Einkommensungleichheit: Im nächsten Abschnitt untersuchen wir Belege für Einkommensungleichheiten rund um den Globus und wie sie sich im letzten Jahrhundert verändert haben.
  • Zufall der Geburt: Anschließend betrachten wir die Ungleichheit aus einem anderen Blickwinkel. Zufälle bei der Geburt beeinflussen das Einkommen, sei es die Nation, die Ethnie, das Geschlecht, das Vermögen oder sogar die Qualität und der Umfang der Schulbildung.
  • Die Zukunft der Ungleichheit: Abschließend bietet der Abschnitt einen Einblick in die Zukunft der reichen Volkswirtschaften. Der Fokus liegt dabei auf der Art der verfügbaren Arbeitsplätze. Durch die Automatisierung und die globale Verlagerung der industriellen Produktion wird der Übergang von einer produzierenden zu einer dienstleistenden Wirtschaft beschleunigt.

Anschließend stellen wir die Frage, warum Ungleichheit weithin als Problem angesehen wird, und bieten eine Möglichkeit, sich der Frage zu nähern, ob es zu viel (oder zu wenig) Ungleichheit gibt. Wir stellen ein Modell der Ursachen wirtschaftlicher Ungleichheit vor, um zu verstehen, wie öffentliche Politik und andere Veränderungen das Ausmaß der Ungleichheit beeinflussen können. Anhand dieses Modells erklären wir dann sowohl den jüngsten Wandel der wirtschaftlichen Ungleichheit in einer Reihe von Ländern als auch die Auswirkungen von Regierungspolitiken auf das Ausmaß der Unterschiede.

Übung 19.1 Einkommensunterschiede zwischen und innerhalb verschiedener Länder

In Einheit 1 wurde in Abbildung 1.2 die Einkommensverteilung zwischen und innerhalb der Länder im Jahr 2014 dargestellt. Die Höhe der einzelnen Balken im Diagramm variiert entlang zweier Achsen. Die erste Achse, von links nach rechts in der Abbildung, ist eine Rangfolge der Länder nach dem Bruttoeinkommen pro Kopf, vom ärmsten auf der linken Seite (Liberia) bis zum reichsten auf der rechten Seite (Singapur). Die zweite Achse, von vorne nach hinten in der Abbildung, zeigt die Verteilung des Einkommens von arm zu reich innerhalb jedes Landes.

Eine interaktive Version dieser Abbildung finden Sie unter https://tinyco.re/7434364.

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Gehen Sie die Geschichten von Mark, Renfu, Stefanie und Yichen noch einmal durch und stellen Sie eine Vermutung darüber an, welches Dezil zu den jeweiligen fiktiven Figuren passt. Begründen Sie Ihre Wahl kurz.

19.1 Ungleichheiten rund um den Globus und im Zeitverlauf

Wie Sie aus Einheit 5 wissen, können wir anhand von Lorenzkurven die Gini-Koeffizienten schätzen, die den Grad der Ungleichheit bei Vermögen, Einkommen, Einkünfte (Arbeitseinkommen in Form von Löhnen und Gehältern), Schuljahren und anderen Indizes für wirtschaftlichen oder sozialen Erfolg messen.

Vermögen, Arbeitseinkommen, Markteinkommen und verfügbares Einkommen

Abbildung 19.1 zeigt Daten zu drei Dimensionen der Ungleichheit (Vermögen, Einkünfte und verfügbares Einkommen) in drei Volkswirtschaften. Zur Erinnerung: Vermögen ist die Summe der Vermögenswerte eines Haushalts (abzüglich der Schulden). Die Einkünfte sind das Arbeitseinkommen, einschließlich der Löhne, Gehälter und Verdienste aus selbständiger Erwerbstätigkeit. Das Markteinkommen ist die Summe aus:

  • allen als Einkommen bezogenen Einkünften
  • allen Einkommen aus Unternehmen, welche sich im Eigentum des Haushalts befinden oder aus Direktinvestitionen stammen.

Das verfügbare Einkommen ist das Einkommen, das eine Familie ausgeben kann

  • nach Zahlung von Steuern
  • nach Erhalt staatlicher Transferleistungen wie Arbeitslosengeld oder Altersrenten.
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Zwei Dinge fallen in Abbildung 19.1 auf:

  • Das Vermögen ist viel ungleicher verteilt als die Einkünfte und die Einkünfte sind viel ungleicher verteilt als das verfügbare Einkommen: Allerdings sind die Unterschiede zwischen den drei Kennzahlen für die Ungleichheit in Japan viel geringer als in Schweden und den USA.
  • In Schweden ist die Ungleichheit des verfügbaren Einkommens viel geringer als in den beiden anderen Ländern: Dies ist auf die relativ geringe Ungleichheit bei den Einkünften und, was noch wichtiger ist, auf das Steuer- und Transfersystem zurückzuführen, das den weniger Wohlhabenden zugute kommt. Es ist nicht auf eine größere Gleichheit bei der Verteilung des Vermögens in Schweden zurückzuführen. Wie aus dem Diagramm hervorgeht, ist das Vermögen in Schweden fast genauso ungleich verteilt wie in den USA.
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Abbildung 19.1 Ungleichheit bei Vermögen, Einkünften und verfügbarem Einkommen: USA, Schweden und Japan (2000er Jahre).

Mattia Fochesato und Samuel Bowles. 2015. ‘Nordic exceptionalism? Social democratic egalitarianism in world-historic perspective’. Journal of Public Economics 127: S. 30–44. Santa Fe Institute; Mattia Fochesato und Samuel Bowles. 2017. ‘Technology, Institutions and Wealth Inequality in the Very Long Run’. Santa Fe Institute; Chen Wang und Koen Caminada. 2011. ‘Leiden Budget Incidence Fiscal Redistribution Dataset’. Version 1. Leiden Department of Economics Research.

Einkommensungleichheit im Zeitverlauf und zwischen Ländern

Eine andere Art, Ungleichheit zu messen, bezieht sich auf die sehr reichen Personen und liefert eine Antwort auf die Frage: Welcher Anteil des gesamten Einkommens oder Vermögens gehört den reichsten ein oder zehn Prozent der Bevölkerung? Dieser Indikator hat den Vorteil, dass er über Hunderte von Jahren hinweg betrachtet werden kann, da die sehr reichen Personen seit langem Steuern zahlen müssen und wir daher recht gute Informationen über ihr Einkommen und Vermögen haben. Abbildung 19.2 zeigt den Anteil des Vermögens der reichsten 1 % für alle Länder, für die langfristige Daten vorliegen.4

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Abbildung 19.2 Der Anteil am Gesamtvermögen im Besitz der reichsten 1 % (1740–2021).

Adaptiert von Abbildung 19 von Daniel Waldenström und Jesper Roine. 2014. ‘Long Run Trends in the Distribution of Income and Wealth’. Im Handbook of Income Distribution: Volume 2a, herausgegeben von Anthony Atkinson und Francois Bourguignon. Amsterdam: North-Holland. Data; World Inequality Database. 2021.

Es scheint drei verschiedene Zeitabschnitte zu geben: Das 18. und 19. Jahrhundert bis etwa 1910 zeigen eine zunehmende Vermögensungleichheit (mit Ausnahme von Norwegen und Dänemark), das 20. Jahrhundert bis 1980 zeigt eine abnehmende Ungleichheit des Vermögens, und in der Periode danach kann man wieder eine leichte Zunahme beobachten.

Abbildung 19.3 liefert ähnliche Daten für den Anteil des Einkommens vor Steuern und Transferleistungen (nicht des Vermögens), den die obersten 1 % der Verdienenden erhalten. Wie in Abbildung 19.2 gibt es auch hier länderspezifische Unterschiede. So ist die Ungleichheit in den USA in den letzten Jahren erheblich größer als in China, Indien oder dem Vereinigten Königreich. Aber es gibt auch gemeinsame Tendenzen, ähnlich wie in der zweiten und dritten Periode der Vermögensverteilung: ein klarer Trend zu weniger Ungleichheit in den überwiegenden Teilen der ersten drei Quartale des zwanzigsten Jahrhunderts, gefolgt von einer Zunahme der Ungleichheit seit etwa 1980.

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Abbildung 19.3 Der Anteil des gesamten Einkommens, den die reichsten 1 % beziehen (1913–2020).

Facundo Alvaredo, Anthony B. Atkinson, Thomas Piketty, Emmanuel Saez, und Gabriel Zucman. 2016. ‘The World Wealth and Income Database (WID)’.

Erkunden Sie die obersten Einkommen in den Ländern, die Sie interessieren, in der World Wealth and Income Database.

Diese scharfe Kehrtwende hin zu mehr Ungleichheit fand jedoch nicht in allen Ländern statt, auch nicht in den meisten der großen Volkswirtschaften des europäischen Kontinents. Diese sind in Abbildung 19.4 dargestellt.

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Abbildung 19.4 Sinkende Anteile der reichsten 1 % in einigen europäischen Volkswirtschaften und Japan (1900–2020).

Facundo Alvaredo, Anthony B. Atkinson, Thomas Piketty, Emmanuel Saez, und Gabriel Zucman. 2016. ‘The World Wealth and Income Database (WID)’.

Ein Blick auf die Abbildungen 19.2 bis 19.4 zeigt dies:

  • Es gibt gemeinsame Tendenzen in den meisten Ländern, für die uns Daten vorliegen: Zum Beispiel ein Rückgang der Ungleichheit zwischen 1920 und 1980.
  • Die Länder unterscheiden sich stark darin, was seit 1980 passiert ist: In einigen der größten Volkswirtschaften der Welt—China, Indien und den USA—stieg die Ungleichheit steil an, während sie in anderen Ländern—Dänemark, Frankreich und den Niederlanden—in der Nähe des historisch moderaten Niveaus blieb.

Für die Abbildungen 19.3 und 19.4 haben wir Daten von Thomas Piketty und seinen Mitarbeitenden verwendet. Er ist Ökonom und Autor des Bestsellers Capital in the Twenty-First Century.5 In unserem Video „Ökonominnen und Ökonomen in Aktion“ untersucht er die wirtschaftliche Ungleichheit von der Französischen Revolution bis heute und erklärt, warum eine sorgfältige Untersuchung der Fakten unerlässlich ist.

Ungleichheiten zwischen und innerhalb von Nationen

Zu Beginn von Einheit 1 haben Sie gelesen, dass vor dem Aufstieg des Kapitalismus das Einkommen einer Tochter oder eines Sohnes davon abhing, wie ihre oder seine Eltern wirtschaftlich aufgestellt waren. Es war viel weniger wichtig, in welchem Teil der Welt der Sohn oder die Tochter geboren wurde.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der ersten kapitalistischen Volkswirtschaften änderte sich dies.

Die „große Divergenz“ in Einheit 1 ist darauf zurückzuführen, dass der Knick im Hockeyschläger des Pro-Kopf-Einkommens bei einigen Ländern (Großbritannien, Italien und Japan in Abbildung 1.1a) früher, bei anderen (China und Indien) später und bei wieder anderen (Nigeria und Argentinien) noch nicht eingetreten ist (siehe auch Abbildung 1.11). Der unterschiedliche Zeitpunkt der kapitalistischen Revolution in der Welt hatte zur Folge, dass sich die Ungleichheiten zwischen den Völkern der Welt im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts bis in die jüngste Vergangenheit vergrößerten. Selbst die Armen in Nordamerika und Europa wurden reicher als die Reichen anderswo.

Wie können wir die globale Ungleichheit messen? Denken Sie an die Lorenzkurve, die erstellt wurde, indem alle Individuen der Welt vom niedrigsten zum höchsten Einkommen aufgereiht wurden, unabhängig davon, in welchem Land sie leben. Aus Abbildung 1.2 wissen Sie, dass die ärmsten 20 %—der Teil der Lorenzkurve, der sich auf der horizontalen Achse von null bis 0,20 erstreckt—sehr flach sind: Dies würde den größten Teil der Bevölkerung von Liberia und Nigeria sowie Menschen mit mittlerem und niedrigem Einkommen in Indonesien und Indien repräsentieren. Wenn wir die gesamte Lorenzkurve konstruieren, können wir den Gini-Koeffizienten für die ganze Welt berechnen. Dies ist in Abbildung 19.5 für das Markteinkommen dargestellt. Im Jahr 2003 lag der weltweite Gini-Koeffizient beispielsweise bei 0,69. Daraus ist ersichtlich, dass die Ungleichheit zwischen den Individuen in der Welt zwar hoch ist, aber in letzter Zeit gesunken ist.

Die andere Datenreihe in Abbildung 19.5 (die rote Linie) stellt die globale Ungleichheit auf eine andere Weise dar. Sie konzentriert sich auf die Einkommensunterschiede zwischen den Ländern. Stellen Sie sich vor, dass jede Person in jedem Land das durchschnittliche Einkommen des jeweiligen Landes verdient. In diesem Gedankenexperiment würde jede Person im Vereinigten Königreich genau das britische Durchschnittseinkommen verdienen, während jede Person in China genau das chinesische Durchschnittseinkommen verdienen würde. Wie sähe die Einkommensungleichheit in diesem hypothetischen Beispiel aus?

Die rote Linie zeigt das Ergebnis dieser Berechnung. In unserem Gedankenexperiment wäre die einzige Quelle der Ungleichheit in der Welt die Ungleichheit zwischen den Ländern. Die Ungleichheit wird verringert, aber aufgrund der enormen Einkommensunterschiede zwischen den Ländern bestehen weiterhin erhebliche Ungleichheiten.

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Abbildung 19.5 Ungleiches Einkommen weltweit und zwischen den Ländern (1952–2020).

Branko Milanovic. 2012. ‘Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now-an Overview’. Policy Research Working Paper 6259. The World Bank. Die hypothetische Ungleichheit zwischen Ländern bezogen auf das Gedankenexperiment, bei dem alle Menschen in einem Land das gleiche Einkommen haben.

Weltweit abnehmende Ungleichheit zwischen den Individuen
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Weltweit abnehmende Ungleichheit zwischen den Individuen

Die blaue Linie zeigt die Einkommensun­gleichheit zwischen allen Individuen der Welt. Sie ist praktisch der Gini-Koeffizient der Welt.

Branko Milanovic. 2012. ‘Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now—an Overview’. Policy Research Working Paper 6259. The World Bank. Die hypothetische Ungleichheit zwischen Ländern bezogen auf das Gedankenexperiment, bei dem alle Menschen in einem Land das gleiche Einkommen haben.

Die hypothetische Ungleichheit zwischen den Ländern sinkt …
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Die hypothetische Ungleichheit zwischen den Ländern sinkt …

Die rote Kurve zeigt die Einkommensungleichheit zwischen den Ländern von 1952 bis 2020. Bei der Berechnung wird davon ausgegangen, dass alle Menschen in einem bestimmten Land das gleiche Einkommen haben. Seit den 1980er Jahren nimmt die Ungleichheit rapide ab.

Branko Milanovic. 2012. ‘Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now—an Overview’. Policy Research Working Paper 6259. The World Bank. Die hypothetische Ungleichheit zwischen Ländern bezogen auf das Gedankenexperiment, bei dem alle Menschen in einem Land das gleiche Einkommen haben.

… und die Ungleichheit innerhalb der Länder nimmt zu
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… und die Ungleichheit innerhalb der Länder nimmt zu

Der Rückgang der Ungleichheit zwischen den Ländern beschleunigte sich, als das Wachstum der größten armen Länder der Welt, China und Indien, Fahrt aufnahm. Aber die Ungleichheit innerhalb der Länder, einschließlich China und Indien, nahm zu.

Branko Milanovic. 2012. ‘Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now—an Overview.’ Policy Research Working Paper 6259. The World Bank. Die hypothetische Ungleichheit zwischen Ländern bezogen auf das Gedankenexperiment, bei dem alle Menschen in einem Land das gleiche Einkommen haben.

Sie sehen, dass der Gini-Koeffizient für alle Individuen in der Welt im Jahr 1950 (Beginn der blauen Linie) 0,71 betrug, und diese Zahl hätte 0,64 betragen, wenn innerhalb der einzelnen Länder vollkommene Gleichheit geherrscht hätte (die rote Linie). Daraus ergibt sich, dass 90 % der weltweiten Einkommensungleichheit auf unser Maß der Ungleichheit zwischen den Ländern zurückzuführen ist (denn 0,64/0,71 = 0,9, also 90 %).

Die Abbildung zeigt auch, dass die Ungleichheit zwischen den Ländern rapide abgenommen hat: 2018 waren 74 % der globalen Unterschiede auf die Ungleichheit zwischen den Ländern zurückzuführen (0,45/0,61 = 0,74).

Der jüngste Gini-Koeffizient für die gesamte Welt liegt bei 0,62. Sie wissen, dass dieser Wert näher bei 1 liegt (eine Person verfügt über das gesamte Einkommen der Welt) als bei 0 (keine Einkommensunterschiede auf der Welt). Aber wie viel Ungleichheit bedeutet dies wirklich? Um zu erfahren, wie der Gini-Koeffizient zu interpretieren ist, lesen Sie den Einstein-Abschnitt: „Der Gini-Koeffizient und die weltweiten Einkommensunterschiede“, der sich am Ende dieses Abschnitts befindet.

Abbildung 19.5 liefert uns drei wesentliche Erkenntnisse:

  • Der größte Teil der Ungleichheit in der Welt besteht zwischen Personen in verschiedenen Ländern (die rote Reihe): Sie besteht nicht zwischen Individuen in ein und demselben Land (der Unterschied zwischen der blauen und der roten Linie).
  • Aber das ändert sich: Die beiden größten und ehemals sehr armen Volkswirtschaften der Welt—Indien und China—haben ihr Durchschnittseinkommen schneller erhöht als die reicheren Länder, wodurch die Ungleichheit zwischen den Ländern abnahm.
  • Die Ungleichheit zwischen Einzelpersonen nimmt ab: Das Nettoergebnis dieser gegensätzlichen Trends ist, dass die Ungleichheit zwischen den Individuen der Welt begonnen hat zu fallen.

Ein Blick in die Zukunft der reichen Volkswirtschaften: Die fehlende Mitte?

Die zunehmende Ungleichheit in vielen Industrieländern ist mit einer veränderten Verteilung der Arbeitsplätze verbunden. Niedrig- und hochbezahlte Arbeitsplätze haben zugenommen, während Arbeitsplätze mit mittlerem Einkommen seltener geworden sind. Das Ergebnis—mehr Arbeitsplätze am oberen und unteren Ende der wirtschaftlichen Leiter und weniger auf den mittleren Sprossen—wird als „fehlende Mitte“ bezeichnet.

Die Daten in Abbildung 19.6 veranschaulichen beide Tendenzen für die Wirtschaft der USA. Aufgrund der Qualität der verfügbaren Daten haben wir die US-Wirtschaft zur Veranschaulichung herangezogen, aber ähnliche Trends sind auch in anderen Ländern mit hohem Einkommen zu beobachten.

Abbildung 19.6 ordnet die Arbeitsplätze von den am höchsten bezahlten (in Stundenlöhnen) an der Spitze bis zu den am niedrigsten bezahlten Arbeitsplätzen am Ende an und schätzt das Wachstum oder den Rückgang der Beschäftigung auf der horizontalen Achse.

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Abbildung 19.6 Die fehlende Mitte in den USA (2014–24): Berufe, für die ein Arbeitsplatzwechsel von 10 000 oder mehr Beschäftigten prognostiziert wird.

US Bureau of Labor Statistics. 2014. ‘Employment Projections’. US Bureau of Labor Statistics. 2015. ‘Occupational Employment Statistics’. Anmerkung: Abbildung 19.6 zeigt nur die Berufe, für die Veränderungen von 10 000 oder mehr Beschäftigten prognostiziert werden. Der Begriff „variierende“ weist auf ähnliche Berufe hin. Die blauen Punkte sind die Berufe im Zusammenhang mit Maschinenbedienenden (Nähmaschinenbedienende, Textilmaschinenbedienende, Callcenter-Angestellte und Formgießende). Die horizontale gestrichelte Linie stellt den durchschnittlichen Stundenlohn für alle Berufe in den USA im Juni 2015 dar. Die C-förmige Kurve ist ein Polynom zweiter Ordnung, das zu den im Diagramm gezeigten Daten passt. Der mit „1997“ beschriftete Punkt gibt den durchschnittlichen Stundenlohn an, den Maschinenbedienende im Jahr 2015 verdient hätten, wenn ihr Lohn im gleichen Verhältnis zum mittleren Lohn wie im Jahr 1997 geblieben wäre.

Geschätztes prognostiziertes Arbeitsplatzwachstum in den USA
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Geschätztes prognostiziertes Arbeitsplatzwachstum in den USA

Abbildung 19.6 ordnet die Arbeitsplätze von den am höchsten bezahlten (in Stundenlöhnen) an der Spitze bis zu den am niedrigsten bezahlten Arbeitsplätzen am Ende an und schätzt das Wachstum oder den Rückgang der Beschäftigung auf der horizontalen Achse.

US Bureau of Labor Statistics. 2014. ‘Employment Projections’. US Bureau of Labor Statistics. 2015. ‘Occupational Employment Statistics’.

Anmerkung: Abbildung 19.6 zeigt nur die Berufe, für die Veränderungen von 10 000 oder mehr Beschäftigten prognostiziert werden. Der Begriff „variierende“ weist auf ähnliche Berufe hin. Die blauen Punkte sind die Berufe im Zusammenhang mit Maschinenbedienenden (Nähmaschinenbedienende, Textilmaschinenbedienende, Callcenter-Angestellte und Formgießende). Die horizontale gestrichelte Linie stellt den durchschnittlichen Stundenlohn für alle Berufe in den USA im Juni 2015 dar. Die C-förmige Kurve ist ein Polynom zweiter Ordnung, das zu den im Diagramm gezeigten Daten passt.

Der mit „1997“ beschriftete Punkt gibt den durchschnittlichen Stundenlohn an, den Maschinenbedienende im Jahr 2015 verdient hätten, wenn ihr Lohn im gleichen Verhältnis zum mittleren Lohn wie im Jahr 1997 geblieben wäre.

Die Löhne von qualifizierten Arbeitenden in den USA sind gesunken
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Die Löhne von qualifizierten Arbeitenden in den USA sind gesunken

Aufgrund der kombinierten Wirkung der Automatisierung und des „China-Effekts“ fielen die Löhne von Maschinenbedienenden von 73 % des Durchschnittslohns im Jahr 1997 auf 61 % im Jahr 2014.

US Bureau of Labor Statistics. 2014. ‘Employment Projections’. US Bureau of Labor Statistics. 2015. ‘Occupational Employment Statistics’.

Anmerkung: Abbildung 19.6 zeigt nur die Berufe, für die Veränderungen von 10 000 oder mehr Beschäftigten prognostiziert werden. Der Begriff „verschiedene“ weist auf ähnliche Berufe hin. Der blaue Punkt zeigt die Berufe im Zusammenhang mit Maschinenbedienenden (Nähmaschinenbedienende, Textilmaschinenbedienende, Callcenter-Angestellte und Formgießende). Die horizontale gestrichelte Linie stellt den durchschnittlichen Stundenlohn für alle Berufe in den USA im Juni 2015 dar. Die C-förmige Kurve ist ein Polynom zweiter Ordnung, das zu den im Diagramm gezeigten Daten passt.

Der mit „1997“ beschriftete Punkt gibt den durchschnittlichen Stundenlohn an, den Maschinenbedienende im Jahr 2015 verdient hätten, wenn ihr Lohn im gleichen Verhältnis zum mittleren Lohn wie im Jahr 1997 geblieben wäre.

Beachten Sie diese Dinge im Zusammenhang mit den Daten:

  • Die fehlende Mitte: Sowohl in den Hochlohn- als auch (vor allem) in den Niedriglohnberufen entstehen viele neue Arbeitsplätze, aber die Beschäftigungszuwächse in den Berufen, deren Löhne dazwischen liegen, sind geringer.
  • Jobs ersetzen Arbeit, die früher von Familienmitgliedern erledigt wurde: Die größten Zuwächse gibt es bei den Humandienstleistungen, vor allem in den Gesundheitsberufen. Diese wachsenden Berufsgruppen substituieren Arbeit, die früher hauptsächlich von Familienmitgliedern verrichtet wurde, zu den Berufen gehört zum Beispiel Betreuungspersonal oder medizinische Fachangestellte in der häuslichen Pflege.
  • Maschinen erledigen Routinearbeiten: Durch die Digitalisierung sinkt die Nachfrage nach Arbeitsplätzen, die Routineaufgaben beinhalten, wie zum Beispiel Postsortierende und Maschinenführende. Die Aufgaben, die nicht durch Maschinen ersetzt werden, sind in der Regel entweder gut bezahlt (persönliche Finanzberatende, Krankenpflegende) oder schlecht bezahlt, wie zum Beispiel die häusliche Altenpflege.
  • Hochbezahlte Arbeitsplätze entstehen im Bereich der Informationstechnologien: Es gibt immer mehr Arbeitsplätze mit hohen Löhnen (außerhalb der Humandienstleistungen), wie zum Beispiel Personen, die im Bereich Operations Research, Statistik oder Webentwicklung tätig sind, in denen die digitale Informationsverarbeitung die Produktivität der Beschäftigten mit den richtigen Qualifikationen stark erhöht hat.
  • Beschäftigte mit durchschnittlichen Löhnen sind die Verlierenden: Berufe mit Arbeitsplatzverlusten haben in der Regel nahezu durchschnittliche Löhne oder weniger.

Abbildung 19.6 zeigt nur Berufe, für die Gewinne oder Verluste von mindestens 20 % des Niveaus von 2014 und Veränderungen von mindestens 10 000 Beschäftigten prognostiziert werden. Wie Abbildung 19.7 zeigt, gilt dieses Muster jedoch auch, wenn wir alle Arbeitsplätze in der US-Wirtschaft betrachten. Die in den Abbildungen 19.6 und 19.7 dargestellten voraussichtlichen Trends sind in den USA mindestens seit den 1970er Jahren zu beobachten.

Die fehlende Mitte in den USA (2014–24): Das Beschäftigungswachstum ist im obersten und untersten Fünftel der Berufe, gemessen an den mittleren Jahreseinkünften, in den USA am höchsten.
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Abbildung 19.7 Die fehlende Mitte in den USA (2014–24): Das Beschäftigungswachstum ist im obersten und untersten Fünftel der Berufe, gemessen an den mittleren Jahreseinkünften, in den USA am höchsten.

US Bureau of Labor Statistics. 2014. ‘Employment Projections’. US Bureau of Labor Statistics. 2015. ‘Occupational Employment Statistics’.

Übung 19.2 Ungleichheiten unter den Mitstudierenden

  1. Berechnen Sie mit diesem Gini-Koeffizienten-Rechner den Grad der Ungleichheit der Körpergröße unter Ihren Mitstudierenden.
  2. Warum ist dieser Gini-Koeffizient so viel kleiner als der Gini-Koeffizient für das Vermögen in Abbildung 19.1?
  3. Berechnen Sie nun mit dem Taschenrechner den Gini-Koeffizienten für ein anderes Maß (zum Beispiel Alter, Gewicht, Pendelzeit zur Universität, Anzahl der Geschwister oder Note in der letzten Prüfung).
  4. Erläutern Sie die Unterschiede zwischen diesem Gini-Koeffizienten und dem für Vermögen.

Frage 19.1 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Abbildung 19.1 zeigt die Ungleichheit bei Vermögen, Einkünfte und verfügbarem Einkommen in den USA, Schweden und Japan anhand des Gini-Koeffizienten.

Welche der folgenden Aussagen sind richtig?

  • Das Vermögen ist in allen drei Ländern viel ungleicher verteilt als die Einkünfte.
  • Schweden ist eindeutig eine ungleichere Gesellschaft als Japan.
  • Von den drei Ländern ist die USA die Gesellschaft mit der höchsten Ungleichheit.
  • Die vergleichsweise ausgewogene Verteilung des verfügbaren Einkommens wird in Schweden durch das Steuer- und Transfersystem erreicht.
  • In allen drei Ländern ist der Gini-Koeffizient für das Vermögen höher als der Gini-Koeffizient in Bezug auf die Einkünfte, was auf eine größere Ungleichheit hinweist.
  • Schweden weist hinsichtlich des Vermögens eine größere Ungleichheit auf als Japan, dafür aber eine größere Gleichheit in Bezug auf das verfügbare Einkommen.
  • Diese Aussage trifft auf die Einkünfte und das verfügbare Einkommen zu. In Bezug auf das Vermögen ist Schweden jedoch ungleicher als die USA.
  • Während der Gini-Koeffizient für Schwedens Einkünfte vor Steuern dem der USA und Japans ähnelt, ist der Gini-Koeffizient für das verfügbare Einkommen viel niedriger, was darauf hindeutet, dass die Einkommen durch Steuern und Transfers wirksam umverteilt wurden.

Frage 19.2 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Welcher der folgenden Gründe ist NICHT einer der Gründe, die Thomas Piketty im ‘Ökonominnen und Ökonomen in Aktion’ Video für den Rückgang der Einkommen der sehr reichen Personen im zwanzigsten Jahrhundert nennt?

  • der Erste Weltkrieg
  • die Great Depression
  • die Russische Revolution
  • der Zweite Weltkrieg
  • Die Verstaatlichung von Vermögenswerten während der Weltkriege ist einer der Gründe, die Piketty nennt.
  • Die wirtschaftliche Rezession gehört zu den Gründen, die Piketty nennt.
  • Obwohl sich politische Veränderungen auf die Vermögensverteilung eines Landes auswirken können, erwähnt Piketty die Russische Revolution in diesem Video nicht.
  • Die Verstaatlichung von Vermögenswerten während der Weltkriege ist einer der Gründe, die Piketty nennt.

Frage 19.3 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Abbildung 19.6 präsentiert verschiedene Berufe in der US-amerikanischen Wirtschaft, wobei die durchschnittlichen Stundenlöhne für 2015 auf der vertikalen Achse und das prognostizierte Beschäftigungswachstum für 2014–2024 auf der horizontalen Achse dargestellt sind:

Welche der folgenden Aussagen ist richtig?

  • Die Berufe mit dem größten prognostizierten Wachstum sind diejenigen, die von Innovationen profitieren, welche erhöhte Automatisierung zur Folge haben.
  • Die Berufe mit den höchsten Löhnen, die die arbeitgebenden Eigentümer:innen zu Direktinvestitionen in die Automatisierung ermutigen würden, sind die Berufe mit den höchsten prognostizierten Arbeitsplatzverlusten.
  • Berufe mit hohem Lohnniveau und prognostiziertem Beschäftigungswachstum sind entweder im Bereich der Humandienstleistungen angesiedelt oder in Berufen, in denen die digitale Informationsverarbeitung die Produktivität hochqualifizierter Arbeitskräfte stark erhöht.
  • Es gibt kein besonderes Muster zwischen dem durchschnittlichen Lohn und dem prognostizierten Arbeitsplatzwachstum.
  • Zu den Berufsgruppen mit dem größten prognostizierten Wachstum gehören die häusliche Krankenpflege und Betreuungsdienstleistungen. Dabei handelt es sich um Dienstleistungen, die früher fast ausschließlich von der Familie durchgeführt wurden, heute aber zunehmend von Beschäftigten erbracht werden.
  • Bei den Berufen, für die erhebliche Arbeitsplatzverluste prognostiziert werden, handelt es sich um Berufe die maximal den Durchschnittslohn verdienen und die von Technologien betroffen sind, die den Ersatz von Arbeitskräften ermöglichen, wie zum Beispiel Beschäftigte bei der Post oder bei Telefondiensten.
  • Die größten Zuwächse sind im Bereich der Humandienstleistungen zu verzeichnen, vor allem in Berufen des Gesundheitswesens. Auch bei den Berufen mit hohen Löhnen, die mit Informationstechnologien zu tun haben, wird mit einem Anstieg gerechnet.
  • Sowohl für die Spitzen- als auch für die Niedriglohnberufe wird ein Beschäftigungswachstum prognostiziert, während für die Berufe, die in Bezug auf die Löhne dazwischen liegen, begrenzte Aussichten auf ein Beschäftigungswachstum erwartet werden.

Einstein Der Gini-Koeffizient und die weltweiten Einkommensunterschiede

In Einheit 5 haben Sie gelernt, dass der Gini-Koeffizient ein Maß für die Ungleichheit ist, das als die Hälfte der relativen mittleren Einkommensunterschiede zwischen allen Personenpaaren einer Bevölkerung definiert ist.

Wir erinnern uns, dass die mittlere Einkommensdifferenz zwischen allen Paaren in der Bevölkerung, die wir als Δ bezeichnen, ausgedrückt werden kann als das Einkommen des reicheren Paares (yr) minus dem Einkommen des ärmeren Paares (yp), das über alle Paare in der Bevölkerung summiert und dann durch die Anzahl der Paare in der Bevölkerung (n) geteilt wird. Die relative mittlere Differenz ist diese Menge geteilt durch das mittlere Einkommen, y.

Die Hälfte der relativen mittleren Differenz ist also:

Wenn man diese Gleichung umstellt, sieht man, dass der durchschnittliche Unterschied zwischen den beiden gepaarten Personen dem mittleren Einkommen mal dem doppelten Gini-Koeffizienten entspricht:

Es gibt jedoch eine interessantere Interpretation des Gini-Koeffizienten. Wenn wir alle möglichen Paare aus der Weltbevölkerung gezogen haben, wird das mittlere Einkommen in der Welt () sein:

Wobei wir und als die durchschnittlichen Einkommen des reicheren beziehungsweise des ärmeren der beiden Personen im Paar definiert haben. Wir können nun den Ausdruck für den Gini-Koeffizienten in Form von und umschreiben:

Durch Umstellen und Teilen durch erhalten wir:

Wenn der Gini-Koeffizient für die Welt 0,62 beträgt, ergibt sich unter Verwendung dieses letzten Ausdrucks:

Das bedeutet, dass bei einem Gini-Koeffizienten von 0,62 über alle Paare in der Bevölkerung oder über eine große Zufallsstichprobe der Bevölkerung das besser gestellte Paar im Durchschnitt 4,26-mal reicher ist als das weniger gut gestellte.

Übung 19.3 Eine andere Art, Gini-Koeffizienten zu interpretieren

Verwenden Sie Abbildung 5.16, um den Gini-Koeffizienten für das verfügbare Einkommen in Dänemark und Südafrika zu schätzen. Um den Unterschied in der Einkommensungleichheit zwischen diesen beiden Ländern zu erklären, könnten Sie die Informationen des Gini-Koeffizienten wie folgt verwenden: Wenn zwei Personen zufällig aus der Bevölkerung des Landes ausgewählt werden, wie groß ist das durchschnittliche Verhältnis des Einkommens der reicheren Person zu dem der ärmeren Person? Um die Daten zum Gini-Koeffizienten in dieses Verhältnis umzuwandeln, verwenden Sie die im Einstein angegebene Formel, um eine Tabelle des reicher/ärmer Verhältnisses für Gini-Koeffizienten von 0,0 bis 0,9 (in Schritten von 0,1) zu erstellen. Stellen Sie Ihre Ergebnisse grafisch dar. Erklären Sie anhand Ihrer Ergebnisse den Unterschied in der Ungleichheit zwischen Dänemark und Südafrika. Was besagt die Formel, wenn der Gini-Koeffizient gleich 1 ist?

19.2. Zufälle der Geburt: Die Untersuchung von Ungleichheit aus einem anderen Blickwinkel

Ein Großteil der Ungleichheit in der heutigen Welt lässt sich auf Unterschiede zwischen den Menschen in Bereichen zurückführen, auf die sie praktisch keinen Einfluss haben, wie zum Beispiel ihre Ethnie, ihr Geschlecht, ihre Nationalität oder ihre Eltern. Wir nennen diese Unterschiede „Zufälle der Geburt“.6

Um zu sehen, wie wichtig diese Zufälle sein können, versuchen Sie das folgende Gedankenexperiment. Gehen Sie zurück zu Abbildung 1.2. Nehmen wir an, Sie interessieren sich nur für Ihr Einkommen und können wählen zwischen:

  • dem Einkommensdezil, in dem Sie sich befinden, aber das Land, in dem Sie geboren sind, wird durch Zufall bestimmt oder
  • dem Land, in dem Sie geboren sind, aber das Dezil, in dem Sie sich innerhalb des Landes befinden, wird durch Zufall bestimmt

Haben Sie sich für Option 1 (das Dezil) oder Option 2 (das Land) entschieden?

Wenn Sie Option 1 gewählt haben, würden Sie sich natürlich für das oberste Dezil entscheiden, das heißt Sie würden sich irgendwo im hinteren Teil der Abbildung 1.2 befinden. Aber wo? Sie hätten die gleiche Chance, in Nigeria auf der linken Seite oder im Vereinigten Königreich auf der rechten Seite geboren zu werden.

Wenn Sie sich für Option 2 entschieden haben, könnten Sie eines der Länder am rechten Rand mit dem höchsten durchschnittlichen Einkommen wählen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zum untersten Dezil (vorne in der Abbildung) gehören, ist genauso hoch wie zum obersten Dezil (hinten in der Abbildung).

Die Staatsbürgerschaft ist einer der großen Zufälle der Geburt, die das Einkommen beeinflussen. Pässe und Grenzen schränken die wirtschaftlichen Möglichkeiten von Menschen aus verschiedenen Ländern ein. Menschen mit der gleichen Ausbildung, den gleichen Fähigkeiten und dem gleichen Ehrgeiz, die jedoch auf verschiedenen Seiten einer Landesgrenze geboren wurden, haben sehr unterschiedliche Möglichkeiten im Laufe ihres Lebens, sei es an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) und Südkorea oder am Mittelmeer, das Nordafrika von Europa trennt. Selbst dort, wo Migration erlaubt ist, wird Migrierten oft der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt und oft werden ihnen politische Rechte nicht zugesprochen, wie in den Golfstaaten und einigen ostasiatischen Ländern.

Geschlecht und andere Formen kategorischer Ungleichheit

Ungleichheiten, die auf Zufälle der Geburt beruhen, gibt es auch innerhalb von Ländern:

  • Kaste: Die großen Unterschiede im Bezug auf Lebensperspektiven in Indien beispielsweise ergeben sich aus den seit langem etablierten erblichen und hierarchischen „Kasten“-Grenzen. Eine Kaste ist ein sozialer Status, der von den hochrangigen Brahmanen bis zu den Dalits (früher „Unberührbare“ genannt) reicht.
  • Formalisierte Diskriminierung: Bis 1994 hat die Apartheid in Südafrika die Ungleichheit durch ein komplexes System von Ethnienschranken formalisiert.
  • Kolonisten und Indigene: In Australien, den USA und in weiten Teilen Lateinamerikas besteht eine außerordentliche wirtschaftliche und soziale Ungleichheit zwischen den Nachkommen der europäischen Kolonisten und denjenigen, die Zehntausende von Jahren früher kamen, den Indigenen.
kategorische Ungleichheit
Ungleichheit zwischen bestimmten sozialen Gruppen (zum Beispiel durch eine Kategorie wie Ethnie, Nation, Kaste, Geschlecht oder Religion). Auch bekannt als: Gruppenungleichheit.

Ungleichheiten, die auf der ethnischen Identität oder der Kastenzugehörigkeit beruhen, sind Beispiele für kategorische Ungleichheiten (auch bekannt als Gruppenungleichheit), das heißt wirtschaftliche Unterschiede zwischen Menschen, die von mächtigeren Gesellschaftsschichten als verschiedenen sozialen Kategorien zugehörig betrachtet werden. Die indischen Kasten sind Kategorien, ebenso wie die Kategorien „Afrikanisch“, „weiß“, „Schwarz“ und „Asiatisch“ in Südafrika. Kategorische Ungleichheiten beruhen größtenteils auf Zufällen der Geburt, denn man wird in die eine der Kategorien hineingeboren und ein Wechsel der Kategorie ist normalerweise schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Um zu verstehen, wie leicht Segregation nach Ethnie oder einem anderen kategorialen Merkmal entsteht, nehmen Sie sich zwei Minuten Zeit und spielen Sie das Online-Spiel Das Gleichnis der Polygone.

Die häufigste Form der kategorischen Ungleichheit besteht zwischen Männern und Frauen. In der Wirtschaft gibt es im Durchschnitt viele Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Das ist etwas verwunderlich, denn abgesehen von den unterschiedlichen biologischen Rollen bei der Fortpflanzung sind sich Männer und Frauen so ähnlich: ähnliche Eltern, ähnliche Schulen (in den meisten Ländern), ähnliche genetische Vererbung in Bezug auf die intellektuellen Fähigkeiten und so weiter. Aber es ist klar, dass Männer und Frauen in der Wirtschaft unterschiedlich behandelt werden. Das ist in einigen Ländern viel stärker der Fall als in anderen, aber es gilt für alle Länder.

Ein Maß für diese Ungleichheit ist das unterschiedliche Einkommen zwischen Männern und Frauen bei ansonsten ähnlichen Individuen. Abbildung 19.8 zeigt die erwarteten Lebenseinkünfte (Einkünfte aus Arbeit) von Männern und Frauen in den USA, die vom Zeitpunkt des Schulabschlusses bis zum Eintritt in den Ruhestand Vollzeit arbeiten. Die Unterschiede, die Sie in der Abbildung sehen können, sind also nicht darauf zurückzuführen, dass Frauen wegen der Kindererziehung (im Durchschnitt) längere Zeit nicht erwerbstätig sind.

Da sich die Qualität der Schulbildung von Männern und Frauen im Durchschnitt nicht unterscheidet (und Frauen in den meisten Tests gleich gut abschneiden), sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Arbeitsentgelt nicht auf Unterschiede bei den kognitiven Fähigkeiten oder der Qualität der Schulbildung zurückzuführen. Dennoch können Frauen auf allen Bildungsstufen mit deutlich geringeren Einkünften rechnen als Männer.

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Abbildung 19.8 Kategorische Ungleichheit: Schulbildung und Lebenseinkünfte von Männern und Frauen in den USA.

Adaptiert von Abbildung 5 in Anthony P. Carnevale, Stephen J. Rose und Ban Cheah. 2011. The College Payoff. Georgetown University Center on Education and the Workforce. (Anmerkung: Der Durchschnitt für Männer liegt bei 2 520 286 USD, für Frauen bei 1 909 714 USD)

Die Abbildung zeigt jedoch auch, dass eine zusätzliche Schulbildung zu einem höheren Lebenseinkommen beiträgt und dass Frauen mit einem Studienabschluss (Bachelor) wesentlich höhere Einkünfte erwarten können als Männer, die ihre Schulausbildung nach der Sekundarschule beendet haben.

In vielen Teilen der Welt erhalten Mädchen eine deutlich geringere Schulbildung als Jungen, aber wie Abbildung 19.9 zeigt, gehen Mädchen in den USA und in Frankreich im Durchschnitt genauso lange zur Schule wie Jungen, in Brasilien sogar länger. Länder, in denen Frauen in der Vergangenheit außerordentlich sozial und wirtschaftlich benachteiligt waren, wie China und Indonesien, haben die geschlechtsspezifische Diskrepanz bei den Schuljahren praktisch beseitigt, und Indien liegt zwar weit zurück, ist aber dabei, sie zu schließen.

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Abbildung 19.9 Kategorische Ungleichheit: Durchschnittliche Schuljahre, Mädchen im Vergleich zu Jungen (1970–2010).

Intergenerationale Ungleichheit

Neben kategorischen Unterschieden wie Nation, Geschlecht, Ethnie oder ethnischer Gruppe wird eine zweite Quelle wirtschaftlicher Ungleichheit innerhalb einer Nation vererbt. Sie können reich oder arm sein, einfach weil Ihre Eltern reich oder arm waren.

Vor 200 Jahren war es in den meisten Ländern selbstverständlich, dass eine Person ein Leben in Armut erwartet, nur weil ihre Eltern arm waren, oder dass eine Person das Eigentum an der Firma ihres Vaters und seinen sozialen Status erbt, ohne beweisen zu müssen, dass sie die beste Person für diese Aufgabe ist. Die Vererbung von Ungleichheit von einer Generation zur nächsten schien Teil der natürlichen Ordnung der Dinge zu sein.

intergenerationale Übertragung von wirtschaftlichen Unterschieden
Die Prozesse, durch die sich die wirtschaftliche Stellung der erwachsenen Söhne und Töchter der wirtschaftlichen Stellung der Eltern annähert. Siehe auch: intergenerationale Elastizität, intergenerationale Mobilität.
intergenerationale Ungleichheit
Das Ausmaß, in dem Unterschiede zwischen den Elterngenerationen an die nächste Generation weitergegeben werden, gemessen an der intergenerationalen Elastizität oder der intergenerationalen Korrelation. Siehe auch: intergenerationale Elastizität, intergenerationale Mobilität, intergenerationale Übertragung von wirtschaftlichen Unterschieden.

Dies hat sich jedoch mit der Verbreitung der öffentlichen Bildung und in vielen Ländern mit dem Rückgang der Diskriminierung armer Menschen aufgrund ihrer Ethnie, Religion oder einfach ihrer bescheidenen Herkunft geändert. In einigen Ländern hat der wirtschaftliche Status der Eltern einen großen Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Kinder; in anderen Ländern werden die Unterschiede zwischen den Eltern nur in geringem Maße an ihre Nachkommen weitergegeben.

Der Ausdruck intergenerationale Übertragung von wirtschaftlichen Unterschieden bezieht sich auf die Prozesse, durch die sich der wirtschaftliche Status der erwachsenen Kinder an den wirtschaftlichen Status der Eltern anpasst. Der Übertragungsprozess nimmt viele Formen an:

  • Kinder erben das Vermögen ihrer Eltern.
  • Die genetische Veranlagung der Kinder ähnelt der ihrer Eltern.
  • Durch den elterlichen Einfluss bei der Kindererziehung neigen Eltern und Kinder dazu, ähnliche Präferenzen, soziale Normen und außerhalb der formalen Schulbildung erworbene Kenntnisse, Fähigkeiten und soziale Verbindungen zu teilen.

Intergenerationale Ungleichheit tritt auf, wenn diese Prozesse zu Ähnlichkeit zwischen dem wirtschaftlichen Status der Eltern und ihrer Kinder führen: die Kinder der Wohlhabenden werden selbst reich, während die Kinder der weniger Wohlhabenden arm bleiben.7

Ökonominnen und Ökonomen sowie Soziologinnen und Soziologen messen die intergenerationale Ungleichheit, indem sie die Eltern nach ihrem Einkommen oder Vermögen einstufen und dann untersuchen, über welches Einkommen oder Vermögen ihre Kinder verfügen, wenn sie erwachsen sind. Sie bestätigen, dass es eine erhebliche intergenerationale Ungleichheit gibt. Kinder, deren Eltern ein hohes Einkommen hatten, werden wahrscheinlich selbst mit einem hohen Einkommen aufwachsen, und Kinder aus einkommensschwachen Familien werden als Erwachsene wahrscheinlich ein niedriges Einkommen haben.8

Dies geht aus Abbildung 19.10 hervor, die die intergenerationale Ungleichheit von Männern in den USA (linkes Feld) und Dänemark (rechtes Feld) auf der Grundlage ihrer Einkünfte aus Arbeit (Löhne oder Gehälter) misst. Der hohe Balken links im US-Panel bedeutet, dass von denjenigen, deren Väter im untersten Fünftel der Verteilung der Einkünfte lagen, 40 % selbst zum ärmsten Fünftel gehörten, während nur 7 % in das oberste Fünftel der Einkommensverteilung gelangten. Im Gegensatz dazu gehörten 36 % derjenigen, die im reichsten Fünftel geboren wurden, selbst zum reichsten Fünftel—der hohe violette Balken auf der rechten Seite.

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Abbildung 19.10 Intergenerationale Ungleichheit der Einkünfte: Die USA und Dänemark.

Tabelle 14 in Markus Jäntti, Bernt Bratsberg, Knut Røed, Oddbjørn Raaum, Robin Naylor, Eva Österbacka, Anders Björklund, and Tor Eriksson. 2006. ‘American Exceptionalism in a New Light: A Comparison of Intergenerational Earnings Mobility in the Nordic Countries, the United Kingdom and the United States.’ Discussion Paper Series 1938. Institute for the Study of Labor.

Einer der Gründe dafür, dass die Kinder der Reichen tendenziell reicher sind als die Kinder der Armen, ist die finanzielle Unterstützung, die reiche Eltern ihren Kindern gewähren, und zwar sowohl zu Lebzeiten der Eltern als auch nach deren Tod in Form von Erbschaften. Die Daten in Abbildung 19.10 basieren jedoch auf den Einkünften aus Arbeit und nicht auf dem geerbten Vermögen. Die Einkünfte von Eltern und Kindern scheinen in den USA ähnlich zu sein, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass Kinder wohlhabender Eltern eine bessere Schulbildung erhalten. Sie profitieren auch von den Netzwerken und Verbindungen ihrer Eltern, die den Zugang zum Arbeitsmarkt verbessern.

Die Daten aus Dänemark auf der rechten Seite deuten darauf hin, dass die Ausgangsbedingungen eher gleich sind. Nur 25 % der Kinder, deren Eltern zum ärmsten Fünftel der Bevölkerung gehören, landen selbst im ärmsten Fünftel, verglichen mit 40 % in den USA. Dies deutet darauf hin, dass diejenigen, die von relativ armen Eltern abstammen, in Dänemark weniger benachteiligt sind. Ebenso gehören 33 % derjenigen, deren Eltern zum reichsten Fünftel gehören, selbst zum reichsten Fünftel, verglichen mit 36 % in den USA. Diese Daten lassen den Schluss zu, dass die intergenerationale Ungleichheit in Dänemark geringer ist als in den USA, auch wenn es noch immer keine völlig gleichen Bedingungen zu geben scheint.

intergenerationale Elastizität
Beim Vergleich von Eltern und erwachsenen Nachkommen der prozentuale Unterschied im Status der zweiten Generation, der mit einem 1%igen Unterschied im Status der Elterngeneration verbunden ist. Siehe auch: intergenerationale Ungleichheit, intergenerationale Mobilität, intergenerationale Übertragung von wirtschaftlichen Unterschieden.
intergenerationale Mobilität
Veränderungen im relativen wirtschaftlichen oder sozialen Status zwischen Eltern und Kindern. Aufwärtsmobilität liegt vor, wenn der Status eines Kindes den der Eltern übersteigt. Abwärtsmobilität ist der umgekehrte Fall. Ein weit verbreitetes Maß für die intergenerationale Mobilität ist die Korrelation zwischen den Positionen von Eltern und Kindern (zum Beispiel in Bezug auf die Schulzeit oder das Einkommen). Ein weiteres Maß ist die intergenerationale Elastizität. Siehe auch: intergenerationale Elastizität, intergenerationale Übertragung von wirtschaftlichen Unterschieden.

Ein Maß, das den Gesamtgrad der intergenerationalen Ungleichheit einer Gesellschaft zusammenfassen kann, ist die intergenerationale Elastizität von Einkommen oder Vermögen. Um zu sehen, was diese misst, betrachten Sie zwei Paare von Vätern und Kindern. Der Vater des ersten Paares ist reicher als der Vater des zweiten Paares. Die intergenerationale Elastizität misst, wie viel reicher das Kind des wohlhabenden Vaters sein wird, als das Kind des ärmeren Vaters. Eine Elastizität von 0,5 bedeutet beispielsweise, dass das Kind eines Vaters, der 10 % reicher ist als der ärmere Vater, im Durchschnitt 5 % reicher ist als das Kind des ärmeren Vaters (wenn die Kinder erwachsen sind). Je höher die intergenerationale Elastizität ist, desto stärker wird der wirtschaftliche Status von Generation zu Generation weitergegeben und desto größer ist die intergenerationale Ungleichheit. In einer Gesellschaft mit einer hohen intergenerationalen Elastizität ist die intergenerationale Mobilität gering.

Der Begriff intergenerationale Elastizität hat nichts mit der üblichen Bedeutung des Wortes elastisch zu tun. Aber wie bei der Preiselastizität der Nachfrage geht es um die prozentuale Änderung von etwas, die mit einer prozentualen Änderung von etwas anderem verbunden ist.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen einem Maß für intergenerationale Ungleichheit wie der intergenerationalen Elastizität und dem Ausmaß der Ungleichheit unter den Mitgliedern einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt? Es gibt viele Gründe, warum diese beiden Größen zusammengehören sollten.

Abbildung 19.11 zeigt die Beziehung zwischen der intergenerationalen Elastizität der Einkünfte und der intergenerationalen Ungleichheit der Einkünfte zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wir bezeichnen die Ungleichheit der Einkünfte zu einem bestimmten Zeitpunkt, gemessen mit dem Gini-Koeffizienten für Einkommen, als Querschnittsungleichheit. Beachten Sie, dass wir die Auswirkungen von Steuern und staatlichen Transfers in Abbildung 19.11 nicht berücksichtigen, wenn wir sowohl die Einkommensungleichheit als auch die intergenerationale Übertragung von Einkünften messen, da wir an den Bewegungen dieser beiden Dimensionen der Ungleichheit interessiert sind, die unabhängig von der Regierungspolitik sind.

Vollbild

Abbildung 19.11 Intergenerationale Ungleichheit und Querschnittsungleichheit.

Miles Corak. 2013. ‘Inequality from Generation to Generation: The United States in Comparison.’ In The Economics of Inequality, Poverty, and Discrimination in the 21st Century, herausgegeben von Robert S. Rycroft. Santa Barbara, CA: Greenwood Pub Group; Wen-Hao Chen, Michael Förster, und Ana Llena-Nozal. 2013. ‘Globalisation, Technological Progress and Changes in Regulations and Institutions: Which Impact on the Rise of Earnings Inequality in OECD Countries?’ Working Paper Series 597. LIS.

Die Abbildung zeigt, dass in den betrachteten Ländern die Ungleichheit bei den Einkünften zu einem bestimmten Zeitpunkt tendenziell höher ist, wenn die Ungleichheit zwischen den Generationen groß ist. Die USA, das Vereinigte Königreich und Italien sind Beispiele für Länder, die sowohl eine hohe Querschnittsungleichheit als auch eine hohe intergenerationale Ungleichheit aufweisen. In anderen Ländern (Norwegen, Dänemark, Finnland) ist sowohl die intergenerationale Ungleichheit als auch die Querschnittsungleichheit recht gering. Einige Länder unterscheiden sich jedoch danach, welche Art der Ungleichheit am stärksten ausgeprägt ist. Vergleichen Sie zum Beispiel Kanada mit der Schweiz.

Führt die Querschnittsungleichheit zu intergenerationaler Ungleichheit oder umgekehrt oder beides oder keines von beiden? Wir wissen, dass Gesellschaften mit einer ausgeprägten Fairness- und Gleichbehandlungskultur wie Dänemark Politiken verabschieden, um die Ungleichheit zwischen den Menschen an einem bestimmten Zeitpunkt zu verringern, einschließlich großzügiger Leistungen für Arbeitslose und Pensionierte durch den Wohlfahrtsstaat. Gleichzeitig versuchen sie auch, die intergenerationale Ungleichheit einzuschränken, indem sie gleiche Chancen für eine qualitativ hochwertige Bildung bieten und andere Politiken verabschieden, die die Weitergabe der wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen den Generationen verringern würden. Dies ist ein Teil der Erklärung für den Kontrast zwischen Dänemark und den USA in Abbildung 19.10.

Eine weitere wahrscheinliche Ursache für die Korrelation in Abbildung 19.11 ist, dass in einem beliebigen Zeitraum (zum Beispiel einer Generation) einige Menschen Glück haben—zum Beispiel weil sie in einer Region leben, die einen wirtschaftlichen Boom erlebt hat—, während andere Pech haben—eine schwere Krankheit (ihre eigene oder die eines Familienmitglieds), eine ungeplante Schwangerschaft, ein geschäftliches Scheitern oder weil technologische Veränderungen oder Nachfrageverschiebungen ihre Fähigkeiten weniger wertvoll machen. Diese „Schocks“ führen zu mehr Ungleichheit in einer bestimmten Generation.

Wenn aber einkommensstarke Eltern ihren Kindern wirtschaftliche Vorteile verschaffen, wenn sie aufwachsen, dann bleiben diese Schocks auch nach dem Tod der Eltern bestehen. Ein Elternteil einer Person mag nur durch Glück reich geworden sein, aber ihre Kinder werden durch das Erbe ebenfalls reich sein (oder zumindest reicher, als sie es ohne das Erbe gewesen wären).

In Ländern, in denen die intergenerationale Ungleichheit beträchtlich ist, zum Beispiel in den USA, Italien und dem Vereinigten Königreich, werden hohe oder niedrige Einkommen, die auf Glück oder Pech zurückzuführen sind, an die nächste Generation weitergegeben und zu den Schocks des Glücks oder Pechs addiert, die die nächste Generation erlebt. Infolgedessen trägt die intergenerationale Ungleichheit zur Querschnittsungleichheit bei.

Sie kennen nun einige grundlegende Fakten über Ungleichheiten rund um den Globus. Mit diesen Fakten im Hinterkopf fragen wir uns, was, sofern überhaupt etwas, an der wirtschaftlichen Ungleichheit schlecht ist?

Übung 19.4 Wie Ungleichheiten bei der Geburt zwischen den Generationen fortbestehen

  1. Gehen Sie zurück zu den Geschichten von Yichen, Renfu, Stephanie und Mark und geben Sie alle Zufälle der Geburt an, die ihren wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg beeinflusst haben.
  2. Nennen Sie einige Gründe, warum die intergenerationale Ungleichheit und die Ungleichheit zwischen den Mitgliedern einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt positiv korreliert sind.

Frage 19.4 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Abbildung 19.10 zeigt den Anteil der Kinder im Einkünfte-Quantil in Abhängigkeit vom Einkünfte-Quantil des Vaters in den USA beziehungsweise in Dänemark.

Welche der folgenden Aussagen ist auf der Grundlage dieser Informationen richtig?

  • Die Daten sind ein Beleg für den ‚American Dream‘ (amerikanischer Traum), einen 1931 von James Truslow Adams geprägten Begriff, der sich auf ‚einen Traum von einer Gesellschaftsordnung bezieht, in der jeder Mann und jede Frau in der Lage sein soll, den höchsten Status zu erreichen, zu der sie von Natur aus fähig sind … unabhängig von den zufälligen Umständen der Geburt oder der Position‘ (in The Epic of America, 1931).
  • In den USA schafften es 7,4 % der Menschen aus den ärmsten 20 % der Familien zu den reichsten 20 % aufzusteigen.
  • In Dänemark ist es für die reichsten Familien viel schwieriger als in den USA, ihren Status in der nächsten Generation zu erhalten.
  • Die Abbildung lässt darauf schließen, dass die Regierungen nur sehr wenig tun können, um die intergenerationale Weitergabe des wirtschaftlichen Status einzudämmen.
  • Die intergenerationale Elastizität ist in den USA höher als in Dänemark, was die Theorie des amerikanischen Traums nicht bestätigt.
  • Der erste violette Balken auf der linken Seite liefert diese Informationen.
  • Der Prozentsatz der Väter der reichsten 20 %, deren Kinder ebenfalls zu den reichsten 20 % gehören, ist in Dänemark und in den USA ähnlich: 33,7 % im Vergleich zu 36 %.
  • Die Diagramme zeigen, dass in Dänemark der Vorteil, in eine reiche Familie hineingeboren zu werden, relativ geringer ist und der Nachteil, arm geboren zu werden, sicherlich geringer ist als in den USA. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass Dänemark versucht, die intergenerationale Mobilität zu verbessern, indem es zum Beispiel gleiche Chancen auf eine hochwertige Bildung bietet und die Bedeutung des Erbes verringert.

19.3 Was (sofern überhaupt etwas) ist schlecht an Ungleichheit?

Im November 2016 fragten wir Studierende, die anfingen Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität von Berlin zu studieren: „Was ist das dringendste Problem, mit dem sich Ökonominnen und Ökonomen heute beschäftigen sollten?“ Ihre Antworten sind in der Wortwolke in Abbildung 19.12 dargestellt, in der die Größe des Wortes oder der Phrase die Häufigkeit angibt, mit der dieser Begriff genannt wurde. Studierende an anderen Universitäten auf der ganzen Welt gaben ähnliche Antworten.

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Abbildung 19.12 Ungleichheit ist eines der Hauptprobleme, mit dem sich die Volkswirtschaftslehre nach Ansicht der Studierenden befassen sollte.

Wahrgenommene, ideale und tatsächliche Ungleichheiten

Einer der Gründe, warum Ungleichheit als Problem angesehen wird, ist, dass viele Menschen der Meinung sind, es gäbe zu viel davon.

Michael Norton, Professor für Betriebswirtschaftslehre, und Dan Ariely, Psychologe und Verhaltensökonom, befragten eine große Anzahl an Personen die in der USA leben, wie ihrer Meinung nach das Vermögen der USA verteilt werden sollte: Welcher Anteil davon sollte beispielsweise an die reichsten 20 % gehen? Sie wurden außerdem gebeten zu schätzen, wie ihrer Meinung nach das Vermögen tatsächlich verteilt ist.9

Abbildung 19.13 zeigt die Ergebnisse, wobei die oberen drei Balken die Verteilung zeigen, die verschiedene Gruppen von Befragten für ideal hielten, und der vierte Balken die Verteilung des Vermögens, die ihrer Meinung nach in den USA tatsächlich existiert. Der oberste Balken zeigt, dass die Befragten der Meinung sind, dass die reichsten 20 % im Idealfall etwas mehr als 30 % des gesamten Vermögens besitzen sollten—eine gewisse Ungleichheit ist also wünschenswert, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Demgegenüber zeigt der vierte Balken, welcher die Einschätzung über die tatsächliche Verteilung wiedergibt, dass die Befragten schätzen, dass die reichsten 20 % etwa 60 % des Vermögens besitzen. Der untere Balken gibt Auskunft über die tatsächliche Verteilung. In Wirklichkeit besitzt das reichste Fünftel 85 % des Vermögens. Die tatsächliche Verteilung ist viel ungleicher als die Schätzung der Öffentlichkeit—und steht in starkem Kontrast zu der geringeren Ungleichheit, die die Menschen gerne sehen würden.

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Abbildung 19.13 Ideale, geschätzte und tatsächliche Verteilung des Vermögens der Menschen in den USA.

Adaptiert von Abbildungen 2 und 3 in Michael I. Norton und Dan Ariely. 2011. ‘Building a Better America—One Wealth Quintile at a Time’. Perspectives on Psychological Science 6 (1): pp. 9–12.

Verschiedene Gruppen sind sich weitgehend einig über die ideale Verteilung des Vermögens. In Amerika lebende Personen mit einem Jahreseinkommen von mehr als 100 000 USD waren der Meinung, dass der Anteil, der an die obersten 20 % geht, etwas größer sein sollte als es diejenigen angaben, die weniger als 50 000 USD verdienten. Nicht in der Abbildung dargestellt: Die Wähler:innen der Demokratischen Partei wünschten sich eine gleichmäßigere Verteilung als die Wähler:innen der Republikanischen Partei, und Frauen bevorzugten mehr Gleichheit als Männer. Die Unterschiede zwischen diesen Gruppen waren jedoch gering.

Wann ist Ungleichheit ungerecht?

Obwohl es in den USA einen Konsens über das ideale Ergebnis zu geben scheint, sind Politiken zur Umverteilung von Einkommen und Vermögen umstritten und werden—wie in den meisten Ländern—leidenschaftlich diskutiert. Unterschiede im Eigeninteresse tragen zu den Argumenten bei. Reichere in Amerika lebende Personen lehnen zum Beispiel Umverteilungen zugunsten der Armen ab, während ärmere sie unterstützen.

Aber wie die Experimente in Einheit 4 vermuten lassen, ist das Eigeninteresse nur ein Teil der Erklärung. Die Menschen unterscheiden sich auch deshalb, weil sie unterschiedliche Ansichten darüber haben, warum die Armen arm sind und wie die Reichen reich geworden sind. In Laborbedingungen äußern Menschen oft starke Gefühle der Fairness und geben beträchtliche Geldsummen aus, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse mit den Vorstellungen von wirtschaftlicher Gerechtigkeit übereinstimmen.

So lehnen beispielsweise die Befragten im Ultimatum-Spiel ein ihrer Meinung nach unfaires Angebot ab und ziehen es vor, nichts zu erhalten und dem Antragsstellenden das gleiche Schicksal zu bereiten, als einer ungerechten Behandlung zuzustimmen. Sowohl reiche als auch arme Personen können der Meinung sein, dass ein hohes Maß an Ungleichheit ungerecht ist und dass die Regierung die wirtschaftlichen Ungleichheiten verringern sollte, selbst wenn dies bedeutet, dass sie für Politiken stimmen muss, die das verfügbare Einkommen der wählenden Person verringern würden.

In Einheit 5 lesen Sie über gegensätzliche Vorstellungen von Fairness, die nicht darauf beruhen, wie Menschen in Laborbedingungen Spiele spielen, sondern auf moralischen Grundsätzen. Prozessuale Theorien, das heißt Vorstellungen von Fairness, die darauf beruhen, wie die Ungleichheit zustande gekommen ist, konzentrieren sich nicht darauf, wie arm oder reich jemand ist, sondern warum die Person arm oder reich ist.

Die Ökonomin Christina Fong wollte wissen, ob die Menschen in den USA so denken, wenn es um ihre politische Unterstützung oder Ablehnung von steuerfinanzierten Politiken zur Erhöhung der Einkommen der Armen geht. Sie fand heraus, dass Personen, die der Meinung sind, dass harte Arbeit und Risikobereitschaft für den wirtschaftlichen Erfolg unerlässlich sind, eine Umverteilung zugunsten der Armen sehr viel weniger wahrscheinlich unterstützen als Personen, die der Meinung sind, dass der Schlüssel zum Erfolg in der Vererbung, im Weißsein, in den Beziehungen oder in der Herkunft der Eltern liegt.

Die Ergebnisse ihrer Studie sind in Abbildung 19.14 dargestellt. Beachten Sie, dass weiße Menschen, die glauben, dass es wichtig ist, weiß zu sein, um voranzukommen, eine Umverteilung zugunsten der Armen stark befürworten—offensichtlich, weil sie glauben, dass der Prozess, der den wirtschaftlichen Erfolg bestimmt, ungerecht ist.

Vollbild

Abbildung 19.14 Wie die Überzeugungen darüber, was es braucht, um voranzukommen, vorhersagen, ob die Menschen in den USA Regierungsprogramme zur Umverteilung von Einkommen an die Armen unterstützen oder ablehnen.

Abbildung 5.3 in Samuel Bowles. 2012. The New Economics of Inequality and Redistribution. Cambridge: Cambridge University Press; Christina Fong, Samuel Bowles, und Herbert Gintis. 2005. ‘Strong Reciprocity and the Welfare State’. In Handbook of Giving, Reciprocity and Altruism. Herausgegeben von Serge-Christophe Kolm und Jean Mercier Ythier. Amsterdam: Elsevier.

Dies legt nahe, dass die Frage „Wie viel Ungleichheit ist zu viel?“ für viele Menschen nicht beantwortet werden kann, solange wir nicht wissen, warum eine Familie oder eine Person reich oder arm ist. Viele Menschen empfinden es als ungerecht, wenn das Einkommen im Wesentlichen von dem abhängt, was wir als „Zufall der Geburt“ (kategorische Ungleichheit) bezeichnen—Ihre Ethnie, Ihr Geschlecht oder Ihr Geburtsland. Ungleichheiten, die auf harter Arbeit oder dem Eingehen von Risiken beruhen, werden seltener als Problem angesehen.

Übung 19.5 Geschätzte, ideale und tatsächliche Verteilung des Vermögens

Benutzen Sie diesen Gini-Koeffizienten-Rechner, um die Gini-Koeffizienten für das Vermögenseigentum zu bestimmen, die sich aus den geschätzten, idealen und tatsächlichen Verteilungen in Abbildung 19.13 ergeben. Hinweis: Sie müssen die Daten anhand des Diagramms visuell schätzen.

Übung 19.6 Gleiche Ausgangsbedingungen

Wenn man über „zu viel Ungleichheit“ nachdenkt, denken manche an den Gini-Koeffizienten, der die Ungleichheit zu einem bestimmten Zeitpunkt misst, während andere eher an der intergenerationalen Ungleichheit interessiert sind.

  1. Erläutern Sie am Beispiel zweier fiktiver Familien, eine aus Kanada und die andere aus der Schweiz, die in Abbildung 19.11 gezeigte Kombination aus Einkommensungleichheit im Querschnitt und intergenerationaler Ungleichheit in jedem der Länder.

Überlegen Sie nun, welche Indifferenzkurven Sie in diese Abbildung einzeichnen könnten, um die Kombinationen von Querschnittsungleichheit und intergenerationaler Ungleichheit anzugeben, die Ihrer Meinung nach gleichermaßen fair wären.

  1. Wenn Sie sich nur für den Gini-Koeffizienten interessieren würden und Ungleichheit ablehnen würden, wie würden sie aussehen?
  2. Wenn Ihnen nur die intergenerationale Elastizität wichtig wäre und Sie Un­gleichheit nicht mögen würden, wie sähen dann Ihre Indifferenzkurven aus?
  3. Zeichnen Sie in Abbildung 19.11 Indifferenzkurven nach Ihren persönlichen Präferenzen für die Querschnittsungleichheit und die intergenerationale Ungleichheit. Verwenden Sie Ihre Indifferenzkurven, um eine Rangfolge der Länder von der gerechtesten bis zur ungerechtesten zu erstellen.

19.4 Wie viel Ungleichheit ist zu viel (oder zu wenig)?

Wir wissen, dass Zufälle der Geburt eine große Rolle spielen. Aber selbst wenn die Ausgangsbedingungen gleich wären. (das heißt Zufälle der Geburt keine Rolle spielen würden), stünden wir immer noch vor der Frage: Wie reich sollten die Gewinnenden im Vergleich zu den Verlierenden sein?

Ein Instrument zur Betrachtung von Ungleichheit: Der Schleier der Unwissenheit.

Um über diese Frage nachzudenken, versetzen Sie sich in eine hypothetische Welt, in der Sie (vielleicht zusammen mit anderen Staatsangehörigen) aufgefordert werden, Ihr eigenes Gesellschaftsmodell zu entwerfen. Es wird zwei gleich große Gruppen oder Klassen geben, von denen die eine als „reicher“ und die andere als „ärmer“ bezeichnet wird. Sie werden in der von Ihnen entworfenen Gesellschaft leben, nachdem Sie die Frage beantwortet haben, wie reich die reichere Gruppe und wie arm die ärmere Gruppe sein soll.

Aber es gibt einen Haken: Zu welcher Klasse Sie gehören werden, wird durch den Wurf einer Münze bestimmt, nachdem Sie entschieden haben, wie ungleich die Gesellschaft sein wird.

Dieses Gedankenexperiment bezeichnete der amerikanische Philosoph John Rawls, dem wir in Einheit 5 begegnet sind, als die Wahl eines sozialen Vertrags hinter einem Schleier der Unwissenheit. Der „Schleier der Unwissenheit“ sorgt dafür, dass wir nicht wissen, welche Position wir in der Gesellschaft, die wir entwerfen, einnehmen würden.

Hinter dem kuriosen Konstrukt des Schleiers verbirgt sich ein wichtiges Konzept. Rawls Grundgedanke ist, dass die Gerechtigkeit unparteiisch sein sollte. Sie sollte nicht eine Gruppe gegenüber einer anderen bevorzugen, und der Schleier der Unwissenheit lädt dazu ein, so zu denken (weil man noch nicht weiß, welcher Gruppe man angehören wird). Rawls forderte uns auf, über Gerechtigkeit so zu denken, als ob:

niemand in der Gesellschaft den eigenen Platz, die eigene Klassenzugehörigkeit oder den sozialen Status kennt; auch weiß niemand, wie viel Glück man bei der Verteilung der natürlichen Ressourcen und Fähigkeiten hat, ob man intelligent und stark ist und so weiter. (A Theory of Justice, 1971)

Dies gibt uns keine Antwort auf die Frage, wie viel Ungleichheit es geben sollte, aber es zeigt einen Weg auf, wie man sie betrachten kann.

Realisierbare Ungleichheit

Die Volkswirtschaftslehre gibt uns Instrumente an die Hand, mit denen wir untersuchen können, welche Kombinationen von Einkommen der reichen und der armen Personen möglich sind und wie wir darüber nachdenken können, welche der Kombinationen anderen vorzuziehen sind.

Versuchen wir einmal, die Frage zu beantworten, wie reich die reichere Klasse und wie arm die ärmere Klasse sein sollte. Nehmen wir an, es gäbe keinen Unterschied zwischen den Einkommen der Reichen und der Armen. Nehmen wir an, dass in diesem Fall beide Klassen jährlich 100 000 USD (pro Erwachsenen) erhalten würden. Dies wird durch den Punkt E (für das englische „Equality“, übersetzt „Gleichheit“) in Abbildung 19.15 dargestellt, wo die 45-Grad-Linie alle Punkte mit gleichem Einkommen zwischen den beiden Gruppen angibt (es gibt also wirklich keinen Unterschied zwischen „reich“ und „arm“). Die Abbildung zeigt das jährliche Einkommen der armen Erwachsenen auf der einen und das jährliche Einkommen der reichen Erwachsenen auf getrennten Achsen.

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Abbildung 19.15 Die Wahl zwischen möglichen Einkommensverteilungen.

Gleichstellung von Arm und Reich
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Gleichstellung von Arm und Reich

Punkt E zeigt den Fall, in dem reiche und arme Personen das gleiche Einkommen erhalten.

Rawls optimaler Punkt
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Rawls optimaler Punkt

Rawls bevorzugter Punkt ist R, wo die armen Personen so reich wie möglich sind.

Die realisierbare Menge
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Die realisierbare Menge

Die rote gekrümmte Kurve, die durch R und E (und die anderen Punkte oberhalb von R) verläuft, ist die Grenze der realisierbaren Menge der Einkommensverteilungen dieser Wirtschaft. Ihre Steigung entspricht der GRT.

Das höchste zu erwartende Einkommen
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Das höchste zu erwartende Einkommen

Wenn Sie daran interessiert wären, Ihr erwartetes Einkommen zu maximieren, dann würden Sie Punkt A wählen, wo die Einkommensgewinne der reichen Personen genau durch die Einkommensverluste der armen Personen ausgeglichen werden, sodass die Grenzrate der Transformation gleich eins ist.

Wenn Sie wüssten, dass Sie reich werden würden
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Wenn Sie wüssten, dass Sie reich werden würden

Wenn Sie den Münzwurf so manipulieren könnten, dass Sie wüssten, dass Sie reich werden würden (und sich keine Gedanken über Fairness machen müssten), würden Sie Punkt F wählen.

Die schlechteste Variante für die armen Personen
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Die schlechteste Variante für die armen Personen

Punkt D stellt das minimale Einkommen der armen Personen dar und ist, wie E, nicht Pareto-effizient.

Ungleichheitsaversion
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Ungleichheitsaversion

Ungleichheitsaverse Staatsangehörige mit Indifferenzkurven, wie sie in den blauen Kurven dargestellt sind, würden Punkt B wählen.

Wäre dies Ihre Wahl? In dieser Version einer idealen Gesellschaft würden Sie nicht Gefahr laufen, nach dem Münzwurf im Vergleich zu anderen ärmer zu sein. Als Ökonomin oder Ökonom könnten Sie jedoch der Meinung sein, dass völlige Gleichheit in der Gesellschaft bedeuten würde, dass es keine ausreichenden Anreize für die Menschen gäbe, zu arbeiten, zu studieren und Risiken für Innovationen und Investitionen einzugehen, sodass zumindest eine gewisse Ungleichheit für alle besser wäre.

In der Abbildung stellen die Punkte zwischen E und R mögliche Kombinationen dar, bei denen die reichen Personen reicher sind als die armen Personen, aber auch die armen Personen reicher sind als sie es bei völliger Gleichheit wären. Anders ausgedrückt, könnten alle in jedem dieser Punkte, einschließlich des Punktes E, profitieren: Wenn man den reichen Personen mehr Einkommen gibt, können auch die armen Personen mehr Einkommen haben.

Vergleicht man die beiden Punkte, so stellt man fest, dass E Pareto-ineffizient ist, weil sowohl die reichen als auch die armen Personen bei R besser gestellt sind als bei E. Die Einkommensverteilung bei R ist auch diejenige, bei der die armen Personen so reich sind, wie es in dieser Wirtschaft möglich ist–wie die Machbarkeitsgrenze anzeigt. Dies ist der Punkt, den Rawls bevorzugt (und weshalb wir ihn Punkt R genannt haben).

Würden Sie R wählen? Beachten Sie, dass die Grenze oberhalb von R sehr steil ist. Das bedeutet, dass es möglich ist, die reichen Personen viel reicher zu machen, indem man das Einkommen der armen Personen ein wenig senkt.

Die rote Linie, die durch R und E (und die anderen Punkte oberhalb von R) verläuft, ist die Grenze der realisierbaren Menge von Einkommensverteilungen für die betroffene Wirtschaft. Wir gehen davon aus, dass eine Regierung Politiken verabschieden kann, um jeden dieser wirtschaftlich möglichen Punkte zu erreichen, aber in Einheit 22 werden wir die Möglichkeiten der Regierung einschränken, was die realisierbare Menge schrumpfen lassen würde. Wie bei allen Machbarkeitsgrenzen ist die Steigung eine Grenzrate der Transformation. In diesem Fall handelt es sich um die Transformation von Einkommensverlusten für die armen zu Einkommenszuwächse für die reichen Personen.

Wenn der Punkt R vorgeschlagen worden wäre, würden Sie dann andere Punkte weiter oben auf der Machbarkeitsgrenze in Betracht ziehen wollen? Denken Sie daran, dass Sie nach dem Münzwurf mit gleicher Wahrscheinlichkeit (also jeweils 1/2) entweder das Einkommen einer reichen oder das einer armen Person erhalten werden, Sie wissen also, dass:

Solange die Einkommenszuwächse der reichen Personen nur in geringem Maße auf Kosten der Einkommensverluste der armen Personen gehen, ist es auf jeden Fall besser, sich oberhalb von Punkt R zu bewegen. Wenn Sie an der Maximierung Ihres erwarteten Einkommens interessiert wären und sich nicht um den Grad der Ungleichheit kümmern würden, dann würden Sie Punkt A wählen, wo die Einkommenszuwächse der reichen Personen genau durch die Einkommensverluste der armen Personen ausgeglichen werden, sodass die Grenzrate der Transformation gleich 1 ist.

Aber nach Punkt A würden die Ungleichheiten so gravierend werden, dass das durchschnittliche Einkommen sinken würde und die reichen Personen ein immer größeres Stück von einem immer kleineren Kuchen bekämen. Dies könnte zum Beispiel geschehen, wenn die armen Personen nicht genug zu essen bekämen, um hart zu arbeiten. Ein anderes Beispiel wäre, wenn die armen Personen über ihre Lage so verärgert wären, dass die reichen Personen Sorge um die Sicherheit ihrer wirtschaftlichen Ressourcen hätten. Dann würden die reichen Personen ihre wirtschaftlichen Ressourcen lieber schützen, anstatt diese für die Produktion von Gütern oder Dienstleistungen einzusetzen. In der Folge würde die Produktion in der Wirtschaft zurückgehen. In Abbildung 19.30c sehen Sie Daten, die zeigen, dass ungleichere Gesellschaften (wie die USA, das Vereinigte Königreich und Italien) mehr Ressourcen für Beschäftigte im privaten und öffentlichen Sicherheitsbereich aufwenden als andere Länder mit einem ähnlichen Pro-Kopf-BIP aber weniger Ungleichheit.

Wie bei der realisierbaren Menge aus Einheit 5, als Angela und Bruno verhandelt haben, gibt es ein Mindesteinkommen, das die armen Personen erhalten können. Dieses Minimum könnte durch ihre biologischen Überlebensbeschränkung bestimmt sein, oder vielleicht durch die Tatsache, dass sie revoltieren würden, wenn das Einkommen unter dieses Niveau fallen würde. Es ist zu beachten, dass, wenn die armen Personen noch ärmer wären als in Punkt F, auch die reichen Personen darunter leiden würden. Wie Punkt E (maximale Gleichheit) ist also auch Punkt D (minimales Einkommen der armen Personen) nicht Pareto-effizient.

In der Abbildung haben wir die folgenden Einkommensverteilungen betrachtet:

  • E: vollständige Gleichheit
  • R: die Verteilung mit dem höchsten Einkommen für die armen Personen
  • A: das höchste durchschnittliche Einkommen der reichen und armen Personen
  • F: das maximale Einkommen der reichen Personen
  • D: die Verteilung, bei der die armen Personen ihren minimalen Lebensstandard erreicht haben

Eine Präferenz für Fairness

Was würden Sie wählen? Punkte zwischen D und F sind leicht auszuschließen, da sie für beide Gruppen schlechter sind als Punkt F. Das Gleiche gilt für Punkte zwischen E und R. Wenn man alle Pareto-ineffizienten Aufteilungen aus der Betrachtung ausschließt, bedeutet das, dass keine Punkte im Inneren der realisierbaren Menge in Frage kommen.

Es verbleiben also Punkte zwischen F und R. Wie werden Sie unter diesen Punkten wählen? Um diese Frage zu beantworten, müssen Sie Ihre Indifferenzkurven zu Rate ziehen. In diesem Fall gibt eine Indifferenzkurve die Kombinationen der Einkommen der beiden Klassen an, die Sie als gleich bewerten.

Kurven, die weiter vom Ursprung entfernt sind, werden bevorzugt (mehr Einkommen für beide Gruppen ist immer besser). Die Steigung dieser Indifferenzkurven ist die Grenzrate der Substitution zwischen Einkommen für die reichen und Einkommen für die armen Personen.

Sie würden dann Ihren Nutzen maximieren, indem Sie den Punkt auf der Machbarkeitsgrenze finden, an dem die Grenzrate der Transformation gleich der Grenzrate der Substitution ist. Wenn Sie Ihr eigenes erwartetes Einkommen maximieren wollen, dann würden Sie dem Einkommen der reichen und der armen Personen den gleichen Wert beimessen, da die Wahrscheinlichkeit, dass Sie das eine oder das andere sind, gleich groß ist.

Ungleichheitsaversion
Eine Abneigung gegen Ergebnisse, bei denen einige Personen mehr erhalten als andere.

Die Situation der ärmeren Klasse könnte Ihnen aber auch dann wichtig sein, wenn Sie das Glück hatten, beim Münzwurf der reicheren Klasse zugeordnet zu werden (denken Sie daran, dass Sie Ihre Wahl treffen müssen, bevor Sie Ihre Zuordnung kennen). Das heißt, Sie könnten eine Ungleichheitsaversion haben, das heißt Sie sorgen sich um Ihre eigenen Auszahlungen, mögen aber auch keine Ungleichheit zwischen Gruppen. In diesem Fall würden Sie eine Indifferenzkurve wie die in der Abbildung gezeigte blaue Indifferenzkurve haben. Sie würden sich für Punkt B entscheiden, der irgendwo zwischen Rawls optimalen Punkt (dem höchsten erreichbaren Einkommen der armen Personen) und Punkt A, dem höchsten durchschnittlichen Einkommen, liegt.

Das bekannte Diagramm der realisierbaren Menge und eine Reihe von Indifferenzkurven hilft dabei, die Entscheidungen über Ungleichheit und Fairness zu verdeutlichen, die einzelne oder mehrere der Bevölkerung treffen wollen. Sie sagt jedoch nichts darüber aus, wie einer der Punkte auf der Machbarkeitsgrenze tatsächlich umgesetzt werden könnte. Um das Ausmaß der Ungleichheit in einer Gesellschaft zu ändern, müssen eine oder mehrere der Ursachen für die derzeitige Ungleichheit geändert werden. Um die Einkommensungleichheit zu verstehen, müssen wir zunächst die Faktoren verstehen, die das Einkommen einer Person bestimmen.

Frage 19.5 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Abbildung 19.15 zeigt die Machbarkeitsgrenze der Einkommen von Reichen und Armen.

Welche der folgenden Aussagen ist richtig?

  • E, der Punkt der maximalen Gleichheit, ist Pareto-effizient.
  • Für die dargestellten ungleichheitsaversen Staatsangehörigen ist jeder Punkt zwischen R und F auf der Grenze jedem Punkt innerhalb der Grenze vorzuziehen.
  • Wenn die Chance, arm oder reich zu sein, 50-50 wäre, dann wäre das erwartete Einkommen am Punkt B maximiert.
  • Zwischen D und F führt ein niedrigeres Einkommen für die Armen auch zu einem niedrigeren Einkommen für die Reichen.
  • Punkt E ist nicht Pareto-effizient, da an Punkt R sowohl die Reichen als auch die Armen besser gestellt sind als an E. Dies spiegelt die Überzeugung wider, dass eine vollständige Gleichheit in der Gesellschaft den Staatsangehörigen die Anreize nehmen würde, zu arbeiten, zu studieren und Risiken einzugehen, sodass ein wenig Ungleichheit tatsächlich für alle besser sein könnte.
  • Zum Beispiel würden ungleichheitsaverse Staatsangehörige anstelle von Punkt R jeden Punkt bevorzugen, der von der Indifferenzkurve durch R und der Machbarkeitsgrenze umschlossen wird.
  • Hätte man eine 50-50 Chance, arm oder reich zu sein, dann wäre das Durchschnittseinkommen an dem Punkt maximiert, an dem GRT = –1 ist, das heißt eine Einheit Einkommensverlust für reich/arm führt zu genau demselben Gewinn für arm/reich (andernfalls könnte man das Gesamteinkommen durch Wahl eines anderen Punktes erhöhen). Dies ist Punkt A.
  • Zwischen D und F sinken sowohl die Einkommen der Reichen als auch der Armen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Reichen Ressourcen aufwenden müssen, um ihr Vermögen vor den Armen zu schützen, was zu einem geringeren Produktivität in der Wirtschaft führt.

19.5 Faktorausstattungen, Technologie und Institutionen

Einkommen und Faktorausstattungen

In diesem Abschnitt stellen wir einen Rahmen zur Verfügung, der erklärt, warum verschiedene Personen unterschiedliche Einkommen erhalten.

Faktorausstattung
Die Faktoren einer Person, die sich auf ihr Einkommen auswirken können, wie zum Beispiel das physische Vermögen, das eine Person besitzt, das heißt Grund und Boden, Wohnraum oder ein Portfolio von Aktien. Dazu gehören auch das Niveau und die Qualität der Schulbildung, spezielle Ausbildungen, die Programmiersprachen in denen die Person arbeiten kann, Arbeitserfahrung in Praktika, die Staatsangehörigkeit, ob die Person ein Visum (oder eine Green Card) besitzt, dass eine Beschäftigung auf einem bestimmten Arbeitsmarkt erlaubt, die Nationalität und das Geschlecht der Person und sogar die Ethnie oder der soziale Hintergrund der Person. Siehe auch: Humankapital.

Das Einkommen einer Person hängt von den Dingen ab, die in ihrem Eigentum sind, die sie ausmachen oder die es der Person ermöglichen, Einkommen zu beziehen. Diese Dinge, die das Einkommen eines Menschen beeinflussen, werden Faktorausstattungen genannt und umfassen:

Humankapital
Der Bestand an Wissen, Fähigkeiten, Verhaltensmerkmalen und persönlichen Eigenschaften, die die Arbeitsproduktivität oder die Einkünfte einer Person bestimmen. Investitionen in diesen Bestand durch Bildung, Ausbildung und Sozialisation können diesen Bestand erhöhen, und solche Investitionen sind eine der Quellen des Wirtschaftswachstums. Es ist Teil der Faktorausstattung einer Person. Siehe auch: Faktorausstattung.
  • Ihr finanzielles Vermögen: Ihre Ersparnisse, Aktien oder Anleihen, die in ihrem Eigentum sind und für die sie Zinsen oder Dividenden erhalten.
  • Ihr materielles Vermögen: Zum Beispiel Grundstücke oder die Gebäude und Maschinen eines Unternehmens, für die sie Gewinne oder Mieten erhalten und die sie als Sicherheiten verwenden können.
  • Ihre Schulbildung und Berufserfahrung, die ihren Wert für eine arbeitgebende Person oder ein arbeitgebendes Unternehmen und damit ihr Einkommen auf dem Arbeitsmarkt beeinflussen (manchmal auch als Humankapital bezeichnet).
  • Ihre Ethnie, ihr Geschlecht, ihr Alter und andere Aspekte, die sich auf den Lohn, den Zugang zu Krediten oder andere Austauschmöglichkeiten auswirken können.
  • Ihre Staatsangehörigkeit und die Frage, ob sie ein Visum haben, welches bestimmt, ob sie in einem bestimmten Land legal arbeiten können und somit auch ihr Einkommen auf dem Arbeitsmarkt bestimmt.
  • Jede andere Eigenschaft, jeder Besitz oder jede Fähigkeit, die sich auf das Einkommen auswirkt, das eine Person erhält.

Das Einkommen einer Person hängt also ab von:

  • ihren Faktorausstattungen
  • dem Einkommen, das sich aus jedem Element der Faktorausstattungen ergibt

Nehmen wir als Beispiel eine Person, Ella, deren Faktorausstattung die Fähigkeit ist, Vollzeit zu arbeiten (1750 Stunden) zu einem Lohn, der auf ihrer Qualifikation als Medizintechnikerin basiert (30 EUR pro Stunde). Außerdem erhält sie von der Regierung Kindergeld in Höhe von 2 000 EUR für ihr Kind. Ihre Faktorausstattung würde sich also wie folgt zusammensetzen:

  • Fähigkeit, 1750 Arbeitsstunden pro Jahr als Medizintechnikerin zu arbeiten
  • Anspruch auf Kindergeld zur Unterstützung bei der Betreuung ihres Kindes

Da sie nur eine Halbzeitbeschäftigung (875 Stunden) ausüben kann, beträgt ihr jährliches Einkommen aus allen Quellen: (875 Stunden × 30 EUR) + (1 Kindergeld × 2 000 EUR) = 26 250 EUR.

Betrachten wir nun Kamal, der kürzlich von seinem verstorbenen Vater eine Summe geerbt hat, die ausreicht, um ein kleines Unternehmen zu gründen. Zuvor war er als Geschäftsführer eines ähnlichen kleinen Unternehmens für 120 000 EUR pro Jahr tätig. Kamals Faktorausstattung ist:

  • die Fähigkeit, mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen als Manager in Vollzeit zu arbeiten
  • Eigentum an den Gebäuden, der Ausrüstung und anderen Vermögenswerten seines Unternehmens im Wert von 8 Millionen EUR

Würde er das Unternehmen nicht selbst leiten, müsste er eine Führungskraft in Vollzeit mit ähnlichen Fähigkeiten und Erfahrungen einstellen, was ihn 120 000 EUR kosten würde. Im letzten Jahr betrug der (buchhalterische) Gewinn seines Unternehmens 600 000 EUR, ohne Kamals eigene Bemühungen als Manager im Wert von 120 000 EUR pro Jahr zu berücksichtigen. Sein Einkommen ist also der Gewinn von 600 000 EUR, den wir in die Erträge aus seinen Bemühungen als Manager (120 000 EUR) und die Erträge aus dem Eigentum an Vermögenswerten (480 000 EUR) aufteilen.

Wenn wir untersuchen, warum Menschen unterschiedliche Faktorausstattungen haben und was das mit den einzelnen Faktorausstattungen verbundene Einkommen bestimmt, können wir die Einkommensungleichheit verstehen.

Die Faktoren, die das individuelle Einkommen beeinflussen, lassen sich anhand des Modells der Ursache-Wirkungs-Beziehungen in Abbildung 19.16 nachvollziehen. Die Pfeile zeigen von einer Ursache zu einer Wirkung.

Vollbild

Abbildung 19.16 Die kausalen Zusammenhänge zwischen Technologien, Institutionen und Politik, Faktorausstattungen und Ungleichheit.

Sowohl Institutionen als auch Technologien sind Teil der Erklärung für die unterschiedlichen Faktorausstattungen von Individuen. Kamal verfügte durch sein Erbe über einen wertvollen Vermögenswert, während Ella dank der subventionierten Hochschulbildung eine Ausbildung als Medizintechnikerin absolvieren konnte. Beides sind Beispiele für den Einfluss von Institutionen auf die Faktorausstattung.

Wir haben gesehen, dass die intergenerationale Ungleichheit dort größer ist, wo Erbschaften nicht stark besteuert werden und wo die Bildungspolitik es den Wohlhabenden ermöglicht, mehr und bessere Bildung für ihre Kinder zu erwerben. Wenn es in der Gesellschaft üblich ist, dass die Eheleute über ein ähnliches Vermögen verfügen—die so genannte „positive Auswahl“—, trägt dies zu Ungleichheiten in der Faktorausstattung bei. Beispielsweise tragen private Eliteuniversitäten zu einer positiven Auswahl bei, weil sie wie exklusive soziale Clubs den Nachkommen der Wohlhabenden die Möglichkeit bieten, sich zu treffen und Kontakte zu knüpfen. Auch dies sind Beispiele für Institutionen, die sich auf Unterschiede in der Faktorausstattung auswirken.

Darüber hinaus spielt auch Technologie eine Rolle. Wo es starke Skaleneffekte gibt, wie zum Beispiel bei digitalen Plattformen, unterstützen diese die „winner-take-all“-Formen des Wettbewerbs, die wir in Einheit 21 erläutern. In diesem Fall werden einige wenige Personen—die Gewinnenden („winners“)—am Ende über eine beträchtliche Faktorausstattung in Form von wertvollen finanziellen oder realen Vermögenswerten verfügen, während die übrigen Personen mit wenig herauskommen.

Der Wert einer bestimmten Faktorausstattung, zum Beispiel der Beherrschung von Programmiersprachen oder dem Eigentum eines 3D-Druckers, hängt sowohl von Technologien und Institutionen als auch von anderen Faktoren ab, einschließlich Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage nach Ellas Fähigkeiten war begrenzt, vielleicht aufgrund von Kürzungen der Ausgaben im Gesundheitswesen, sodass sie nicht Vollzeit arbeiten konnte. Nächstes Jahr könnte Kamals Unternehmen dem Wettbewerb durch neuer Konkurrenz ausgesetzt sein, sodass die Rendite von 7,5 % (600 000 USD/ 8 000 000 USD), die er in diesem Jahr erzielt hat, unmöglich wird. Beides sind Beispiele dafür, wie Institutionen das Einkommen aus einem Vermögenswert beeinflussen.

Auch Technologie spielt eine Rolle. Körperliche Stärke war eine wertvolle Faktorausstattung in der Landwirtschaft—zumindest solange, bis sie durch die Mechanisierung an Bedeutung für die Einkünfte verlor. In diesem Fall verringerte ein Wandel in der Technologie (Mechanisierung) die Nachfrage nach einer bestimmten Art von Fähigkeiten, sodass ihr Wert (im Vergleich zu anderen Fähigkeiten) sank. Der Wert eines Grundstücks hängt beispielsweise davon ab, wie ertragreich es für den Anbau marktfähiger Pflanzen ist (Technologien) und ob es für gewerbliche oder private Zwecke freigegeben ist (Institutionen).

Mit dem Modell die Ungleichheit aus früheren Einheiten untersuchen

In den vorangegangenen Einheiten haben wir analysiert, wie Unterschiede in der Faktorausstattung die wirtschaftlichen Folgen, einschließlich der Ungleichheit, bestimmen. Abbildung 19.17 fasst diese Umstände zusammen, beginnend mit der Interaktion aus Einheit 5 zwischen Bruno, dem Grundstückeigentümer, und Angela, der von ihm beschäftigten Landwirtin.

Erinnern Sie sich daran, dass die Höhe von Brunos Einkommen und die Ungleichheit zwischen den beiden von folgenden Faktoren abhängt:

  • Ihren Faktorausstattungen: Die Tatsache, dass Bruno Eigentümer des Grundstücks war, bedeutete, dass er Angela von der Arbeit auf dem Land ausschließen konnte.
  • Angelas Produktivität als Arbeitskraft: Diese wird bestimmt durch Angelas Faktorausstattung mit Fähigkeiten und Kapazitäten sowie durch die verfügbare Technologie.
  • Angelas Reservationsoption: Was Angela bekommen würde, wenn sie sich weigern würde, für Bruno zu arbeiten, oder er sich weigern würde, sie einzustellen. Dies hat großen Einfluss auf ihre Verhandlungsmacht im Umgang mit Bruno. Sie wird durch ihre Faktorausstattung und die vorhandenen Institutionen oder Maßnahmen bestimmt.

Die Faktorausstattung der Personenpaare in Abbildung 19.17 ist in der zweiten Spalte der Abbildung dargestellt. Im ersten Beispiel ist Bruno Eigentümer des Grundstücks und Angela hat nur ihre Zeit und ihre Fähigkeit zu arbeiten. Diese Ungleichheit im Eigentum an Grund und Boden ist von Bedeutung, weil sie bestimmt, wer für wen arbeiten muss und wer Einkommen daraus erzielen kann, anderen zu erlauben, mit den eigenen Investitionsgütern oder auf dem eigenen Land zu arbeiten.

Faktorausstattungen spielen auch deshalb eine Rolle, weil sie Angelas Reservationsoption verändern. Wenn Angela Eigentümerin eines Grundstücks wäre, das sie selbst bewirtschaften könnte, müsste Bruno ihr zumindest so viel zahlen, dass sie lieber für ihn als auf ihrem eigenen Land arbeiten würde.

Erinnern Sie sich daran, dass sich Angelas Reservationsoption durch eine Änderung der Institutionen oder der Politik ändern kann. Vor dem Erlass des Gesetzes waren die Institutionen so beschaffen, dass Bruno sie einfach zur Arbeit zwingen konnte, und das Einzige, was die Höhe des Überschusses einschränkte, den er erhalten konnte, war die Notwendigkeit, Angela gesund genug zu halten, um am nächsten Tag zu arbeiten.

Die institutionelle Änderung, die ihr das Recht gab, Nein zu sagen, verbesserte ihre Reservationsoption. Bruno musste Angela ein Angebot machen, bei dem sie besser dran war, für ihn zu arbeiten, als nicht zu arbeiten. Angelas neues „Recht, Nein zu sagen“ erhöhte den Wert ihrer Faktorausstattung.

In der letzten Spalte von Abbildung 19.17 betrachten wir, wie sich Veränderungen in der Technologie auf den Grad der Ungleichheit auswirken. In der Zeile, in der es um die Eigentümer:innen eines Unternehmens und die Beschäftigten geht, kann eine Technologie zur Einsparung von Arbeitskräften—wie wir in Einheit 16 gesehen haben—zumindest anfänglich die Zahl der von einem Unternehmen benötigten Arbeitskräfte verringern, wodurch die Beschäftigten anfälliger für den Verlust ihres Arbeitsplatzes werden und die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass diejenigen, die entlassen wurden, einen anderen Arbeitsplatz zum gleichen Lohn erhalten.

Neben Technologien beeinflussen auch Institutionen und politische Maßnahmen den Wert der Faktorausstattung. Im Beispiel von Ella, der Medizintechnikerin, sind ihre spezialisierten Fähigkeiten Teil ihrer Faktorausstattung, aber ihr bezahlter Wert (in diesem Beispiel 30 EUR pro Stunde) hängt von den Institutionen ab. Wenn sie von dem arbeitgebenden Unternehmen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert wird, könnten ihre Fähigkeiten weniger wert sein. Wenn für diese Arbeit eine Lizenz erforderlich ist, dann ist der Wert ihrer Fähigkeiten größer, wenn sie eine Lizenz hat. Dies sind Beispiele für Institutionen und Politiken, die den Wert der Faktorausstattung beeinflussen.

Der Kreditmarkt in Einheit 10 ist ein weiteres Beispiel. Erinnern Sie sich, dass Julias Faktorausstattung im nächsten Jahr 100 USD beträgt. Was sie jetzt konsumieren kann, hängt von ihrem Vermögen ab (was in der Badewanne ist), sowie von Institutionen und Politiken, die bestimmen, ob sie ein Darlehen aufnehmen kann, und von dem Zinssatz, zu dem sie ein Darlehen aufnehmen kann.

Wenn ihre einzige Option die Geldverleihenden in Chambar oder eine darlehensgebende Person in New York ist, muss sie einen hohen Zinssatz zahlen, und ihr Vermögen ist (jetzt) viel weniger als 100 USD wert. Wenn sie ein Darlehen zu einem niedrigen Zinssatz aufnehmen kann, liegt ihr Vermögen bei etwa 100 USD. Wenn sie überhaupt kein Darlehen aufnehmen kann, dann ist nichts in der Badewanne und ihr Vermögen ist gleich Null.

Wie Faktorausstattungen, Technologie, Institutionen und Ungleichheit im Laufe der Zeit interagieren

Die Faktorausstattung und das daraus resultierende Einkommen ändern sich ständig, wenn die Menschen mehr Fähigkeiten erwerben oder wenn der Wert einer Faktorausstattung—zum Beispiel eines Grundstücks oder einer Mietwohnung—sinkt. Abbildung 19.16 veranschaulicht die Ursachen von wirtschaftlicher Ungleichheit. In Abbildung 19.18 wird die Ungleichheit als Ursache von Veränderungen in Institutionen, Technologien und Unterschieden in der Faktorausstattung dargestellt.

Der Pfeil von der wirtschaftlichen Ungleichheit zu den Unterschieden in der Faktorausstattung in der nächsten Periode erfasst die Tatsache, dass Kinder reicherer Eltern am Ende eine bessere und hochwertigere Ausbildung oder ein größeres geerbtes Vermögen haben können.

Vollbild

Abbildung 19.18 Wirtschaftliche Ungleichheit im Zeitverlauf. Die roten Pfeile zeigen, dass wirtschaftliche Ungleichheit in einer Periode Auswirkungen auf Technologien, Institutionen und Politiken sowie auf Unterschiede in der Faktorausstattung in der Zukunft hat.

Wirtschaftliche Ungleichheit kann auch Institutionen und Politiken beeinflussen. Ein Beispiel, das wir in Einheit 22 sehen werden, ist, dass in den meisten Ländern—selbst in Demokratien—eine wohlhabende Person in der Regel mehr Einfluss auf Entscheidungen der Regierung hat als eine arme Person. Eine größere Kluft zwischen den Reichen und den Armen könnte den politischen Vorteil der Wohlhabenden vergrößern und zu einer Politik führen, die diejenigen mit höherem Einkommen begünstigt.

Übung 19.7 Yichen, Renfu, Mark und Stephanie

Betrachten Sie die wirtschaftliche Situation von Yichen, Renfu, Mark und Stephanie, die zu Beginn dieser Einheit besprochen wurde. Geben Sie Beispiele dafür, wie Technologien, Institutionen und Unterschiede in der Faktorausstattung die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen diesen Agierenden erklären und wie sich die Ungleichheit zwischen ihnen im Laufe der Zeit verändern könnte.

19.6 Ungleichheit, Faktorausstattung und Prinzipal-Agent-Beziehungen

Wir erinnern uns, dass die Modelle des Arbeitsmarktes und des Kreditmarktes in den Einheiten 9 und 10 den Grundstein für unsere makroökonomischen Modelle zur Funktionsweise der gesamten Wirtschaft gelegt haben. Außerdem waren sie der Ausgangspunkt für die Untersuchung der Folgen von Schocks und Politiken auf Beschäftigung, Einkommen und Inflation in der gesamten Wirtschaft. Wir haben die Lorenzkurve verwendet, um die Auswirkungen auf die Ungleichheit zusammenzufassen. Bei der Erläuterung des Ungleichheitsmodells in Abbildung 19.16 haben wir Beispiele aus dem Arbeits- und Kreditmarkt verwendet.

Prinzipal–Agent-Beziehung
Diese Beziehung besteht, wenn eine Partei (der Prinzipal) möchte, dass eine andere Partei (der Agent) auf eine bestimmte Art und Weise handelt oder eine Eigenschaft hat, die im Interesse des Prinzipals liegt und die nicht in einem verbindlichen Vertrag durchgesetzt oder garantiert werden kann. Siehe auch: unvollständiger Vertrag. Auch bekannt als: Prinzipal-Agent-Problem.

Die Prinzipal-Agent-Modelle geben uns auch eine neue Möglichkeit, eine wichtige Dimension der Ungleichheit zu untersuchen: Machtunterschiede wirken sich auf die Art der Entscheidungen aus, die eine Person treffen kann. Prinzipale sind in der Lage, Macht über Agenten auszuüben, aber Agenten können selten Macht über Prinzipale ausüben. Der Grund dafür wird im folgenden erklärt.

Die arbeitgebende Person (die Eigentümerin, der Eigentümer oder das Management, das auf dem Arbeitsmarkt Prinzipal ist) hat die Macht zu bestimmen, was das Unternehmen produziert, welche Technologie eingesetzt wird und in welchem Land die Produktion angesiedelt wird. Diese hat auch die Macht, den Lohn und die Aufgaben festzulegen, die eine beschäftigte Person ausführen soll, und kann diese auch entlassen. Die beschäftigte Person entscheidet selbst, wie sie ihre Arbeit innerhalb der von der arbeitgebenden Person gesetzten Grenzen ausführt.

Um die beschäftigte Person zu motivieren, hart und gut zu arbeiten, setzt die arbeitgebende Person den Lohn so fest, dass die beschäftigte Person mit dem Job besser dasteht als ohne ihn und eine ökonomische Rente erhält. Die arbeitgebende Person kann die beschäftigte Person entlassen und ihr die Beschäftigungsrente vorenthalten, die sie sonst erhalten würde. Die Angst vor dem Verlust dieser Rente ist ein wichtiger Grund den Wünschen der arbeitgebenden Person nachzukommen. Sie ist auch der Grund, warum die arbeitgebende Person Macht über die beschäftigte Person hat.

Die beschäftigte Person könnte natürlich kündigen. Aber das macht die Beziehung nicht gleichwertig, wenn es um Macht geht. Wenn sie eine ökonomische Rente erhält, würde sie sich selbst bestrafen, indem sie kündigt, und die arbeitgebende Person würde sie einfach durch eine derzeit arbeitssuchende Person ersetzen.

Wir können dies mit den Beziehungen zwischen preisnehmenden Kaufenden und Verkaufenden im Gleichgewicht des Wettbewerbsmarktes vergleichen. Keiner der handelnden Parteien ist in der Lage, von einer anderen das eine oder andere Verhalten zu verlangen. Denken Sie zum Beispiel an die kaufende Person, die die verkaufenden Person auffordert, die Ware zu einem niedrigeren Preis anzubieten, und damit droht, die Ware andernfalls nicht zu kaufen. Was würde die verkaufende Person tun? Gar nichts. Die verkaufende Person kann so viel wie sie will zum aktuellen Preis verkaufen (denken Sie daran, dass die Nachfragekurve für ein einzelnes Unternehmen flach ist).

Einen zweiten Gegensatz finden wir unter den Interaktionen, die wir in Einheit 4 untersucht haben, wo die Handlungsmöglichkeiten für alle Parteien identisch waren—zum Beispiel entweder integrierte Schädlingsbekämpfung oder chemische Düngemittel einsetzen, entweder C++ oder Java lernen.

Wie die Beziehung zwischen arbeitgebenden Personen oder Unternehmen und Beschäftigten, spiegeln auch die anderen Prinzipal-Agent-Beziehungen, die wir gesehen haben, die ungleichen Beziehungen zwischen Menschengruppen mit unterschiedlicher Faktorausstattung wider, zum Beispiel zwischen Grundstückeigentümer:innen und Ackerbau-Betreibenden oder zwischen Darlehensnehmenden und -gebenden.

Abbildung 19.19 veranschaulicht, wie die Kredit- und Arbeitsmärkte die Beziehungen zwischen den Gruppen der Darlehensgebenden und Darlehensnehmenden sowie zwischen den Beschäftigten und Arbeitgebenden beeinflussen.

Ausgehend von der oberen linken Seite der Abbildung können wohlhabende Personen ihr Vermögen zum Kauf von Investitionsgütern einsetzen, um zu Eigentümer:innen von Unternehmen zu werden, und sie können auch an andere Darlehen vergeben. Unter den weniger wohlhabenden Personen wird es einige erfolgreiche Darlehensnehmende geben, die dadurch auch zu Eigentümer:innen von Unternehmen werden können. Diejenigen, die über noch weniger Vermögen verfügen, können kein Darlehen aufnehmen (sie gehören zu den Kreditunwürdigen, die Sie in Einheit 10 untersucht haben, oder können nur dann ein Darlehen aufnehmen, wenn das Haus als Sicherheit für die Hypothek dient) und sind gezwungen, Arbeit als Beschäftigte zu suchen. Die Eigentümer:innen von Unternehmen stellen dann Arbeitskräfte aus dem Kreis der weniger Wohlhabenden ein, wobei einige arbeitslos bleiben (aufgrund der Funktionsweise des Arbeitsmarktes, die Sie in den Einheiten 6, 9 und 15 untersucht haben).

Die horizontalen Pfeile deuten auf eine Prinzipal-Agent-Beziehung hin. Darlehensgebende und arbeitgebende Eigentümer:innen von Unternehmen sind die Prinzipale in der Abbildung; ihre gemeinsame rote Farbe zeigt diese Ähnlichkeit an. Die Agenten—erfolgreiche Darlehensnehmende und Eigentümer:innen—sind grün gefärbt, um sie von den vermeintlichen Agenten (kreditunwürdige und arbeitslose Personen) zu unterscheiden, die lila gefärbt sind. Sie wollen auf keinen Fall zu den lila Boxen gehören. Aber selbst wenn sie als Agent das Glück haben, in einer der grünen Boxen zu sein, können die Prinzipale sie wieder in die lila Box stecken, indem sie sich einfach weigern, mit ihnen zu verhandeln. In diesem Sinne haben Darlehensgebende und Eigentümer:innen von Unternehmen Macht über die Darlehensnehmenden und die Beschäftigten.

Vollbild

Abbildung 19.19 Die Kredit- und Arbeitsmärkte beeinflussen die Beziehungen zwischen Gruppen mit unterschiedlicher Faktorausstattung.

Eine Modellwirtschaft
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Vollbild

Eine Modellwirtschaft

Betrachten Sie eine Wirtschaft mit wohlhabenden Individuen und beschäftigten Personen.

Vom Kreditmarkt ausgeschlossen
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Vom Kreditmarkt ausgeschlossen

Wer kein Vermögen (Sicherheiten) oder kein ausreichendes Vermögen hat, ist vom Kreditmarkt ausgeschlossen.

Wohlhabende Personen und erfolgreiche Darlehensnehmende
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Wohlhabende Personen und erfolgreiche Darlehensnehmende

Diese Menschen können Investitionsgüter erwerben, um arbeitgebende Eigentümer:innen von Unternehmen zu werden.

Diejenigen, die nicht wohlhabend sind
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Diejenigen, die nicht wohlhabend sind

Dies sind Beschäftigte oder Arbeitslose.

Die arbeitgebenden Eigentünmer:innen stellen auf dem Arbeitsmarkt Beschäftigte ein
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Die arbeitgebenden Eigentünmer:innen stellen auf dem Arbeitsmarkt Beschäftigte ein

Hier sind die arbeitslosen Personen nicht berücksichtigt.

Abbildung 19.19 hilft uns zu verstehen, warum manche Menschen als Prinzipal (zum Beispiel arbeitgebende Eigentümer:innen von Unternehmen) enden, während andere als Agent (beschäftigte Personen) enden. Wer wohlhabend ist, kann sowohl eine darlehensgebende Person als auch eine arbeitgebende Person sein. An dem Sprichwort, dass „Menschen in ihre wirtschaftliche Position hineingeboren werden“, ist etwas dran. In einigen Volkswirtschaften war dies in der Vergangenheit buchstäblich der Fall. So wurde zum Beispiel die Stellung der Versklavten durch die Versklavung ihrer Kinder per Gesetz aufrechterhalten.

Etwas Ähnliches kann dort geschehen, wo Vermögen von Eltern auf Kinder vererbt wird. Die Kinder von Beschäftigten (die wenig Vermögen erben) werden auch eher zu Beschäftigten der nächsten Generation, als Kinder von arbeitgebenden Eigentümer:innen. Sie haben bereits gesehen, dass die Kinder wohlhabender Eltern in den USA auch als Erwachsene in der Regel ein hohes Einkommen haben (Abbildung 19.10).

Aber sehen Sie sich diese Abbildung noch einmal an: Selbst in den USA gibt es eine gewisse Mobilität zwischen den Einkommensgruppen, und in Dänemark ist die intergenerationale Ungleichheit sehr gering. Um eine arbeitgebende Person zu werden, muss man über ausreichendes Vermögen verfügen. Die Vererbung von Vermögen von den Eltern ist jedoch nicht der einzige Weg, und in einigen Ländern nicht einmal der wichtigste Weg, an Vermögen zu kommen. Das Vermögen, das notwendig ist, um eine arbeitgebende Person zu werden, kann durch Sparen erzielt werden. Außerdem könnte man ein großartiges Projekt entwickeln und Investierende, so genannte „Risikokapitalgebende“, davon überzeugen, es zu finanzieren.

In den Einheiten 13 und 16 haben wir auch gesehen, dass Individuen im Laufe ihres Lebens zwischen den verschiedenen Boxen wechseln können. Eine jüngere Person kann zunächst eine darlehensnehmende Person sein und später im Leben zu einer darlehensgebenden Person werden; auf eine Phase der Arbeitslosigkeit kann eine Phase der Beschäftigung folgen.

Frage 19.6 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Welche der folgenden Aussagen sind richtig?

  • Faktorausstattungen sind Fakten über eine Person, die ihr Einkommen beeinflussen können.
  • Einen Abschluss zu haben oder nicht zu haben, stellt keinen Unterschied in der Faktorausstattung dar, wenn es sich um eine individuelle Entscheidung handelt.
  • Alle Personen haben die gleiche Reservationsoption, unabhängig von ihrer Faktorausstattung.
  • Ein Visum (Arbeitserlaubnis für Personen mit anderer Staatsangehörigkeit) ist kein Element der Faktorausstattung einer Person, da es nicht verkauft werden kann.
  • Dies ist die Definition von Faktorausstattung.
  • Ob jemand einen Abschluss hat oder nicht, wirkt sich auf das Einkommen der einzelnen Person aus. Daher hat jemand mit und jemand ohne Abschluss eine unterschiedliche Faktorausstattung.
  • Reservationsoptionen hängen von der Faktorausstattung einer Person ab. Beispielsweise besteht die Reservationsoption einer Eigentümerin oder eines Eigentümers eines Unternehmens darin, eine andere Arbeitskraft einzustellen, während die Reservationsoption einer beschäftigten Person darin besteht, Arbeitslosengeld zu beziehen.
  • Die Vermarktbarkeit ist nicht Teil der Definition einer Faktorausstattung. Eine Faktorausstattung ist alles, was sich auf das Einkommen einer Person auswirken kann—einschließlich des richtigen Visums.

19.7 Das Modell in die Praxis umsetzen: Erklärung von veränderter Ungleichheit

Das im vorangegangenen Abschnitt vorgestellte Modell hilft uns zu verstehen, warum Menschen unterschiedliche Einkommen haben. Um die Ungleichheit zu verstehen, müssen wir jedoch die Veränderungen über die gesamte Einkommensverteilung hinweg betrachten. In diesem Abschnitt werden wir das Arbeitsmarktmodell aus Einheit 9 in Verbindung mit unserem Verständnis der Einflussfaktoren auf das individuelle Einkommen anwenden, um die Auswirkungen folgender Faktoren auf die Ungleichheit zu untersuchen:

  • eine Anhebung des Bildungsniveaus der Erwerbstätigen
  • eine Abnahme der Diskriminierung eines Teils der Erwerbstätigen
  • Automatisierung der Produktion, die die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen verringert und nach anderen erhöht

Bevor Sie fortfahren, sollten Sie sich die Funktionsweise des in Einheit 9 beschriebenen Arbeitsmarktmodells vergegenwärtigen.

Besser ausgebildete und produktivere Erwerbstätige

Welche Folgen hat es, wenn die Beschäftigten eine höhere Schulbildung haben? Wir gehen davon aus, dass eine bessere Schulbildung die Produktivität erhöht, das heißt, dass eine Einheit Arbeit einer besser ausgebildeten Person bei gleicher Technologie mehr Güter pro Stunde produziert. Die unmittelbare Auswirkung einer besseren Schulbildung auf eine Person besteht also darin, dass sich ihre Faktorausstattung in Bezug auf die Arbeit verbessert. Wenn alles andere gleich bleibt, bedeutet die erhöhte Produktivität, dass jede einzelne Person einen höheren Lohn für ihre Arbeit erhalten kann.

Was aber, wenn die gesamten Erwerbstätigen besser ausgebildet sind? Dies könnte zum Beispiel durch eine Anhebung des schulpflichtigen Alters erreicht werden. Bei dem vorher bestehenden Reallohn führt die höhere Produktivität zu einem höheren Gewinn für die Unternehmen. Dadurch verschiebt sich die Preissetzungskurve nach oben, wie im linken Feld von Abbildung 19.20 dargestellt. Höhere Gewinne führen dazu, dass neue Unternehmen gegründet werden und bestehende Unternehmen zusätzliche Arbeitskräfte einstellen, wodurch die Arbeitslosenquote fällt. Eine niedrigere Arbeitslosigkeit wiederum erleichtert es einer entlassenen Person, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Dadurch verbessert sich die Reservationsposition der Beschäftigten und der Lohn steigt. Die Beschäftigten verfügen über eine bessere, produktivere Faktorausstattung in Bezug auf die Arbeitszeit und erzielen bessere Preise für ihre Faktorausstattung.

Die Auswirkungen auf die Ungleichheit sind im rechten Feld von Abbildung 19.20 dargestellt. Es gibt jetzt weniger Arbeitslose. Der Abschnitt der Lorenzkurve, der die Beschäftigten darstellt, ist nun flacher, da trotz des gestiegenen Reallohns ein größerer Teil der Arbeitskräfte (85 % statt 80 %) die gleichen 60 % des (nun gestiegenen) Outputs erhält.

Der Abschnitt der Eigentümer:innen bleibt unverändert, weil dieselben 10 % der Bevölkerung weiterhin 40 % des Outputs erhalten; wie die Löhne der Beschäftigten sind auch ihre Gewinne gestiegen, weil mehr produziert wird. In diesem Beispiel wirkt sich die höhere Bildung und Produktivität der Erwerbstätigen auf die Ungleichheit aus, indem der Gini-Koeffizient von 0,36 auf 0,33 sinkt.

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Abbildung 19.20 Die Auswirkung der besser ausgebildeten Erwerbstätigen auf die Ungleichheit zwischen arbeitgebenden Unternehmen, Beschäftigten und Arbeitslosen: Der gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarkt und die Lorenzkurve.

Unsere Modellwirtschaft
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Unsere Modellwirtschaft

Betrachten Sie, wie sich die im linken Feld beschriebene Wirtschaft mit ihrem anfänglichen Gleichgewicht im Punkt X verändert, wenn die Erwerbstätigen (sowohl die beschäftigten als auch die arbeitslosen Personen) besser ausgebildet sind.

Die Produktivität der Beschäftigten steigt, wodurch sich die Preissetzungskurve nach oben verschiebt
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Die Produktivität der Beschäftigten steigt, wodurch sich die Preissetzungskurve nach oben verschiebt

Der Lohn, der mit dem gewinnmaximierenden Preisaufschlag des preissetzenden Unternehmens vereinbar ist, ist jetzt höher.

Unternehmen kommen hinzu
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Unternehmen kommen hinzu

Als Reaktion auf die höheren Gewinne wird die Produktion ausgeweitet, wodurch die Arbeitslosenquote sinkt. Da dies die Reservationsposition der Beschäftigten verbessert, veranlasst es die Unternehmen, höhere Löhne festzusetzen. Das neue Arbeitsmarktgleichgewicht liegt bei Y.

Ungleichheit sinkt
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Ungleichheit sinkt

Die Lorenzkurve verschiebt sich nach oben, da weniger Erwerbstätige arbeitslos sind. Die prozentuale Aufteilung des Outputs zwischen Beschäftigten und Eigentümer:innen bleibt unverändert.

Ein weniger segmentierter Arbeitsmarkt

Primärarbeitsmarkt
Ein Markt, auf dem die Beschäftigten in der Regel durch Gewerkschaften vertreten sind und üblicherweise hohe Löhne und sichere Arbeitsplätze haben. Siehe auch: sekundärer Arbeitsmarkt, segmentierter Arbeitsmarkt.

Bisher sind wir davon ausgegangen, dass alle Beschäftigten auf einem einzigen Arbeitsmarkt den gleichen Lohn erhalten, aber in Wirklichkeit gibt es viele verschiedene Märkte. Auf dem so genannten Primärarbeitsmarkt können die Beschäftigten durch Gewerkschaften vertreten werden und genießen hohe Löhne und Arbeitsplatzsicherheit. Die „Karriereleiter“ ermöglicht den Aufstieg zu besser bezahlten und sichereren Arbeitsplätzen. Arbeitsplätze auf dem Primärarbeitsmarkt werden häufig als „gute Arbeitsplätze“ bezeichnet.

sekundärer Arbeitsmarkt
Beschäftigte mit typischerweise kurzfristigen Verträgen mit begrenztem Lohn und wenig Arbeitsplatzsicherheit. Dies kann auf ihr Alter zurückzuführen sein oder darauf, dass sie aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert werden. Siehe auch: Primärarbeitsmarkt, segmentierter Arbeitsmarkt.

Die auf dem sekundären Arbeitsmarkt beschäftigten Arbeitskräfte haben kurzfristige Verträge mit begrenzten Löhnen und Arbeitsplatzsicherheiten und sind in der Regel jung oder gehören Bevölkerungsgruppen an, die aufgrund ihrer Ethnie oder Volkszugehörigkeit diskriminiert werden. In vielen europäischen Ländern werden diese Verträge als „Null-Stunden-Verträge“ bezeichnet, weil sich das arbeitgebende Unternehmen nicht verpflichtet, Arbeit für eine bestimmte Anzahl an Stunden anzubieten. Der sekundäre Arbeitsmarkt wird auch als „Gig-Economy“ bezeichnet, in der freiberufliche Arbeit oder sehr kurzfristige Verträge anstelle von Festanstellungen die Norm sind. Bei einer gegebenen Faktorausstattung erhalten diese Beschäftigten in der Regel ein geringeres Einkommen als die auf dem Primärarbeitsmarkt. Institutionen begünstigen daher die Beschäftigten auf dem Primärarbeitsmarkt und benachteiligen die Beschäftigten auf dem sekundären Arbeitsmarktsmarkt, was die Einkommensungleichheit verstärkt.

segmentierter Arbeitsmarkt
Ein Arbeitsmarkt, dessen einzelne Segmente als getrennte Arbeitsmärkte mit begrenzter Mobilität der Beschäftigten von einem Segment zum anderen funktionieren (auch aus Gründen der ethnischen oder sprachlichen oder anderer Formen der Diskriminierung). Siehe auch: Primärarbeitsmarkt, sekundärer Arbeitsmarkt.

Abbildung 19.21 zeigt eine Lorenzkurve für eine Wirtschaft mit segmentiertem Arbeitsmarkt mit bei derselben Anzahl an Beschäftigten im Niedriglohnsegment wie hochbezahlte Beschäftigte im Primärsegment. Die Eigentümer:innen sind nicht segmentiert, da sie ihr Vermögen ohne weiteres in Unternehmen in einem der beiden Sektoren oder in beiden Sektoren investieren können und folglich die Rendite in beiden Sektoren gleich ist. Die Abschaffung der Segmentierung des Arbeitsmarktes bedeutet, dass alle Beschäftigten den gleichen Lohn erhalten, aber solange sich dies nicht auf die relative Verhandlungsmacht zwischen Beschäftigten und Eigentümer:innen auswirkt, ändert sich nicht der Anteil des Outputs, der an die Beschäftigten insgesamt geht. Dies zeigt, wie institutionelle Veränderungen die Ungleichheit verringern können, indem sie die Löhne angleichen, die die einzelnen Personen für ihre Faktorausstattungen erhalten.

Die Abbildung verdeutlicht, dass ein Großteil der Ungleichheit in modernen Volkswirtschaften unter den Beschäftigten besteht (von Arbeitskräften auf sekundären Arbeitsmärkten bis hin zu sehr hoch bezahlten Fachkräften) und dass eine Verringerung dieser Ungleichheiten den Gini-Koeffizienten erheblich senken kann. Dort, wo Gewerkschaften die Segmentierung des Arbeitsmarktes verringert und die Lohnunterschiede zwischen den Beschäftigten verringert haben, ist die Ungleichheit geringer. Ein Beispiel ist die in Schweden eingeführte so genannte Solidaritätslohnpolitik, die wir in Einheit 22 erklären werden.

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Abbildung 19.21 Die Auswirkungen der Segmentierung des Arbeitsmarktes.

Eine modellhafte Wirtschaft mit segmentiertem Arbeitsmarkt
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Eine modellhafte Wirtschaft mit segmentiertem Arbeitsmarkt

40 Beschäftigte im sekundären Arbeitsmarkt erhalten nur 10 % des Outputs der Wirtschaft; die 40 Beschäftigten auf dem Primärarbeitsmarkt erhalten die Hälfte des Outputs (sie erhalten das Fünffache des Lohns der sekundären Arbeitskräfte). Die 10 Eigentümer:innen erhalten 40 % des Outputs (ihr Lohn ist 16-mal so hoch wie der der sekundären Arbeitskräfte).

Aufhebung der Segmentierung des Arbeitsmarktes
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Aufhebung der Segmentierung des Arbeitsmarktes

Alle 80 Beschäftigte erhalten jetzt den gleichen Lohn und erwirtschaften insgesamt 60 % des Outputs der Wirtschaft. Die Löhne der Beschäftigten im sekundären Sektor sind gestiegen, während die Löhne der Beschäftigten im primären Sektor gesunken sind.

Auswirkung auf die Ungleichheit
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Auswirkung auf die Ungleichheit

Der Gini-Koeffizient, der unter der Segmentierung des Arbeitsmarktes bei 0,52 lag, ist auf 0,36 gesunken.

Automatisierung

Automatisierung
Der Einsatz von Maschinen, welche die Arbeitskraft von Menschen (Arbeit) substituieren.

Automatisierung ist ein Begriff, der neue Technologien beschreibt, die es Maschinen ermöglichen, die Arbeit zu erledigen, die früher von Menschen erledigt wurde. Technologische Innovationen, die Arbeit ersetzen, sind seit der Einführung der Spinnmaschine im 18. Jahrhundert, die wir in Einheit 2 beschrieben haben, ein wesentlicher Bestandteil der kapitalistischen Wirtschaft. Wie wir in Einheit 16 gesehen haben, führen neue Technologien in der Regel dazu, dass einige Menschen arbeitslos werden, während die Nachfrage nach den Fähigkeiten anderer Arbeitskräfte steigt. Wir können diese Auswirkungen anhand der Lorenzkurve und des daraus abgeleiteten Gini-Koeffizienten untersuchen.

Um zu sehen wie, betrachten Sie eine hypothetische Wirtschaft in Abbildung 19.22 vor und nach der Einführung von Maschinen, die Routinearbeiten ausführen, die bisher von Menschen erledigt wurden. Wir werden diese Maschinen „Roboter“ nennen. Die durchgehende blaue Lorenzkurve zeigt die Verteilung des Einkommens zwischen fünf arbeitgebenden Eigentümer:innen und 95 Arbeitskräften vor der Einführung der Roboter. Fünf der Arbeitskräfte sind arbeitslos, und von den 90 beschäftigten Arbeitskräften erhalten alle den gleichen Lohn, unabhängig davon, ob sie Routine- oder Nicht-Routine-Arbeiten verrichten.

Die Steigung der flacheren der beiden aufwärtsgerichteten Linien ist ein Hinweis darauf, wie viel die Beschäftigten im Verhältnis zu ihrer Produktivität erhalten. Wir sehen, dass die 90 Beschäftigten 60 % des Einkommens der Wirtschaft erhalten. Jede beschäftigte Person erhält also 0,60/90 oder zwei Drittel von einem Prozent von dem, was die Wirtschaft produziert. Die Steigung der steileren durchgezogenen Linie zeigt, dass fünf Eigentümer:innen 40 % des Einkommens erhalten, sodass sie jeweils 8 % (= 0,40/5) des Outputs der gesamten Wirtschaft erhalten.

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Abbildung 19.22 Die Auswirkungen von Robotern auf die Ungleichheit: Polarisierung des Arbeitsmarktes.

Die Lorenzkurve vor der Einführung von Robotern
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Die Lorenzkurve vor der Einführung von Robotern

Die durchgezogene blaue Lorenzkurve zeigt die Verteilung des Einkommens auf Arbeitslose, Beschäftigte und Eigentümer:innen. Alle Beschäftigten, egal ob sie Routine- oder Nicht-Routine-Arbeiten verrichten, verdienen das gleiche Einkommen.

Die Einführung von Robotern ersetzt und verbilligt die Routinearbeit
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Die Einführung von Robotern ersetzt und verbilligt die Routinearbeit

Nach der Einführung von Robotern werden fünf weitere Beschäftigte arbeitslos (diejenigen, die Routinearbeiten verrichteten, die nun von Robotern erledigt werden können). Die verbleibenden 55 Beschäftigten, die weiter Routinearbeiten verrichten, erhalten nur noch 10 % des Outputs der Wirtschaft.

Die Roboter machen die Arbeit einiger Beschäftigten wertvoller
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Die Roboter machen die Arbeit einiger Beschäftigten wertvoller

30 der Beschäftigten haben ergänzende Fähigkeiten zu den Maschinen. Sie verdienen höhere Einkünfte.

Die Auswirkung von Robotern auf die Ungleichheit
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Die Auswirkung von Robotern auf die Ungleichheit

Die Einführung von Robotern polarisiert den Arbeitsmarkt und erhöht den Gini-Koeffizienten.

Um die kurzfristigen Auswirkungen der geplanten Einführung von Robotern zu verstehen, sollten Sie sich die Faktorausstattung der Beschäftigten vor Augen führen. Sechzig von ihnen üben Routinearbeiten aus, die früher relativ gut bezahlt wurden, wie zum Beispiel das Bedienen von Maschinen oder das Sortieren von Post, die jetzt von Robotern erledigt werden können. Andere sind so ausgebildet, dass sie nicht nur Maschinen bedienen können, sondern diese auch entwerfen, reparieren und kalibrieren können und ihren Einsatz steuern können.

Die kurzfristigen Auswirkungen hängen von der Art der Arbeit ab, die eine beschäftigte Person verrichtet:

  • Die Roboter ersetzen Arbeitskräfte: Bei Routinearbeiten, bei denen Maschinen und menschliche Fähigkeiten Substitute sind, wird der Wert der Faktorausstattung einer beschäftigten Person durch die neue Technologie verringert, da der Roboter die beschäftigte Person ersetzen kann.
  • Die Roboter erhöhen den Wert der Arbeit: Bei Arbeitsplätzen, bei denen Maschi­nen und Fertigkeiten ein Komplementärgut sind, wird der Wert der Fakto­rausstattung einer beschäftigten Person durch die neue Technologie erhöht.

Diese beiden Effekte werden in der neuen (gestrichelten) Lorenzkurve dargestellt, die die kurzfristigen Auswirkungen der neuen Technologie auf die Beschäftigten zeigt, die zuvor jeweils zwei Drittel des Outputs verdienten. Zumindest einige der 60 Beschäftigten, die durch die Roboter ersetzt werden, verlieren ihren Arbeitsplatz. Fünf von ihnen gehören jetzt zu den Arbeitslosen; die Maschinen haben ihre Arbeitskraft ersetzt. Diejenigen, die weiterhin beschäftigt sind, haben einen Einbruch in ihrer Verhandlungsmacht erlitten (weil auch sie ersetzt werden können). Diese 55 Beschäftigten erhalten nun 10 % des Outputs der Wirtschaft, und ihre Einkünfte sinkt auf jeweils 0,18 % des gesamten Outputs.

Auf der anderen Seite haben die 30 Beschäftigten mit Fähigkeiten, die komplementär zu den Robotern sind, gewonnen. Sie erhalten nun 50 % des Outputs der Wirtschaft, also etwas mehr als 1,68 % pro Person.

Der Effekt der Automatisierung kann also ähnlich sein wie der Effekt der Segmentierung des Arbeitsmarktes, aber im Falle von Robotern hängt die Aufteilung der Beschäftigten davon ab, ob ihre Fähigkeiten leicht durch Maschinen substituiert werden können (die Verlierenden) oder stattdessen komplementär zu den Maschinen sind (die Gewinnenden).

Das Ergebnis ist, dass der Gini-Koeffizient von 0,38 auf 0,66 ansteigt, was sich darin zeigt, dass die neue Lorenzkurve weiter unter die perfekte Gleichheitslinie fällt.

Ein Beispiel für die Auswirkungen der Automatisierung ist die Einführung von Geldautomaten durch die Banken. Hätte dies nicht zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit unter den Bankangestellten geführt?

Der Ökonom James Bessen untersuchte die Beschäftigungslage in den USA und stellte fest, dass die Zahl der Bankkassierer:innen auch nach der Installation der Automaten weiter anstieg. Anstatt mechanische Aufgaben zu übernehmen, erbrachten sie nun andere Dienstleistungen wie die Beratung der Bankkundschaft.10

Bessen stellte auch fest, dass sowohl die Beschäftigung von Personen, die für die Buchhaltung zuständig sind, als auch die Beschäftigung von Verkaufspersonen trotz der Automatisierung einiger ihrer Aufgaben zunahm. Jedoch verdrängte die Technologie aber Beschäftigte in Reisebüros. Die Automatisierung ergänzte die Fähigkeiten von einigen Angestellten in der Buchhaltung oder im Einzelhandel, aber sie war ein Substitut für die Fähigkeiten von Beschäftigten in Reisebüros.

Hören Sie, wie James Bessen in einer Episode des EconTalk-Podcasts vom Mai 2016 über sein Buch spricht.

Was bestimmt, ob die Automatisierung Löhne und Beschäftigung erhöht oder senkt? Wir können eine ähnliche Analyse durchführen wie in Einheit 16. Es gibt zwei gegensätzliche Effekte.

Einerseits:

  • Arbeitsplatzersetzende Automatisierung verringert die Nachfrage nach bestimmten Arten von Arbeitskräften: Dies schickt Beschäftigte in die Arbeitslosigkeit.
  • Dadurch verringert sich die Reservationsoption aller Beschäftigten: Sie senkt den Lohn, den die Unternehmen festsetzen müssen, um das gewünschte Anstrengungsniveau der Beschäftigten aufrechtzuerhalten.

Andererseits:

  • Die Steigerung der Arbeitsproduktivität erhöht die Gewinne.
  • Dies motiviert und finanziert eine Ausweitung des Kapitalbestands der Wirtschaft.
  • Die Erhöhung des Kapitalbestands schafft zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten: Sie verringert die Arbeitslosigkeit und erhöht den Lohn, der erforderlich ist, um die Beschäftigten entlang der Lohnsetzungskurve zu motivieren.

Wie wir in Einheit 16 gesehen haben, kann die Anpassung der lokalen Arbeitsmärkte an Technologien, die Arbeitskräfte einsparen, und an Wettbewerb durch Importe sehr lange dauern.

Das Modell kann nicht feststellen, ob das neue Nash-Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt zu einer gleichmäßigeren oder ungleicheren Verteilung der Einkommen führen wird. Die Ungleichheit unter den Beschäftigten wird größer sein, da die Roboter Gewinnende und Verlierende unter den Beschäftigten geschaffen haben, indem sie den Wert einiger Faktorausstattungen (der Ingenieurinnen und Ingenieure) erhöht und den Wert anderer Faktorausstattungen (der Beschäftigten, die Routinearbeit ausführen) gesenkt haben. Wenn die Arbeitslosigkeit auf das Niveau vor der Automatisierung zurückgeht und der Kostenaufschlag des Unternehmens unverändert bleibt, ist die einzige dauerhafte Auswirkung eine größere Ungleichheit unter den Beschäftigten, was zu einem Anstieg des Gini-Koeffizienten führt.

Eine Regierung, die den Prozess der Automatisierung beobachtet, könnte darauf mit der Erhebung von Steuern auf die erhöhten Gewinne der Eigentümer:innen und auf die Einkommen der Beschäftigten mit höheren Löhnen reagieren. Bei der Gestaltung der Steuern müsste sie deren Einfluss auf das Verhalten der Beschäftigten und der arbeitgebenden Eigentümer:innen berücksichtigen. Die Einnahmen aus diesen Steuern können verwendet werden, um Folgendes zu finanzieren:

  • Zusätzliche Arbeitsplätze und Möglichkeiten für den beruflichen Aufstieg und steigende Löhne: Diese Möglichkeiten könnten im Bereich der Humandienstleistungen, wie zum Beispiel im Gesundheits- und Pflegebereich, bestehen, wo es sich zwar um nicht-routinemäßige, aber dennoch oft schlecht bezahlte Tätigkeiten handelt.
  • Möglichkeiten zur Verbesserung der Faktorausstattung für Beschäftigte mit Routinequalifikationen: Ihre Arbeit wird maschinell aufgewertet, anstatt maschinell ersetzt zu werden; zum Beispiel kann eine Person die früher Standbohrmaschinen bedient hat, lernen, wie man diese programmiert.

Übung 19.8 Wie sich die Automatisierung auf die Beschäftigung auswirkt

Kehren Sie zu den Abbildungen 19.6 und 19.7 zurück. Erläutern Sie einige der in diesen Abbildungen gezeigten Muster des Beschäftigungswachstums. Nutzen Sie dafür, was Sie in diesem Abschnitt über Roboter als Substitute oder Komplemente für die Faktorausstattung der Beschäftigten gelernt haben.

Frage 19.7 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Welche der folgenden Aussagen zu segmentierten Arbeitsmärkten sind richtig?

  • Die ‚Gig Economy‘ ist nicht Teil des Primärarbeitsmarktes.
  • Beschäftigte auf dem sekundären Arbeitsmarkt werden besser bezahlt als auf dem Primärarbeitsmarkt.
  • Die Gewerkschaften haben versucht, die Arbeitszeit durch die Einführung von Null-Stunden-Verträgen zu reduzieren.
  • Die Arbeitsplätze auf dem Primärarbeitsmarkt sind vor allem in der Agrarwirtschaft angesiedelt.
  • Die ‚Gig Economy‘ ist Teil des sekundären Arbeitsmarktes.
  • Beschäftigte auf dem Primärarbeitsmarkt genießen höhere Löhne und Arbeitsplatzsicherheit, während diejenigen auf dem sekundären Arbeitsmarkt niedrigere Löhne und eine begrenzte Arbeitsplatzsicherheit haben.
  • Wenn Gewerkschaften mit den arbeitgebenden Eigentümer:innen über die Arbeitszeiten verhandeln, müssen die Eigentümer:innen garantieren, dass die Beschäftigten die vereinbarte Anzahl von Stunden arbeiten können. Dies unterscheidet sich von Null-Stunden-Verträgen, bei denen sich die Eigentümer:innen nicht verpflichten, Arbeit für eine bestimmte Anzahl von Stunden bereit zu stellen. Null-Stunden-Verträge kommen auf dem sekundären Arbeitsmarkt vor, der nicht von den Gewerkschaften geschützt wird.
  • Arbeitsplätze auf dem Primärarbeitsmarkt sind diejenigen, die von den Gewerkschaften gut vertreten werden und sowohl hohe Löhne als auch Arbeitsplatzsicherheit bieten. Während einige Arbeitsplätze in der Agrarwirtschaft in diese Kategorie fallen, handelt es sich bei einem größeren Teil um Arbeitsplätze auf dem Primärarbeitsmarkt (Angestellte).

19.8 Vorverteilung

Umverteilungspolitik
Steuern, Geld- und Sachmitteltransfers der Regierung, die zu einer Verteilung des Endeinkommens führen, die von der Verteilung des Markteinkommens abweicht. Siehe auch: Vorverteilungspolitik.
Vorverteilungspolitik
Maßnahmen der Regierung, die sich auf die Faktorausstattung der Menschen und deren Wert auswirken, einschließlich der Verteilung des Einkommens auf dem Markt und der Verteilung des privaten Vermögens. Beispiele sind Bildung, Mindestlohn und Antidiskriminierungsmaßnahmen. Siehe auch: Umverteilungspolitik.

Regierungen beeinflussen das Ausmaß der Ungleichheit in der Wirtschaft. Sie tun dies auf zwei Arten:

  • Umverteilungspolitik: Durch Steuern und Transferleistungen, die zu einer von der Verteilung der Markteinkommen abweichenden Verteilung des verfügbaren Einkommens führen (wie wir in Abbildung 19.1 gesehen haben), und durch Ausgaben, die öffentliche Dienstleistungen für die Haushalte bereitstellen.
  • Vorverteilungspolitik: Durch Beeinflussung der Faktorausstattung der Menschen und des Wertes dieser Ausstattung, was zu einer Veränderung der Ungleichheit der Markteinkommen führt (um noch einmal auf Abbildung 19.1 zurückzukommen, hier beeinflussen die Regierungen die Verteilung der Einkünfte vor Steuern und Transferleistungen oder die Verteilung des privaten Vermögens).

Beispiele für die Vorverteilung, die Sie bereits gesehen haben, sind unter anderem:

  • Bessere Ausbildung von Erwerbstätigen: Dadurch ändert sich die Faktorausstattung der Beschäftigten, und es kommen Fähigkeiten und andere arbeitsrelevante Kapazitäten hinzu, die sich auf die Einkommen auf den Märkten auswirken werden.
  • Beseitigung oder Reduzierung der Segmentierung des Arbeitsmarktes: Diese—und andere Antidiskriminierungspolitiken—verändern die Preise (Löhne), die für die Faktorausstattung einer Person auf dem Arbeitsmarkt gezahlt werden. Insbesondere wird der Wert der Faktorausstattung von Personen erhöht, die ansonsten diskriminiert würden.

Andere Aspekte der Vorverteilung wirken sich auf die grundlegende institutionelle Struktur der Wirtschaft aus. Durch die Festlegung und Durchsetzung des rechtlichen Rahmens, in dem arbeitgebende Eigentümer:innen, Banken, Beschäftigte, Gewerkschaften, Darlehensnehmende und andere wichtige wirtschaftlich Beteiligte interagieren, beeinflussen die Regierungen die Verteilung der Einkommen auf den Märkten. Mit Hilfe des Rechtssystems können Regierungen auch den Schutz von Eigentumsrechten verändern, zum Beispiel durch das Verbot von Versklavung, die Legalisierung von Gewerkschaften (Einheiten 9 und 16), die Einführung von Handelsrechten für Emissionen (Einheit 18) oder die Festlegung der Dauer von Rechten an geistigem Eigentum und Patenten (Einheit 21). All diese Maßnahmen können die relative Verhandlungsmacht zwischen den Gruppen sowie ihre Reservationsoptionen verändern, was wiederum die Einkommensverteilung verändert.

Schließlich können Regierungen entscheiden welche Verträge zulässig sind, wodurch sich die Verteilung des Einkommens ändert. Wir haben ein Beispiel in Einheit 5 analysiert, als wir die Auswirkungen von Gesetzen betrachtet haben, die die Höchstarbeitszeit für Beschäftigte begrenzten.

gesetzlicher Mindestlohn
Ein gesetzlich festgelegter Mindestlohn für Beschäftigte im Allgemeinen oder für eine bestimmte Art von Beschäftigten. Mit einem Mindestlohn soll der Lebensstandard von Geringverdienenden gesichert werden. Viele Länder, darunter das Vereinigte Königreich und die USA, setzen einen Mindestlohn durch Gesetze durch. Auch bekannt als: Mindestlohn.

Ein weiteres wichtiges Beispiel für die Vorverteilung durch Begrenzung der zulässigen Verträge ist der gesetzliche Mindestlohn, der Verträge mit Löhnen unterhalb einer bestimmten Höhe verbietet. Dies wirkt sich auf den Wert der Faktorausstattung einer beschäftigten Person aus, aber auch auf die Wahrscheinlichkeit, dass die Person einen Arbeitsplatz finden kann. Die Folge des Mindestlohns könnten weniger Arbeitsplätze sein.

Der Ökonom Arin Dube untersuchte die unterschiedlichen Veränderungen bei den Mindestlöhnen in angrenzenden Gemeinden in den USA.11 In unserem Video „Ökonominnen und Ökonomen in Aktion“ erklärt er, dass er herausfand, dass die Anhebung des Mindestlohns sich kaum negativ auf die Beschäftigung auswirkte, aber sich das Einkommen der armen Beschäftigten im Durchschnitt erhöhte.

In unserem Video „Ökonominnen und Ökonomen in Aktion“ zeigt der Nobelpreisträger und Ökonom der Universität Chicago, James Heckman, wie Ökonominnen und Ökonomen aus Experimenten und anderen Daten lernen können, wie man die Chancen für Kinder, die in Armut aufwachsen, verbessern kann.

Abbildung 19.23 listet eine Reihe von Politiken auf, die Ungleichheiten verringern können und in dieser oder anderen Einheiten vorgestellt wurden.

Faktorausstattung Politik Direkte Wirkung Indirekte Wirkung Einheit
Arbeit Kostenlose hochwertige Grundschulbildung für alle Kinder Erhöht die Möglichkeiten für ärmere Kinder, ein höheres Bildungsniveau zu erreichen, was den Marktwert ihrer Arbeitskraft erhöht Erhöht die durchschnittliche Faktorausstattung der Arbeit, wodurch sich die Preissetzungskurve nach oben verschiebt und Löhne und Beschäftigung steigen (ceteris paribus) 19
Arbeit Erhöhung des Anteils der Ernte, der an die landwirtschaftlich Beschäftigten geht Erhöht den Wert der Faktorausstattung der landwirtschaftlich Beschäftigten Erhöht das Einkommen der landwirtschaftlich Beschäftigten 5
Arbeit Beseitigung von Diskriminierung aufgrund der Volkszugehörigkeit, der Ethnie oder des Geschlechts Erhöht den Wert der Faktorausstattung der von Diskriminierung betroffenen Personen Erhöht das Einkommens der betroffenen Gruppen 19
Arbeit Mindestlohn Erhöht den Wert der Faktorausstattung derjenigen, die zuvor nicht für mehr als den Mindestlohn arbeiten konnten Erhöht die Einkommen der Armen und verringert die Einkommen der arbeitgebenden Eigentümer:innen (sofern nicht Beschäftigungseffekte dominieren) 19
Arbeit Gesetze und Politiken zur Stärkung der Verhandlungsmacht der Beschäftigten (zum Beispiel Gewerkschaften) Erhöht den Wert der Faktorausstattung von Gewerkschaftsmitgliedern und verbessert die Arbeitsbedingungen Erhöht die Einkommen von Gewerkschaftsmitgliedern (sofern nicht negative Beschäftigungs- oder Produktivitätseffekte dominieren) und verringert die Einkommen der arbeitgebenden Eigentümer:innen 9, 16, 19
Eigentum an Unternehmen Politik zur Gewährleistung des Wettbewerbs Senkung der Preisaufschläge Erhöhung der Reallöhne, Senkung der Gewinne 7, 9, 16
Geistiges Eigentum Beschränkung von Rechten des geistigen Eigentums (zum Beispiel kürzere Laufzeiten bei Patenten oder Urheberrechten) Verringert den Wert der Faktorausstattung des geistigen Eigentums bei den Inhabenden von Rechten an geistigem Eigentum. Kann Innovationen hemmen, ermöglicht aber eine schnellere Diffusion von Innovationen 21
Berufslizenzen Ermöglicht einen leichteren Zugang zu Lizenzen (zum Beispiel für Taxis) Erhöht das Angebot und verringert das Einkommen der Lizenzinhabenden. Größere Gleichheit (wenn Lizenzinhaber zuvor reicher sind als der Durchschnitt) 19

Abbildung 19.23 Vorverteilungspolitiken, die die Ungleichheit der Einkommen auf den Märkten verringern können.

Wettbewerbsverbot
Ein Arbeitsvertrag, der eine Bestimmung oder Vereinbarung enthält, nach der die beschäftigte Person nicht zu einem konkurrierenden Unternehmen wechseln kann. Dadurch kann sich die Reservationsoption der beschäftigten Person verringern, was den Lohn, den das Unternehmen zahlen muss, senkt.

Übung 19.9 Wettbewerbsverbote im Modell des Arbeitsmarktes

Die gesetzgebende Instanz kann bestimmte Arten von Verträgen ausschließen, zum Beispiel solche, die es den Beschäftigten verbieten, ihr Unternehmen zu verlassen, um für die Konkurrenz zu arbeiten. Diese Wettbewerbsverbote werden damit begründet, dass Beschäftigte, die ein Unternehmen verlassen, Betriebs- oder Geschäftsgeheimnisse mitnehmen könnten, die der Konkurrenz zugute käme. In den USA sind Wettbewerbsverbote sogar in den Verträgen der Beschäftigten in Fast-Food-Betrieben enthalten. Erklären Sie anhand des Modells des Arbeitsmarktes, warum arbeitgebende Eigentümer:innen in Industrien, in denen Betriebsgeheimnisse keine Rolle spielen, Verträge mit Wettbewerbsverboten einführen.

Frage 19.8 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Laut unserem Video ‘Ökonominnen und Ökonomen in Aktion’ von Arin Dube, war welches der folgenden Ergebnisse eine Erkenntnis seiner Studie über die Erhöhung des Mindestlohns?

  • Die Anhebung des Mindestlohns erhöhte die Fluktuation der Beschäftigten.
  • Eine Erhöhung des Mindestlohns um 10 % führte zu einer Erhöhung der Einkünfte um 4 %.
  • Eine Erhöhung des Mindestlohns um 10 % führte zu einem Rückgang der Beschäftigung um 4 %.
  • Es gab einen minimal negativen Effekt auf die Beschäftigung.
  • Dies könnte zutreffen, wird aber im Video nicht erwähnt.
  • Dies könnte zutreffen, wird aber im Video nicht erwähnt.
  • Dies könnte zutreffen, wird aber im Video nicht erwähnt.
  • Dies wird definitiv im Video angegeben.

Frage 19.9 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Sehen Sie unserem Video ‘Ökonominnen und Ökonomen in Aktion’ von James Heckman. Welche der folgenden individuellen Eigenschaften gehören laut Heckman NICHT zu den Gründen für anhaltende Armut in einer Familie von Generation zu Generation?

  • vererbter IQ
  • geringe Schulbildung
  • Ethnie
  • soziales Verhalten
  • Der vererbte IQ könnte zu anhaltender Armut beitragen, wird aber in dem Video nicht erwähnt.
  • Heckman argumentiert, dass dies einer der Gründe für anhaltende Armut ist.
  • Heckman argumentiert, dass dies einer der Gründe für anhaltende Armut ist.
  • Heckman argumentiert, dass dies einer der Gründe für anhaltende Armut ist.

19.9 Erklärung der jüngsten Ungleichheitstrends der Markteinkommen

Können diese Politiken oder andere Veränderungen dazu beitragen, die Trends bei der Ungleichheit der Markteinkommen zu erklären? Abbildung 19.24 zeigt drei dieser Trends und schlägt mögliche Erklärungen auf der Grundlage der gelernten Modelle vor.

Trends Daten Beitragende Ursachen Modelle
Rückläufige Ungleichheit innerhalb eines Landes (1920–1980) Abbildungen 19.2, 19.3, 19.4 Steigende Bildung und Produktivität verringerten die Arbeitslosigkeit.
Die Segmentierung des Arbeitsmarktes und andere Quellen der Ungleichheit unter den Beschäftigten wurden verringert.
Technologische Verbesserungen, die für gering und mittel qualifizierte Beschäftigte komplementär waren.
Abbildung 19.20, Abbildung 19.21
Stabile oder steigende Ungleichheit innerhalb eines Landes (1980–2017) Abbildungen 19.2, 19.3, 19.4, 19.6, 17.3 (oberes Feld) Verstärkte Ungleichheit unter den Beschäftigten aufgrund neuer Technologien, die die Fähigkeiten der besser bezahlten Beschäftigten ergänzten und Substitute für Beschäftigte mit Routineaufgaben waren.
Schwächere Gewerkschaften und konservative politische Parteien an der Macht sahen eine Verlagerung der Verhandlungsmacht zugunsten der Eigentümer:innen, während (in einigen Ländern) die daraus resultierenden höheren Gewinne nach Steuern nicht in eine Ausweitung der Beschäftigung umgesetzt wurden.
Abbildung 19.22
Stabile oder abnehmende Ungleichheit zwischen den Ländern (1995–2017) Abbildung 19.5 Geringere Segmentierung des globalen Arbeitsmarktes aufgrund des raschen Wachstums der Arbeitsproduktivität und der Nachfrage Chinas und anderer ärmerer Ländern. Abbildung 19.25

Abbildung 19.24 Verwendung von Wirtschaftsmodellen um Ungleichheitstrends im Bezug auf die Markteinkommen zu erklären.

Um die Verringerung der Ungleichheit zwischen den Ländern (und die damit verbundene Verringerung der Ungleichheit zwischen den Haushalten) in der Welt zu erklären, muss man sich die Welt als eine einzige kapitalistische Volkswirtschaft mit einem entlang nationaler Grenzen segmentierten Arbeitsmarkt vorstellen. Zu diesem Zweck schlagen wir eine sehr einfache Wirtschaft der „Welt“ mit nur zwei „Ländern“ vor: China und Europa/Nordamerika. Anstelle von zwei Arbeitsmarktsegmenten in ein und demselben Land gibt es also zwei Länder, ein Niedriglohnland und ein Hochlohnland, ein wenig wie China und die USA in Einheit 18.

Genauso wie es für die Beschäftigten nicht einfach ist, innerhalb eines Landes vom sekundären zum primären Arbeitsmarkt aufzusteigen, gibt es in der globalen Wirtschaft national segmentierte Arbeitsmärkte aufgrund der Hindernisse, denen sich die Beschäftigten gegenübersehen, wenn sie von einem Land in das andere umziehen möchten. Und genau wie in der nationalen Wirtschaft sind auch die Eigentümer:innen nicht segmentiert. Sie investieren ihr Vermögen dort, wo es die höchste Rendite abwirft. Wie wir in Einheit 18 gesehen haben, ist die Globalisierung unvollständig: Der weltweite Arbeitsmarkt ist bei weitem nicht integriert, während die Mobilität des Kapitals hoch ist, denn Geld braucht keine Green Card oder ein Arbeitsvisum, um in einem Land „arbeiten“ zu dürfen.

Der Prozess der Globalisierung wurde mit einer Reduzierung der Ungleichheit auf dem globalen Arbeitsmarkt in Verbindung gebracht, da die ehemals niedrigen Löhne in erfolgreichen Exportländern wie China allmählich mit den hohen Löhnen in Ländern wie Frankreich gleichziehen. Eine zweite Konsequenz war ein enormer Anstieg des Arbeitskräfteangebots in der globalen kapitalistischen Wirtschaft, was mit einem Anstieg des Anteils am Einkommen einherging, das an die Eigentümer:innen von Unternehmen anstelle der Beschäftigten ging.

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Abbildung 19.25 Die „Welt“ als einheitliche kapitalistische Volkswirtschaft mit einem segmentierten Arbeitsmarkt.

Das rote Segment zeigt die Auswirkungen der Globalisierung, die die Ungleichheit erhöht, indem sie die Löhne der Beschäftigten in den reichen Ländern im Verhältnis zu den arbeitgebenden Eigentümer:innen senkt. Das grüne Segment zeigt die Auswirkungen der höheren Einkommen der armen Beschäftigten in „China“ zeigt.

Die Welt vor Chinas Aufschwung
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Die Welt vor Chinas Aufschwung

Ein großer Anteil der hypothetischen chinesischen Wirtschaft ist anfangs auf dem Land ansässig und nicht direkt in die kapitalistische Wirtschaft eingebunden. Die chinesischen städtischen Erwerbstätigen—die Hälfte aller Erwerbstätigen der hypothetischen Welt—erhalten nur 20 % des Welteinkommens. Die europäische und nordamerikanische Erwerbstätigen—halb so groß wie die chinesische—erhält doppelt so viel. Der weltweite Gini-Koeffizient liegt bei 0,59.

China im Aufschwung
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China im Aufschwung

Der ländliche Sektor in China ist auf 10 % geschrumpft, wodurch der Anteil der Erwerbstätigen Chinas welcher in der globalen kapitalistischen Wirtschaft tätig ist ansteigt, dieser erhält nun den gleichen Anteil am Welteinkommen wie die Beschäftigen in Europa und Nordamerika (jeweils 30 %).

Eine neue Welt mit mehr Arbeit und mehr Gleichheit, mit gewinnenden und verlierenden Beteiligten
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Eine neue Welt mit mehr Arbeit und mehr Gleichheit, mit gewinnenden und verlierenden Beteiligten

Die rote Schattierung zeigt, dass die Anteile der Eigentümer:innen am weltweiten Output von 30 % auf 40 % steigen, während die Beschäftigten im Westen Einkommen einbüßen. Die gestrichelte Lorenzkurve und die verschwindenden grün schattierten Teile zeigen jedoch, dass die Anteile der ärmeren Beschäftigten steigen. Der weltweite Gini-Koeffizient fällt von 0,59 auf 0,545.

19.10 Umverteilung: Steuern und Transferleistungen

Unterschiede zwischen einzelnen Volkswirtschaften in Bezug auf Umfang und Art der Umverteilung

Unsere Modelle der Löhne und Gewinne versuchen, das Markteinkommen zu erklären. Aber das ist nicht das Einkommen, das die Menschen ausgeben müssen, und es umfasst auch nicht die Dinge, die für unseren Lebensunterhalt wichtig sind, die wir aber nicht kaufen, sondern im Rahmen unserer Staatsbürgerschaft erhalten.

Das verfügbare Einkommen ist, wie Sie wissen, das Einkommen, das einer Person nach Zahlung von Einkommenssteuern und Sozialversicherungsbeiträgen und nach Erhalt staatlicher Transferleistungen zur Verfügung steht. Es ist jedoch kein adäquates Maß für den Lebensstandard eines Haushalts, da es die Auswirkungen indirekter Steuern wie der Mehrwertsteuer und den Umfang, in dem den Haushalten kostenlose oder subventionierte öffentliche Dienstleistungen wie öffentliche Bildung und Gesundheit zur Verfügung stehen, nicht berücksichtigt.

Sachmitteltransfers
Öffentliche Ausgaben in Form von kostenlosen oder subventionierten Dienstleistungen für Haushalte und nicht in Form von Geldtransfers.

Diese öffentlichen Ausgaben werden als Sachmitteltransfers bezeichnet, weil es sich um einen Transfer an die Haushalte in Form von kostenlosen oder subventionierten Dienstleistungen und nicht in Form von Bargeld handelt. Wenn wir sowohl die indirekten Steuern als auch die Sachmitteltransfers berücksichtigen, kommen wir zu einem dritten Einkommenskonzept, dem Endeinkommen. Das Endeinkommen ist das umfassendste Maß für den Lebensstandard eines Haushalts. Es gibt den Wert aller Waren und Dienstleistungen an, die der Haushalt konsumieren kann. Abbildung 19.26 fasst die Beziehung zwischen diesen drei Einkommenskonzepten zusammen.

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Abbildung 19.26 Verschiedene Einkommenskonzepte.

Abbildung 19.27 zeigt die Gini-Koeffizienten für Markteinkommen, verfügbares Einkommen und Endeinkommen von drei großen Ländern mit mittlerem Einkommen. In Südafrika verringern direkte Steuern und Transferleistungen den Gini-Koeffizienten um 0,08, von 0,77 auf 0,69. Indirekte Steuern und öffentliche Dienstleistungen reduzieren den Gini-Koeffizienten um weitere 0,09 auf 0,60 für das Endeinkommen, aber es bleibt außergewöhnlich ungleich. In Brasilien ist die Ungleichheit sowohl bei den Markteinkommen als auch bei den verfügbaren Einkommen wesentlich höher als in Mexiko, aber der Gini-Koeffizient für das Endeinkommen fällt mit 0,44 gegenüber 0,43 fast auf das gleiche Niveau wie in Mexiko.

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Abbildung 19.27 Gini-Koeffizienten für Markteinkommen, verfügbares Einkommen und Endeinkommen.

Nora Lustig, Carola Pessino und John Scott (2014), ‘The Impact of Taxes and Social Spending on Inequality and Poverty in Argentina, Bolivia, Brazil, Mexico, Peru, and Uruguay: Introduction to the Special Issue’. Public Finance Review Vol. 42 (3): pp. 287–303; Gabriela Inchauste, Nora Lustig, Mashekwa Maboshe, Catriona Purfield und Ingrid Woolard. (2015). ‘The Distributional Impact of Fiscal Policy in South Africa’. Commitment to Equity Working Paper No. 29, Februar 2015.

Der Wohlfahrtsstaat

Wohlfahrtsstaat
Eine Reihe von Maßnahmen der Regierung, die den Wohlstand der Bürger:innen verbessern sollen, indem sie zur Glättung des Einkommens beitragen (zum Beispiel Arbeitslosengeld und Renten).

Die Politiken, die das Markteinkommen in Endeinkommen umwandeln, werden oft als Wohlfahrtsstaat bezeichnet. Diese Politiken können in die Steuer- und die Ausgabenseite unterteilt werden. Die Steuerseite ist jede Politik, die Einnahmen für die Regierung einbringt, während die Ausgabenseite jede Politik ist, die entweder Geld an die Haushalte gibt oder Geld für sie ausgibt. Wir werden in Einheit 22 mehr über die Zusammensetzung der Ausgaben der Regierungen erfahren.

In Ländern, in denen die Umverteilung die Ungleichheit stark verringert, wird der größte Teil dieser Arbeit durch Ausgaben und nicht durch Steuern geleistet.

In den 28 Ländern der Europäischen Union liegt der durchschnittliche Gini-Koeffizient für das Markteinkommen im Jahr 2015 bei 0,46 und dieser wird durch Steuern und Transfers auf 0,27 für verfügbare Einkommen gesenkt. Die Steuern tragen jedoch nur 0,04 zu dieser Umverteilung bei, während die restlichen 0,15 durch Transfers an die Haushalte erzielt werden. Dies bedeutet nicht, dass sie niedrige Steuersätze haben, sondern vielmehr, dass reiche und arme Haushalte ähnliche Anteile ihres Einkommens an Steuern zahlen. Andererseits profitieren ärmere Haushalte proportional viel mehr von den Ausgaben.

Die Daten zum Gini-Koeffizienten für die EU stammen aus der Studie „Effects of tax-benefit components on inequality (Gini index), 2011–2015 policies“, diese können Sie auf der Euromod-Statistik-Website abrufen können.

Transfers, sowohl Geld- als auch Sachmitteltransfers, haben einen großen Einfluss auf die Ungleichheit. Aber in den meisten Fällen ist dies nicht ihr Zweck. Die meisten Transferleistungen sind aus anderen Gründen gerechtfertigt, und die Reduzierung der Ungleichheit ist nur ein erwünschter Nebeneffekt. Für die öffentliche Bildung beispielsweise gibt es viele Rechtfertigungen, unter anderem als Investition in das Humankapital, die das Land produktiver macht. Subventionen für die öffentliche Gesundheit werden häufig mit dem grundlegenden Menschenrecht auf Leben und Gesundheit begründet.

Der Wohlfahrtsstaat wird häufig als ein System der Umverteilung von den reichen zu den armen Haushalten dargestellt und diskutiert. Er wird aber auch als Umverteilung von den Glücklichen zu den Benachteiligten gesehen und oft verteidigt. Teile des Wohlfahrtsstaates führen auch zu einer Umverteilung von den jungen zu den alten Personen.

Sozialversicherung
Steuerfinanzierte Ausgaben der Regierung zur Absicherung gegen verschiedene wirtschaftliche Risiken (zum Beispiel Einkommensverluste durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit) und zur Sicherung eines gleichmäßigen lebenslangen Einkommens der Bevölkerung. Siehe auch: Mitversicherung.

In Ländern mit umfangreichen Wohlfahrtsstaaten wird ein großer Teil der Ausgaben für Formen der Sozialversicherung verwendet, die Unterstützung für arme Haushalte, aber auch öffentliche Altersrenten, Arbeitslosengeld, Sozialwohnungen, Kindergeld und andere Ausgaben umfasst, die auf Gruppen abzielen, die nicht durch niedriges Einkommen definiert sind. Öffentliche Renten übertragen Einkommen an alte Menschen. Das Kindergeld überträgt ebenso wie die Ausgaben für das öffentliche Bildungswesen Einkommen an junge Menschen (oder an diejenigen, die für sie sorgen). Da sie aus den Steuergeldern erwerbstätiger Erwachsener finanziert werden, ermöglicht die Gesellschaft den Menschen, ihr Einkommen über die gesamte Lebensspanne hinweg zu glätten. Wir erhalten Einkommen von der Regierung, wenn wir sehr jung und sehr alt sind, wenn unser Einkommen niedrig oder gleich Null ist, und wir zahlen einen Teil davon an die Regierung zurück, wenn wir im arbeitsfähigen Alter sind und ein Gehalt beziehen.

In ähnlicher Weise ist die staatliche Arbeitslosenversicherung eine Möglichkeit für Menschen im arbeitsfähigen Alter, ihr Einkommen angesichts des Risikos der Arbeitslosigkeit auszugleichen. Wir zahlen ein, solange wir arbeiten, und wir erhalten Zahlungen, wenn wir arbeitslos sind.

Diese Formen der Sozialversicherung sind nicht speziell auf arme Menschen ausgerichtet. Sie haben jedoch große Auswirkungen auf die Ungleichheit, denn die meisten Menschen im Ruhestand und die meisten Arbeitslosen wären sehr arm, wenn sie keine Sozialversicherung erhalten würden. Tatsächlich sind in der Europäischen Union die öffentlichen Renten die Politik mit der größten Auswirkung auf die Ungleichheit. Sie reduzieren den durchschnittlichen Gini-Koeffizienten um 0,11, mehr als alle anderen Transfers zusammen.

Abbildung 19.28 zeigt das durchschnittliche Markteinkommen und das verfügbare Einkommen der Haushalte im Vereinigten Königreich in einem Jahr, aufgeschlüsselt nach dem Alter der hauptverdienenden Person des Haushalts. Haushalte, bei denen diese Person jünger als 25 Jahre alt ist, haben ein durchschnittliches Haushaltsmarkteinkommen von 24 108 GBP und ein durchschnittliches verfügbares Einkommen von 24 735 GBP. Die reichste Gruppe ist diejenige, deren hauptverdienende Person zwischen 40 und 44 Jahre alt ist. Die Einkommen sinken ab 60 bis 64 rapide, da die Hauptverdienenden dann in den Ruhestand gehen. Das verfügbare Einkommen ist bei den unter 25-Jährigen und den über 65-Jährigen höher als das Markteinkommen. In den Lebensabschnitten ist das Markteinkommen üblicherweise am niedrigsten. Dagegen ist das verfügbare Einkommen bei den 25- bis 64-Jährigen geringer als das Markteinkommen. In dem Lebensabschnitt ist das Einkommen üblicherweise am höchsten.

Wenn wir uns hypothetisch vorstellen, dass es in jeder Altersgruppe einen Haushalt gibt, läge der Gini-Koeffizient für das Markteinkommen bei 0,249 und für das verfügbare Einkommen bei 0,139—das Steuer- und Sozialleistungssystem als Ganzes verringert die Ungleichheit, weil es effektiv von reicheren Haushalten zu ärmeren umverteilt. Die Abbildung zeigt jedoch, dass ein großer Teil dieses Ergebnisses auf eine Umverteilung von den Menschen im erwerbsfähigen Alter zu den pensionierten Menschen zurückzuführen sein könnte.

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Abbildung 19.28 Durchschnittliches Markteinkommen und verfügbares Einkommen von Haushalten mit Hauptverdienenden in verschiedenen Altersgruppen.

Effects of taxes and benefits on household income. 2014/15. Office for National Statistics (UK).

Wie Ökonominnen und Ökonomen aus Fakten lernen Wie kann man armen Menschen am besten Geld zukommen lassen? Finden Sie es heraus, indem Sie eine Zufallsauswahl treffen.

Die meisten Länder verabschieden Politiken, um den Lebensstandard der armen Menschen zu erhöhen. Doch wie lässt sich das am besten bewerkstelligen? Wenn Regierungen Gelder an Einzelpersonen oder Familien transferieren möchten, sollten sie dann an die ganz armen Menschen gehen oder nur an diejenigen, die arbeiten, oder nur an diejenigen, die versuchen, Arbeit zu finden? Soll der Transfer nur an die armen Menschen oder an alle gehen?

Die Fragen sind umstritten, und die Antworten werden nicht nur von der Wirtschaft abhängen. Aber Ökonominnen und Ökonomen haben mit Hilfe von Experimenten zumindest die Kosten und den Nutzen der verschiedenen Mechanismen beleuchtet.

Sie haben untersucht, wie es sich auswirkt, den armen Menschen einfach Bargeld zu geben, ohne dass sie arbeiten oder etwas zurückzahlen müssen. Theoretisch sollten Bargeldzahlungen, die man unabhängig davon erhält, ob man beschäftigt ist oder nicht, kaum Auswirkungen auf das Arbeitsangebot haben. Experimente haben gezeigt, dass Bargeldzuschüsse ein bemerkenswert kosteneffizientes Mittel sind, um die Armut in vielerlei Hinsicht zu verringern, von der Steigerung des Konsums bis zur Verringerung des Stresspegels. Diese Ergebnisse haben Entscheidungsträger:innen in der Politik dazu veranlasst, ihre Programme zu überdenken, indem sie zum Beispiel die armutsbekämpfende Wirkung eines Dollars, der für Berufsbildungsprogramme ausgegeben wird, mit der Wirkung vergleichen, die ein einfaches Verschenken dieses Dollars hätte.

Einige haben vorgeschlagen, die Bargeldzahlung auf alle, nicht nur auf die armen Menschen, auszuweiten, was als bedingungsloses Grundeinkommen (im Deutschen BGE; im Englischen UBI oder BIG von „Universal Basic Income Grants“) bezeichnet wird. Einige Gruppen aus dem Silicon Valley finanzieren in Oakland, Kalifornien, erste Experimente mit diesen universellen Bargeldzuschüssen, wobei der Zugang zu Bargeld nach dem Zufallsprinzip erfolgt. Einige von ihnen sind der Meinung, dass sich die Technologien so schnell weiterentwickeln und die Nachfrage nach Arbeitskräften so stark sinkt, dass universelle Einkommenszuschüsse erforderlich sind, um die große Masse der Menschheit vor mittelloser Arbeitslosigkeit zu bewahren.

Ein anderer Vorschlag aus Finnland sieht vor, dass 2000 bis 3000 Personen nach dem Zufallsprinzip ausgewählt werden, eine monatliche Pauschalzahlungen von 600 USD erhalten, um herauszufinden, ob Grundeinkommenszuschüsse die Armut verringern und die Verwaltung von Programmen zur Unterstützung der Armen vereinfachen. Die Erprobung einer Politik vor ihrer vollständigen Einführung ermöglicht es Ökonominnen und Ökonomen, einige der Auswirkungen bestimmter Politiken zu untersuchen, und gibt politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern die Möglichkeit, auf der Grundlage von Eviden­zen zu entscheiden, ob sie eine Politik verabschieden sollen oder nicht.

Progressive und regressive Umverteilung

progressiv (Politik)
Eine Ausgabe oder ein Transfer, der das Einkommen von ärmeren Haushalten prozentual stärker erhöht als das von reicheren Haushalten. Siehe auch: regressiv (Politik).
regressiv (Politik)
Eine Zahlung oder ein Transfer, der das Einkommen reicherer Haushalte prozentual stärker erhöht als das ärmerer Haushalte. Siehe auch: progressiv (Politik).
verteilungsneutral
Eine Politik, die weder progressiv noch regressiv ist, so dass sie die Verteilung des Einkommens nicht verändert. Siehe auch unter: progressiv (Politik), regressiv (Politik).

Wenn der direkte Effekt einer Steuer- oder Transferpolitik (im Vergleich zu dem, was ohne diese Politik geschehen würde) eine Verringerung der Ungleichheit ist, wird sie als progressiv bezeichnet. Wir haben gerade gesehen, dass Ausgaben progressiver sind als Steuern. Wenn die direkte Auswirkung einer Politik ein Anstieg der Ungleichheit ist, wird sie regressiv genannt. Politiken, die weder progressiv noch regressiv sind, werden verteilungsneutral genannt.

Damit eine Ausgabe oder ein Transfer progressiv ist, muss sie das Einkommen der ärmeren Haushalte prozentual stärker erhöhen als das der reicheren Haushalte. Dies garantiert, dass der Gini-Koeffizient sinkt und sich die Lorenzkurve nach oben verschiebt. Beachten Sie, dass diese Politik bedeuten kann, dass die reicheren Haushalte in absoluten Zahlen (in Einheiten der Währung) mehr erhalten.

Nehmen wir Bruno, den Grundstückeigentümer und Angela, die Landwirtin. Nehmen wir an, das Ergebnis ihrer Verhandlungen ist, dass Brunos Einkommen dreimal so hoch ist wie das von Angela, wobei Bruno 3000 MXN (Mexikanische Peso) pro Jahr erhält und Angela 1000 MXN. Nehmen wir außerdem an, dass Angela zwei Kinder hat und Bruno drei, die alle in öffentlich finanzierte Schulen gehen, und dass die Regierung 200 MXN pro Jahr und Kind ausgibt. Das bedeutet, dass Angela Sachmitteltransfers im Wert von 400 MXN pro Jahr erhält und Bruno im Wert von 600 MXN. Für Angela bedeutet dies eine Erhöhung ihres Endeinkommens um 40 %. Für Bruno ist es nur eine Erhöhung um 20 %. Der Transfer ist also progressiv, und der Gini-Koeffizient für das Endeinkommen wird sinken.

Wenn es merkwürdig erscheint, dass der Gini-Koeffizient sinkt, auch wenn Bruno mehr erhält als Angela, liegt das daran, dass der Gini-Koeffizient von den relativen Einkommen abhängt, das heißt von den Einkommensverhältnissen zwischen den Haushalten. Brunos Markteinkommen ist dreimal so hoch wie Angelas Markteinkommen. Eine Politik, die dieses Verhältnis verringert, führt zu einer Reduzierung des Gini-Koeffizienten. Im zweiten Fall betrug Brunos Endeinkommen 3600 MXN, während Angelas Einkommen 1400 MXN betrug, was ein Verhältnis von 2,57 gegenüber 3 für das Markteinkommen ergibt. Obwohl Bruno in absoluten Zahlen mehr erhielt, nahm die relative Ungleichheit zwischen ihnen ab, sodass der Gini-Koeffizient sank.

Die Grundschulbildung ist in der Regel sehr progressiv. Ein Fall von Bildungsausgaben, die regressiv sein können, sind finanzielle Mittel die in die öffentliche Universitätsausbildung fließen. Der Grund dafür ist, dass Kinder aus reicheren Familien mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Universität besuchen. Wenn also Brunos und Angelas Kinder alle im Studierendenalter wären, aber Brunos Kinder die Universität besuchten, während Angelas Kinder arbeiteten, dann wären die öffentlichen Universitätsausgaben regressiv: Angelas Familie würde nichts erhalten, während Brunos Familie etwas erhalten würde.

Bei den Steuern gilt ein analoges Prinzip. Eine Steuer ist progressiv, wenn reichere Haushalte einen größeren Anteil ihres Einkommens zahlen als ärmere Haushalte, und regressiv, wenn ärmere Haushalte einen größeren Anteil ihres Einkommens zahlen als reichere Haushalte. Wenn Bruno also 300 MXN an Steuern zahlt und Angela 150 MXN, dann ist die Steuer regressiv, auch wenn Bruno absolut gesehen mehr zahlt: Brunos Steuer beträgt 10 % seines Einkommens, während Angelas Steuer 15 % ihres Einkommens beträgt. Auch dies erklärt sich durch die Auswirkungen auf das Verhältnis ihrer Einkommen. Ihre Einkommen nach Steuern von 2700 und 850 haben ein Verhältnis von 3,18, das höher (ungleicher) ist als das Verhältnis ihrer Markteinkommen.

Steuern und Ausgaben können separat analysiert werden, aber es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Ausgaben nur möglich sind, weil sie durch Steuern finanziert werden. Wenn eine Regierung Geld für öffentliche Schulen ausgibt, die einigen Haushalten zugute kommen, werden diese durch Steuern finanziert, die von allen Haushalten gezahlt werden. Aus diesem Grund ist die Fiskalpolitik eine Umverteilungspolitik: Alle Haushalte geben und nehmen, aber einige geben mehr, als sie erhalten, und andere umgekehrt. Der Nettoeffekt besteht darin, dass Einkommen von einigen Haushalten auf andere Haushalte übertragen wird.

Die Abbildungen 19.29a und 19.29b zeigen die Verteilung von Steuern und öffentlichen Ausgaben in Mexiko. Abbildung 19.29a gibt die Werte in absoluten Zahlen an, während Abbildung 19.29b sie als Prozentsatz des Einkommens auf dem Markt angibt. Die Menschen im untersten Dezil erhielten im Durchschnitt pro Jahr Gesamtleistungen im Wert von 6682 MXN, während die Menschen im obersten Dezil 5557 MXN erhielten. Wie Abbildung 19.29b zeigt, steigen diese Transfers je niedriger das Dezil ist, wenn sie als Anteile am Markteinkommens dargestellt werden. Dabei erhält das unterste Dezil Transfers im Wert von 135 % des Markteinkommens und das oberste Dezil nur 13 %. Die Transfers sind also progressiv und verringern die Ungleichheit.

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Abbildung 19.29a Verteilung von Steuern und öffentlichen Ausgaben (durchschnittliche MXN pro Person). Dezile der Haushalte geordnet nach dem Nettoeinkommen pro Kopf auf dem Markt, Mexiko 2014.

Berechnungen von John Scott anhand der Encuesta Permanente de Hogares, Mexiko.

Die Haushalte im untersten Dezil zahlten im Durchschnitt 594 MXN Steuern, während die Haushalte im obersten Dezil 25 902 MXN zahlten. Da jedoch die Markteinkommen des obersten Dezils 40 Mal so hoch waren wie die des untersten Dezils, machten diese Steuern für beide Gruppen 12 % des Einkommens aus, was darauf hindeutet, dass die Steuern weder regressiv noch progressiv sind.

Abbildung 19.29a zeigt, dass der Nettoeffekt von Steuern und Transfers darin besteht, dass Haushalte mehr erhalten, je niedriger das Dezil ist. Beachten Sie, dass die Dezile 9 und 10 eher Nettozahlende als Nettoempfangende sind. Dies bedeutet, dass das gesamte Steuersystem progressiv ist und den Gini-Koeffizienten verringert. Es bedeutet auch, dass die Fiskalpolitik eine effektive Umverteilung von Einkommen von den beiden obersten Dezilen (hauptsächlich dem obersten Dezil) zu den unteren acht Dezilen vornimmt. Allerdings sind die Vorteile für die Dezile 1 bis 8 größer als die Kosten für die Dezile 9 und 10. Dies liegt zum Teil daran, dass die mexikanische Regierung auch Einnahmen aus der Ölförderung erhält. Diese Öleinnahmen werden zwar verteilt, aber nicht umverteilt—sie stellen Einkommen dar, das die Regierung erhält, ohne Haushalte und Unternehmen zu besteuern.

Abbildung 19.29b zeigt deutlich, dass Ausgaben progressiver sind als die Steuern: Während reichere Haushalte tendenziell einen etwas größeren Anteil ihres Einkommens an Steuern zahlen als ärmere Haushalte, machen die öffentlichen Ausgaben bei ärmeren Haushalten einen viel größeren Anteil des Einkommens aus als bei reicheren.

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Abbildung 19.29b Verteilung von Steuern und öffentlichen Ausgaben als Einkommensanteile. Dezile der Haushalte, geordnet nach dem Nettoeinkommen pro Kopf auf dem Markt, Mexiko 2014.

Basierend auf Berechnungen von John Scott unter Verwendung der Encuesta Permanente de Hogares, Mexiko.

Übung 19.10 Regressive und progressive Steuern

  1. Eine Kopfsteuer ist eine Steuer, bei der alle den gleichen absoluten Betrag an die Regierung zahlen. Ist sie progressiv, regressiv oder verteilungsneutral?
  2. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist eine Leistung, bei der alle den gleichen absoluten Betrag von der Regierung erhalten. Ist es progressiv, regressiv oder verteilungsneutral?
  3. Angenommen, Sie erfahren, dass die reichsten 10 % der Menschen 30 % der Einkommenssteuer zahlen. Bedeutet dies, dass das Steuersystem progressiv ist?
  4. Einige Regierungen von Entwicklungsländern vergeben Stipendien für einige ihrer besten Studierenden, damit diese im Ausland studieren können. Ist diese Politik progressiv oder regressiv, wenn es keine Zulassungsbeschränkungen gibt? Was könnte diese Politik rechtfertigen?

19.11 Gleichheit und wirtschaftliche Leistung

Der Erfolg der Operation Barga bei der Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft (Einheit 5), von Oportunidades in Mexiko, und der Renten in Südafrika bei der Verbesserung der schulischen Leistungen und der Gesundheit von Kindern kann dabei helfen, die Tatsache zu erklären, dass Länder mit größerer Gleichheit in der Wirtschaft genauso gut (oder besser) abschneiden wie solche mit ungleichen Verhältnissen.

In Abbildung 17.15 haben wir gesehen, dass die geringe Ungleichheit, die gestärkte Macht der Gewerkschaften und die Zunahme der Steuer- und Transferpolitik zugunsten der Armen während des Goldenen Zeitalters des Kapitalismus mit dem schnellsten Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in der modernen Geschichte einherging. Auch die Investitionen erreichten ein nie gekanntes Ausmaß und erhöhten den Kapitalbestand in einem noch nie dagewesenen Tempo.

Zu Beginn dieser Einheit (Abbildung 19.3) haben wir die jahrhun­dertelange Kehrtwende der Spitzeneinkommen in vielen Ländern, darunter die USA und das Vereinigte Königreich, aufgezeigt. Nach diesem Maßstab war die Ungleichheit im späten 20. Jahrhundert auf ein Niveau gestiegen, das es seit der Great Depression nicht mehr gegeben hatte. Doch dieses Phänomen ist bei weitem nicht universell, wie Abbildung 19.4 zeigt.

Die meisten der in Abbildung 19.4 gezeigten Länder—in denen die Kehrtwende hin zu mehr Ungleichheit gar nicht oder weit weniger ausgeprägt war—sind besonders leistungsstark. Diese Länder erzielten sowohl ein schnelles Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens als auch ein geringeres Niveau der Ungleichheit im Bezug auf das verfügbaren Einkommen, wie Sie in Abbildung 19.30a sehen können. In diesem Fall betrachten wir die Ungleichheit des Einkommens nach Steuern und Transfers (verfügbares Einkommen), da dies für die verschiedenen Länder das beste verfügbare Maß für Ungleichheit ist. Abbildung 19.30a lässt den Schluss zu, dass sich die Länder in Bezug auf die Gleichheit ihres Lebensstandards stark unterscheiden und dass das Produktivitätswachstum (Pro-Kopf-BIP) offenbar in keinem Zusammenhang mit dem Grad der Gleichheit steht.

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Abbildung 19.30a Die Kosten der Ungleichheit: Ungleichheit und Wachstum des Lebensstandards in den reichen Ländern.

Chen Wang und Koen Caminada. 2011. ‘Leiden Budget Incidence Fiscal Redistribution Dataset.’ Version 1. Leiden Department of Economics Research; World Bank. 2021.

Auch bei den aufholenden Volkswirtschaften gab es Leistungsstarke und Leistungsschwache. Abbildung 19.30b zeigt, dass Südkorea und Taiwan in der Lage waren, in den letzten 30 Jahren ein hohes Wachstum bei relativ geringer Ungleichheit zu erzielen, während die lateinamerikanischen Volkswirtschaften in diesen beiden Dimensionen in der Regel deutlich schlechter abschnitten.

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Abbildung 19.30b Die Kosten der Ungleichheit: Ungleichheit und Wachstum des Lebensstandards in den aufholenden Wirtschaften.

Chen Wang und Koen Caminada. 2011. ‘Leiden Budget Incidence Fiscal Redistribution Dataset’. Version 1. Leiden Department of Economics Research; OECD; International Monetary Fund. 2021. ‘World Economic Outlook Database: October 2021’.

Die Abbildungen 19.30a und 19.30b überraschen zunächst, weil Ökonominnen und Ökonomen oft behauptet haben, dass hohe Steuern und Sachmitteltransfers die Anreize für die Menschen verringern, hart zu arbeiten und die Art von Risiko einzugehen, die für die Entstehung von Innovationen notwendig ist. Zu den Begründungen dafür, warum Volkswirtschaften mit einem hohen Maß an Gleichheit wie Japan, Südkorea und Taiwan in Asien sowie die nordischen und andere nordeuropäische Länder wirtschaftlich so gut dastehen, gehören:

  • Hohes Maß an Kooperation und Vertrauen: Eine Wirtschaft, die auf Dienstleistungen wie der Bereitstellung von Wissen und der Pflege anderer beruht, kann nicht gut funktionieren, wenn sich die Menschen ausschließlich um sich selbst kümmern. Kooperation und Vertrauen sind für einen Großteil der modernen Wirtschaft unerlässlich, lassen sich aber nur schwer unter Menschen aufrechterhalten, die sehr unterschiedliche Summen an Geld erhalten. Gleichberechtigtere Gesellschaften schaffen mehr Vertrauen innerhalb der Bevölkerung und haben daher eine bessere Wirtschaftsleistung.
  • Politiken, die die Faktorausstattungen der armen Menschen verbessern: Gute Gesundheitssysteme und Bildung tragen dazu bei, dass die Ressourcen einer Wirtschaft produktiver genutzt werden. Dies gilt auch für Politiken, die den Wert der Faktorausstattung der armen Menschen erhöhen, wie die Landreform in Westbengalen (Operation Barga) zeigt.
  • Weniger Einsatz von Wachpersonal: Der Aufbau sicherer Umgebungen für die reichen Haushalte, wie zum Beispiel bewachte Wohnanlagen, und andere Bewachungsmaßnahmen, die die Vermögenswerte der Wohlhabenden schützen und ihnen Sicherheit bieten, binden Ressourcen, die für produktive Investitionen verwendet werden könnten.12 13

Abbildung 19.30c veranschaulicht den letzten Punkt: Die USA, Italien und das Vereinigte Königreich sind Länder in denen das verfügbare Einkommen sehr ungleich verteilt ist und in denen dreimal so viele Wachleute (öffentliches und privates Sicherheitspersonal, ohne Streitkräfte) eingestellt werden wie in den Ländern mit größerer Gleichheit wie Finnland, Dänemark oder Schweden. Eine ungleiche Gesellschaft kann viele Ressourcen für den Schutz von Eigentumsrechten und die Durchsetzung der Rechtsstaatlichkeit aufwenden.

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Abbildung 19.30c Die Kosten der Ungleichheit: Wirtschaftliche Ungleichheit und der Anteil der im Wachdienst Beschäftigten.

Arjun Jayadev und Samuel Bowles. 2006. ‘Guard Labor’. Journal of Development Economics 79 (2): pp.  328–48.

Übung 19.11 Die Länder mit Kehrtwende

Betrachten Sie noch einmal den Unterschied zwischen den Länder, die in den ersten drei Quartalen des zwanzigsten Jahrhunderts einen Trend zu mehr Gleichheit aufwiesen, gefolgt von einer Zunahme der Ungleichheit seit etwa 1980 (Abbildung 19.3), und den Ländern in denen die Ungleichheit nicht oder nur geringfügig zunahm (Abbildung 19.4).

Erstellen Sie eine Liste möglicher Erklärungen dafür, warum die Länder in den beiden Gruppen seit 1980 einen so unterschiedlichen Kurs eingeschlagen haben, und stellen Sie sicher (mit Hilfe des Internets oder anderer Quellen), dass alle technologischen oder institutionellen Veränderungen, auf die Sie sich beziehen, historisch korrekt sind.

Übung 19.12 Entwicklung der Ungleichheit in Ländern

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Ungleichheit und wirtschaftliche Leistung: Länder mit guter und schlechter Performance.

Oben haben wir willkürlich eine Linie auf Abbildung 19.30a gezogen, um zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Ländern zu unterscheiden. Was jedoch als „starke“ Leistung gilt, hängt von Ihren Präferenzen ab.

  1. Skizzieren Sie Ihre Indifferenzkurven entsprechend Ihrer Präferenzen für Ungleichheit und Wachstum in die Abbildung 19.30a. (Tipp: Ist die Steigung der Indifferenzkurve positiv oder negativ?)
  2. Benutzen Sie Ihre Indifferenzkurven, um die Länder in Abbildung 19.30a in eine Rangfolge zu bringen, von den am meisten bis zu den am wenigsten zu bevorzugenden.

Frage 19.10 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Welche der folgenden Aussagen zur Politik im Bezug auf die Ungleichheit ist richtig?

  • Japan hat im Vergleich zu den USA eine gleichere Gesellschaft, weil Steuern und Transfers einen großen Ausgleichseffekt haben.
  • Die Bereitstellung einer hochwertigen Bildung für die Bevölkerung ist eine Möglichkeit, die Faktorausstattung von weniger wohlhabenden Menschen zu erhöhen.
  • Eine Erhöhung des Mindestlohns erhöht die Arbeitslosigkeit, was eindeutig zu mehr Ungleichheit führt.
  • Verträge mit Wettbewerbsverbot bedeuten, dass die Beschäftigten höhere Löhne fordern können, was zu einer Verringerung der Ungleichheit führt.
  • Japan ist eine Gesellschaft, die in Bezug auf Vermögen oder Einkünfte auch vor Steuern und Transfers mehr Gleichheit aufweist als die USA.
  • Allen Menschen, unabhängig von ihrem Vermögen, Zugang zu Bildung zu gewähren, ist eine Möglichkeit, die Faktorausstattungen von Arm und Reich anzugleichen.
  • Die bisherigen Erkenntnisse sprechen dagegen; der Nutzen einer Lohnerhöhung wiegt die Kosten eines möglichen (wenn überhaupt) Rückgangs der Beschäftigung bei weitem auf (siehe Video ‘Ökonominnen und Ökonomen in Aktion’ von Arin Dube).
  • ‚Wettbewerbsverbote‘ verbieten es den Beschäftigten, ihr Unternehmen für die Konkurrenz zu verlassen. Dies mindert ihre Verhandlungsmacht und führt zu niedrigeren Löhnen.

19.12 Schlussfolgerung

Wie Sie in dieser Einheit gesehen haben, nimmt die Einkommensungleichheit zwischen den Haushalten weltweit rapide ab, vor allem aufgrund des raschen Anstiegs des durchschnittlichen Einkommens in zwei großen und historisch gesehen armen Ländern: China und Indien.

Der aktuellste weltweite Gini-Koeffizient in Bezug auf das Haushaltseinkommen liegt bei 0,62. Doch was sagt das über die tatsächliche Ungleichheit der Menschen aus? Wir wissen zum Beispiel, dass das durchschnittliche Einkommen der obersten 1 % der Weltbevölkerung 27 Mal so hoch ist wie das Einkommen der ärmsten Hälfte der Weltbevölkerung.

Diese Unterschiede, die durch einen Gini-Koeffizienten von 0,62 dargestellt werden, lassen sich aber auch durch das folgende Gedankenexperiment veranschaulichen. Wenn man nach dem Zufallsprinzip Paare von Haushalten aus der ganzen Welt auswählt und ihr Einkommen vergleicht—man könnte eine Familie aus Indonesien, eine aus Norwegen, eine aus Brasilien, eine aus Indien und zwei aus China erhalten (das wäre kein überraschendes, sondern sogar ein wahrscheinliches Ergebnis, wenn man Familien nach dem Zufallsprinzip auswählt)—würde man feststellen, dass die reichere der beiden Familien im Durchschnitt das 4,2-fache Einkommen der ärmeren hat. Da es nur sehr wenige sehr reiche Familien gibt, würde sich diese durchschnittliche Ungleichheit zwischen den Haushalten auch nicht ändern, wenn wir die reichen Haushalte in die Betrachtung mit einbeziehen.

Aber sind wir überhaupt so unterschiedlich? Glauben Sie, dass die einkommensbeziehende Person (oder die Einkommensbeziehenden) in der reicheren der beiden Familien im Durchschnitt 4,2-mal stärker, klüger, fleißiger oder kreativer wäre? Dies zeigt uns, dass die Wirtschaft für Ungleichheiten sorgt, selbst zwischen Menschen, die sich vielleicht gar nicht so sehr unterscheiden. Sie belohnt die einen mit einem hohen Einkommen, während andere kaum genug haben zu überleben.

Viele dieser Einkommensunterschiede—zum Beispiel als Belohnung für harte Arbeit, Risikobereitschaft oder Kreativität—werden von den meisten Menschen als völlig fair oder zumindest als notwendig angesehen, um Anreize für eine gut funktionierende Wirtschaft zu schaffen. Andere Einkommensunterschiede—zum Beispiel die Auswirkungen von Diskriminierung, Zwang oder Geburtszufällen—werden von vielen als ungerecht empfunden.

Die Wirtschaft kann dazu beitragen, das Problem der ungerechten Ungleichheit anzugehen, indem sie die Ursachen wirtschaftlicher Ungleichheit klärt und Politiken gestaltet, die für gerechtere Ergebnisse sorgen können, wie dies in vielen Ländern bereits geschehen ist.

In Einheit 19 eingeführte Konzepte

Bevor Sie fortfahren, sollten Sie die folgenden Definitionen durchgehen:

19.13 Quellen

  • Acemoglu, Daron, und James A. Robinson. 2012. Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity and Poverty, 1st ed. New York, NY: Crown Publishers.
  • Alvaredo, Facundo, Anthony B. Atkinson, Thomas Piketty, Emmanuel Saez, und Gabriel Zucman. 2016. ‘The World Wealth and Income Database (WID)’.
  • Atkinson, Anthony B., und Thomas Piketty, eds. 2007. Top Incomes over the Twentieth Century: A Contrast between Continental European and English-Speaking Countries. Oxford: Oxford University Press.
  • Bessen, James. 2015. Learning by Doing: The Real Connection between Innovation, Wages, and Wealth. New Haven, CT: Yale University Press.
  • Bowles, Samuel, und Arjun Jayadev. 2014. ‘One Nation under Guard’. The New York Times. Aktualisiert am 15. Februar 2014.
  • Bowles, Samuel, und Herbert Gintis. 2002. ‘The Inheritance of Inequality’. Journal of Economic Perspectives 16 (3): pp. 3–30.
  • Clark, Gregory. 2015. The Son Also Rises: Surnames and the History of Social Mobility. Princeton, NJ: Princeton University Press.
  • Daly, Mary C., und Leila Bengali. 2014. ‘Is It Still Worth Going to College?’. Federal Reserve Bank of San Francisco. Aktualisiert am 5. Mai 2014.
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  • Diamond, Jared. 1999. Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. New York, NY: Norton, W. W. & Company.
  • Dube, Arindrajit, T. William Lester, und Michael Reich. 2010. ‘Minimum Wage Effects across State Borders: Estimates Using Contiguous Counties’. Review of Economics and Statistics 92 (4): pp. 945–64.
  • Flannery, Kent, und Joyce Marcus. 2014. The Creation of Inequality: How Our Prehistoric Ancestors Set the Stage for Monarchy, Slavery, and Empire. Cambridge, MA: Harvard University Press.
  • Heckman, James. 2013. Giving Kids a Fair Chance: A Strategy That Works. Cambridge, MA: MIT Press.
  • Jayadev, Arjun, und Samuel Bowles. 2006. ‘Guard Labor’. Journal of Development Economics 79 (2): pp. 328–48.
  • Milanovic, Branko. 2007. Worlds Apart: Measuring International and Global Inequality. Princeton, NJ: Princeton University Press.
  • Milanovic, Branko. 2012. The Haves and the Have-Nots: A Brief and Idiosyncratic History of Global Inequality. New York, NY: Basic Books.
  • Norton, Michael I., und Dan Ariely. 2011. ‘Building a Better America–One Wealth Quintile at a Time’. Perspectives on Psychological Science 6 (1): pp. 9–12.
  • Piketty, Thomas. 2014. Capital in the Twenty-First Century. Cambridge, MA: Harvard University Press.
  • Rawls, John. (1971) 2009. A Theory of Justice. Cambridge, MA: Belknap Press of Harvard University Press.
  1. Mary C. Daly und Leila Bengali. 2014. ‘Is It Still Worth Going to College?’. Federal Reserve Bank of San Francisco. 5. Mai. 

  2. Branko Milanovic. 2007. Worlds Apart: Measuring International and Global Inequality. Princeton, NJ: Princeton University Press. 

  3. Branko Milanovic. 2012. The Haves and the Have-Nots: A Brief and Idiosyncratic History of Global Inequality. New York, NY: Basic Books. 

  4. Facundo Alvaredo, Anthony B. Atkinson, Thomas Piketty, Emmanuel Saez, und Gabriel Zucman. 2016. ‘The World Wealth and Income Database (WID)’.
    Anthony B. Atkinson und Thomas Piketty, eds. 2007. Top Incomes Over the Twentieth Century: A Contrast between Continental European and English-Speaking Countries. Oxford: Oxford University Press. 

  5. Thomas Piketty. 2014. Capital in the Twenty-First Century. Cambridge, MA: Harvard University Press. 

  6. Wissenschaftler:innen haben in letzter Zeit „große Fragen“ zur Ungleichheit gestellt.

    Daron Acemoglu und James A. Robinson. 2012. Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity, and Poverty. New York, NY: Crown Publishing Group.

    Angus Deaton. 2013. The Great Escape: Health, Wealth, and the Origins of Inequality , Princeton, New Jersey: Princeton University Press.

    Jared Diamond. 1999. Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies, New York, NY: Norton, W. W. & Company.

    Kent Flannery und Joyce Marcus. 2014. The Creation of Inequality: How Our Prehistoric Ancestors Set the Stage for Monarchy, Slavery, and Empire. Cambridge, MA: Harvard University Press. 

  7. Samuel Bowles und Herbert Gintis. 2002. ‘The Inheritance of Inequality’. Journal of Economic Perspectives 16 (3): pp. 3–30. 

  8. Gregory Clark. 2015. The Son Also Rises: Surnames and the History of Social Mobility. Princeton, NJ: Princeton University Press. 

  9. Michael I. Norton und Dan Ariely. 2011. ‘Building a Better America—One Wealth Quintile at a Time’. Perspectives on Psychological Science 6 (1): pp. 9–12. 

  10. James Bessen. 2015. Learning by Doing: The Real Connection between Innovation, Wages, and Wealth. New Haven, CT: Yale University Press.

    Diane Coyle. 2015. ‘Thinking, Learning and Doing’. Enlightenment Economics Blog. Aktualisiert am 23. Oktober 2015. 

  11. Arindrajit Dube, T. William Lester, und Michael Reich. 2010. ‘Minimum Wage Effects across State Borders: Estimates Using Contiguous Counties’. Review of Economics and Statistics 92 (4): pp. 945–64. 

  12. Samuel Bowles und Arjun Jayadev. 2014. ‘One Nation under Guard’. New York Times. Aktualisiert am 15. Februar 2014. 

  13. Arjun Jayadev und Samuel Bowles. 2006. ‘Guard Labor’. Journal of Development Economics 79 (2): S. 328–48.