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Einheit 21 Innovation, Information und die vernetzte Wirtschaft

Innovationen, die unser Wohlergehen steigern, sind ein Markenzeichen des Kapitalismus. Das Beste aus der menschlichen Kreativität und Erfindungsgabe zu machen, ist eine Herausforderung für die Politik

  • Innovation hängt von vielen Faktoren ab: dem Stand des Wissens, der individuellen Kreativität, der Politik, den wirtschaftlichen Institutionen und den sozialen Normen.
  • Individuen oder Unternehmen, die gesellschaftlich nützliche Innovationen einführen, werden mit Gewinnen belohnt, die über den Opportunitätskos­ten des Kapitals liegen und als Innovationsrenten bezeichnet werden.
  • Innovationsrenten werden schließlich durch Nachahmende ‚wegkonkurriert‘, die das neue Wissen verbreiten, indem sie es nutzen.
  • Die Produktion und Nutzung von neuem Wissen ist in dreierlei Hinsicht ungewöhnlich: Wissen ist ein nicht-rivales Gut, die Produktion von neuem Wissen ist zunächst kostspielig, aber sobald es produziert ist, kann es kostenlos verteilt und genutzt werden, und Innovationen werden im Allgemeinen nützlicher, je mehr Menschen sie nutzen.
  • Innovative Unternehmen haben oft wenig unmittelbaren Wettbewerb und können Gewinne erzielen, indem sie Preise weit über den Grenzkosten der Produktion festsetzen, was für die Verbrauchenden von Nachteil ist.
  • Innovative Unternehmen können oft nicht den gesamten Nutzen aus ihren Innovationen ziehen und investieren daher möglicherweise zu wenig in Innovationen.
  • Die Politik ist daher bestrebt, gesellschaftlich nützliche Innovationen zu verbreiten und gleichzeitig angemessen zu belohnen.
  • Angesichts dieses Zielkonflikts können Rechte an geistigem Eigentum entweder ‚zu stark‘ sein und die Verbreitung neuer Innovationen verhindern oder ‚zu schwach‘ sein und Innovationsrenten bieten, die zu gering sind, um die Entwicklung neuer Innovationen lohnenswert zu machen.
  • Digitale Technologien unterstützen ‚zweiseitige Märkte‘ wie Facebook, eBay und Airbnb, die Personen zusammenbringen, die vom gegenseitigen Austausch profitieren können.
  • Diese Technologien haben die Art des wirtschaftlichen Wettbewerbs verändert, weisen aber viele der gleichen Marktversagen auf, die auch bei der Wissensproduktion zu beobachten sind.

Um die Jahrhundertwende hatte Südafrika in der Welt eine der höchsten Raten von Menschen, die mit HIV infiziert sind: Etwa 5 Millionen Südafrikaner:innen, das heißt jede zehnte Person war HIV-positiv. Doch 1998 verklagten Bristol-Myers Squibb, Merck und 37 weitere multinationale Pharmaunternehmen die südafrikanische Regierung, um ihr den Import von Generika, anderen preiswerten antiretroviralen Medikamenten und anderen AIDS-Behandlungen aus der ganzen Welt zu untersagen.

In Südafrika kam es zu Straßenprotesten und sowohl die Europäische Union als auch die Weltgesundheitsorganisation kündigten ihre Unterstützung für die Position der südafrikanischen Regierung an. Der damalige US-Vizepräsident Al Gore, der bei den Verhandlungen mit Südafrika die Interessen der Pharmaunternehmen vertreten hatte, wurde von AIDS-politisch Engagierten mit Rufen wie ‚Gores Gier tötet‘ konfrontiert. Im September 1999 erklärte die US-Regierung—bis unterstützten die USA die Pharmakonzerne am stärksten—, dass sie gegen arme Länder, die von der HIV-Epidemie betroffen sind, keine Sanktionen verhängen werde, selbst wenn gegen US-Patentgesetze verstoßen werde, solange sich die Länder an internationale Verträge über geistiges Eigentum hielten. Die Pharmariesen wehrten sich und engagierten ein Heer von Patentanwältinnen und -anwälten, um ihren Standpunkt zu vertreten. Sie schlossen Fabriken in Südafrika und annullierten geplante Investitionen.

Doch drei Jahre später, nachdem sie Millionen von Dollar für den Rechtsstreit ausgegeben hatten und ihr Ruf noch schwerer gelitten hatte, gaben die Unternehmen nach (und bezahlten sogar die Kosten für die Rechtsvertretung der südafrikanischen Regierung). Jean-Pierre Garnier, der Vorstandsvorsitzende von GlaxoSmithKline, rief Kofi Annan, den Generalsekretär der Vereinten Nationen, an, um ihn zu bitten, bei einer Einigung mit Thabo Mbeki, dem Präsidenten Südafrikas, zu helfen. ‚Wir sind nicht unempfindlich gegenüber der öffentlichen Meinung. Sie ist ein Faktor in unserer Entscheidungsfindung‘, erklärte Garnier später.1 2

Es war zu spät: Der Schaden war bereits angerichtet. ‚Dies war ein PR-Desaster für die Unternehmen‘, kommentierte Hemant Shah, ein Industrie-Analyst. ‚Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pharmaunternehmen ein Entwicklungsland wegen eines lebensrettenden Medikaments verklagt, ist nach den Erfahrungen in Südafrika nun äußerst gering.‘

Natürlich können die Eigentümer:innen eines Pharmaunternehmens ein AIDS-Medikament nicht zu einem Preis verkaufen, der unter den Herstellungskosten liegt und trotzdem im Geschäft bleiben. Außerdem führen nur wenige Forschungsprojekte der Industrie zu einem marktfähigen Produkt (eine Studie aus dem Jahr 2016 schätzt die Erfolgsquote der Industrie auf knapp über 4 %). Der Umsatz eines erfolgreichen Produkts muss also die Kosten vieler gescheiterter Projekte decken, denn es ist natürlich unmöglich vorherzusagen, welche Forschungsprojekte erfolgreich sein werden.

In diesem Fall zogen die Pharmaunternehmen in Südafrika vor Gericht, um ihre Patente zu schützen. In der pharmazeutischen Industrie verschafft das Patentsystem dem innovativen Unternehmen ein zeitlich begrenztes Monopol, das es ihm erlaubt, während der Jahre des Patentschutzes einen Preis zu verlangen, der weit über den Produktionskosten liegt (manchmal um den Faktor 10). Die Aussicht auf hohe Gewinne ist ein Anreiz für Unternehmen, in riskante Forschung und Entwicklung zu investieren.

Durch die Schaffung eines von der Regierung auferlegten Monopols steht der Patentschutz häufig im Widerspruch zu dem ebenso wichtigen Ziel, Waren und Dienstleistungen zu Grenzkosten bereitzustellen (wir erinnern uns an Einheit 7, dass Monopolisten einen Preis über den Grenzkosten festlegen). Der hohe Preis—der ausreicht, um die Kosten für Forschung und Entwicklung, einschließlich der Investitionen in gescheiterte Projekte, zu decken—bedeutet, dass viele derjenigen, die vom Zugang zu dem Medikament profitieren könnten, das Medikament nicht erhalten. Dies ist ein Beispiel für die Wohlfahrtsverluste, die sich aus Monopolpreisen ergeben, und in Einheit 7 untersucht wurden.

Konflikte zwischen konkurrierenden Zielen—in diesem Fall einerseits die Produktion neuen Wissens und andererseits die rasche Diffusion—sind in der Wirtschaft unvermeidlich und wie wir noch sehen werden, besonders schwierig zu lösen, wenn es um Innovation geht.

Aber manchmal ermöglichen neue Technologien Win-Win-Situationen.

Erinnern Sie sich an das Problem der Fischer:innen und Fischhändler:innen in Kerala, das wir zu Beginn von Einheit 11 beschrieben haben. Wenn die Fischer:innen in den Hafen zurückkehrten, um ihren täglichen Sardinenfang an die Fischhändler:innen zu verkaufen, stellten sie häufig fest, dass es auf dem Markt einen Angebotsüberhang gab. Die Folge waren im Durchschnitt höhere Preise für die Verbrauchenden und geringere Einkommen für die Fischer:innen.3 4

Gesetz des einheitlichen Preises
Trifft zu, wenn ein Gut bei allen Transaktionen zum gleichen Preis gehandelt wird. Würde ein Gut an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Preisen verkauft, könnten Unternehmen oder Personen es an einem Ort billig einkaufen und an einem anderen zu einem höheren Preis verkaufen. Siehe auch: Arbitrage.

Als die Fischer:inen Mobiltelefone bekamen, riefen sie von der See aus die vielen Märkte an der Küste an und suchten sich den Markt aus, auf dem die Preise an diesem Tag am höchsten waren. Die Nutzung der Mobiltelefone sorgte für einheitliche Preise (Gesetz des einheitlichen Preises) auf den Märkten in Kerala, zum Vorteil der Fischer:innen und der Verbrauchenden. Es war jedoch nicht nur eine Win-Win-Situation. Die Mobiltelefone verschärften den Wettbewerb zwischen den Händler:innen erheblich, die zwischen Fischer:innen und Verbrauchenden vermittelten, da eine fischende Person höhere Preise aushandeln konnte, bevor sie sich für einen Markt entschied. Die Händler:innen litten unter dieser Innovation.

In anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Uttar Pradesh und Rajasthan in Indien, wo Landwirtinnen und Landwirte aufgrund fehlender Straßen und Lagermöglichkeiten nicht von Informationen über Preisunterschiede profitieren konnten, hatte das Mobiltelefon jedoch weitaus schwächere Auswirkungen. Eine kleinere Landwirtschaft betreibende Person in Allahabad bemerkte, dass die Preisinformationen, die sie über das Telefon erhalten konnte, für sie nicht viel wert waren, weil es ‚keine Straßen gab, um dorthin zu gelangen‘. In diesem Fall war die Innovation von geringem Nutzen, weil es an öffentlichen Investitionen in die notwendige Infrastruktur mangelte.

In ähnlicher Weise fehlten den Landwirtinnen und Landwirten im westafrikanischen Niger, als die Mobiltelefone eingeführt wurden, die Mittel, um ihre Kuhbohnen und andere Feldfrüchte zu alternativen Märkten zu transportieren, sodass die Händler:innen, die die Waren transportierten, einen Großteil der Renten abschöpften. Die Fischer:innen hatten dieses Problem nicht, denn die Boote, mit denen sie den Fisch fingen, waren auch ein Transportmittel, das ihnen die Wahl zwischen verschiedenen Märkten ermöglichte.

In dieser Einheit werden wir zeigen, wie ökonomische Konzepte die Politiken der südafrikanischen Regierung zur besseren Verfügbarkeit von AIDS-Behandlungen, die durch diese Politiken ausgelösten Konflikte, sowie die gegensätzlichen Auswirkungen des Mobiltelefons auf Fischer:innen in Kerala sowie Landwirtinnen und Landwirten in anderen indischen Bundesstaaten erklären können.

Um Innovation zu verstehen, muss man sich von dem Bild der exzentrischen erfindenden Person lösen, die allein arbeitet, eine ‚bessere Mausefalle‘ erfindet und als Belohnung für den öffentlichen Nutzen ihrer Inspiration reich wird. Innovation ist kein einmaliges Ereignis, das durch einen Funken von Genialität ausgelöst wird. Stattdessen:

  • Innovation ist ein Prozess: Sie ist eine grundlegende Quelle der Veränderung in unserem Leben, die selbst ständig im Wandel ist.
  • Innovation ist auch systemisch: Sie verbindet Netzwerke von Nutzenden, privaten Unternehmen, Einzelpersonen und Regierungen.

In den nächsten beiden Abschnitten werden wir Innovation als Prozess und als System diskutieren.

Übung 21.1 Patente und Innovation in der pharmazeutischen Industrie

  1. Was sind laut Scherer im ‘Ökonominnen und Ökonomen in Aktion’-Video die Hauptmerkmale des Pharmamarktes, die ihn von anderen Märkten unterscheiden?
  2. Was hat laut Video verhindert, dass ein und dasselbe Medikament sowohl in Ländern mit hohem als auch mit niedrigem Einkommen zur Verfügung gestellt werden konnte und wie wurde dieses Problem gelöst?

21.1 Der Innovationsprozess: Erfindung und Diffusion

Innovation
Der Prozess der Erfindung und Diffusion als Ganzes betrachtet.
Erfindung
Die Entwicklung von neuen Produktionsmethoden und neuen Produkten.
Diffusion
Die Verbreitung einer Erfindung in der gesamten Wirtschaft. Siehe auch: Diffusionslücke.
Prozessinnovation
Eine Innovation, die es ermöglicht, eine Ware oder eine Dienstleistung zu niedrigeren Kosten herzustellen, als es die Konkurrenz kann.
Produktinnovation
Eine Innovation, die eine neue Ware oder Dienstleistung zu einem Preis hervorbringt, der Käufer:innen anzieht.

Wir beginnen mit ein paar neuen Begriffen. Wir verwenden den Begriff Innovation sowohl für die Entwicklung neuer Produktionsmethoden und neuer Produkte (Erfindung) als auch für die Verbreitung der Erfindung in der Wirtschaft (Diffusion). Ein innovatives Unternehmen kann ein Gut oder eine Dienstleistung zu niedrigeren Kosten als die Konkurrenz herstellen oder ein neues Gut zu einem Preis verkaufen, der Verbrauchende anzieht. Die erste wird als Prozessinnovation und die zweite als Produktinnovation bezeichnet.

Erfindung und Innovation

Der beschreibende Begriff Erfindung ist manchmal für große Durchbrüche reserviert, aber wir meinen damit Folgendes:

Radikale Innovation

Bei der radikalen Innovation wird eine völlig neue Technologie oder Idee eingeführt, die es zuvor noch nicht gab. Die Erfindung der Glühbirne (die Licht erzeugt, indem sie Strom durch einen Glühfaden leitet) war ein großer Fortschritt gegenüber dem Licht, das durch die Verbrennung von Öl oder Kerosin erzeugt wurde. Das MP3-Format ermöglichte es, Musik so zu komprimieren, dass sie leicht auf Festplatten gespeichert und über das Internet übertragen werden konnte und bot damit eine ganz andere Art der Musikspeicherung als CD oder Vinyl.

Inkrementelle Innovation

Damit wird ein bestehendes Produkt oder Verfahren schrittweise verbessert. Nachdem Edison und Swan 1880 ihre Entwürfe für die elektrische Glühbirne patentiert und 1883 ihre Zusammenarbeit aufgenommen hatten, waren alle nachfolgenden Verbesserungen des Glühfadens, der das Licht erzeugt, inkrementelle Innovationen in der Lichttechnik. Sie haben bereits von der schrittweisen Verbesserung der Spinnmaschine, einer der wichtigsten Erfindungen der Industriellen Revolution, erfahren, die mit nur acht Spindeln begann und schließlich Hunderte von Spindeln bediente.5 6

Viele der Konzepte, die für die Untersuchung von Innovationen nützlich sind, wurden bereits in früheren Einheiten eingeführt. Sie sind in Abbildung 21.1 aufgeführt und werden Ihnen in dieser Einheit wieder begegnen. Vergewissern Sie sich, dass Sie diese Konzepte verstanden haben, bevor Sie fortfahren.

Konzepte Zuvor in Einheiten
Innovationsrenten 1, 2
Externe Effekte und öffentliche Güter 4, 12
Strategische Interaktionen 4, 5, 6
Eigentumsrechte, einschließlich Rechten an geistigem Eigentum 1, 2, 5, 12
Skaleneffekte 7
Komplementärgüter und Substitute 7, 16
Gegenseitige Gewinne und Konflikte um ihre Verteilung 5
Schöpferische Zerstörung 2, 16
Institutionen und soziale Normen 4, 5, 16

Abbildung 21.1 Für die Innovation relevante Konzepte, die Sie kennen sollten.

Innovationsrenten
Gewinne, die über die Opportunitätskosten des Kapitals hinausgehen, die eine Innovatorin oder ein Inovator durch die Einführung einer neuen Technologie, Organisationsform oder Marketingstrategie erzielt. Auch bekannt als: Schumpetersche Renten.

Erinnern Sie sich an Einheit 2. Ein Unternehmen, das eine erfolgreiche Erfindung einführt, zum Marktpreis einen Gewinn erzielt, der über den Gewinn anderer Unternehmen hinausgeht, was als Innovationsrente bezeichnet wird. In Abbildung 21.2 sind die Forschungs-, Entwicklungs- und Implementierungskosten für eine Innovation sowie die vorübergehenden Innovationsrenten (Gewinne über den Opportunitätskosten des Kapitals) aus einer erfolgreichen Erfindung dargestellt.

Diffusion

Die Aussicht auf diese Innovationsrenten veranlasst dann andere, die Erfindung zu kopieren. Wenn sie erfolgreich sind, werden die temporären Innovationsrenten schließlich vollständig wegkonkurriert. Dieser Kopierprozess führt dazu, dass die ursprünglich innovative Person oder das Unternehmen schließlich wieder ein Einkommen erzielt, das gerade die Opportunitätskosten des Kapitals deckt, sodass der wirtschaftliche Gewinn wieder bei Null liegt.

Sogar Nachzügler:innen werden schließlich dazu gedrängt, die Innovation zu übernehmen, da die sinkenden Preise, die sich aus der weiten Verbreitung der neuen Methoden ergeben, in der Regel bedeuten, dass das Festhalten an der alten Technologie zum Bankrott führt. Ein Unternehmen, das keine Innovationen vornimmt, erzielt negative wirtschaftliche Gewinne, was bedeutet, dass die Einnahmen die Opportunitätskosten des Kapitals nicht decken. Diese Kombination aus Zuckerbrot und Peitsche—die Aussicht auf Einnahmen aus erfolgreichen Innovationen und die Drohung mit Bankrott, wenn Unternehmen nicht mit den Innovationen mithalten können—hat sich als mächtige Kraft erwiesen, um den Arbeitsaufwand für die Produktion von Waren und Dienstleistungen zu verringern und damit unseren Lebensstandard zu erhöhen.

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Abbildung 21.2 Die mit Innovationen verbundenen Kosten und Renten.

Basistechnologien
Technologischer Fortschritt, der in vielen Sektoren angewendet werden kann und weitere Innovationen hervorbringt. Informations- und Kommunikationstechnologie und Elektrizität sind zwei gängige Beispiele.

Obwohl es in der gesamten Menschheitsgeschichte Erfindungen gegeben hat, begann die Beschleunigung des Innovationsprozesses in England um 1750 (wie wir in Einheit 2 gesehen haben) mit der Einführung einiger wichtiger neuer Technologien in den Bereichen Textilien, Energie und Transport. Sie endete nicht mit der Industriellen Revolution. Wichtige neue Technologien, die in vielen Industrien Anwendung finden, wie zum Beispiel die Dampfmaschine, die Elektrizität und das Transportwesen (Kanäle, Eisenbahnen, Automobile, Flugzeuge), werden als Basistechnologien bezeichnet.

William Nordhaus, ein Ökonom, über dessen Analyse des Abzinsungssatzes für Umweltprobleme Sie in Einheit 20 gelesen haben, hat die Geschwindigkeit von Berechnungen mit Hilfe eines Index geschätzt. Der Index hat den Wert 1 für die Geschwindigkeit einer von Hand durchgeführten Berechnung (wie zu Beispiel die Division einer Zahl durch eine andere). Im Jahr 1920 konnte ein japanischer Abakus-Meister beispielsweise 4,5 Mal schneller rechnen als eine mathematisch kompetente Person, die dieselbe Berechnung von Hand durchführen konnte. Dieser Unterschied war wahrscheinlich schon seit vielen Jahrhunderten konstant, denn der Abakus ist ein uraltes Rechengerät.

Doch irgendwann um 1940 herum nimmt die Rechengeschwindigkeit Fahrt auf. Der 1965 eingeführte IBM 1130 war 4520 Mal schneller als eine Rechnung von Hand (und wie Sie sehen können, lag er unter der Trendlinie durch die Datenpunkte von 1920).

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Abbildung 21.3 Innovation bei der Rechenleistung: Index der Rechengeschwindigkeit. Besondere Beispiele sind farbig dargestellt und beschriftet.

William D. Nordhaus. 2007. ‘Two Centuries of Productivity Growth in Computing’. The Journal of Economic History 67 (01), Index auf 2010 aktualisiert.

Der jüngste Eintrag in Abbildung 21.3, der Supercomputer SiCortex, führt mehr als eine Milliarde Berechnungen pro Sekunde durch. Er ist mehr als eine Billiarde (zählen Sie die Nullen) Mal schneller als Sie, und er liegt weit über der Trendlinie durch die Datenpunkte von 1920, es gibt also keine Anzeichen für eine Verlangsamung des Prozesses.

Aber wie der Abschnitt ‚Wenn Ökonominnen und Ökonomen sich uneinig sind‘ zeigt, sind Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Ökonominnen und Ökonomen geteilter Meinung darüber, ob die Verbesserungen in der Informatik und anderen Technologien in dem Tempo weitergehen werden, wie es in dem Diagramm von Nordhaus dargestellt ist, oder ob sie zu dem bescheidenen Tempo zurückkehren werden, das während des größten Teils der Menschheitsgeschichte vorherrschte.7

Die gestufte Linie in Abbildung 21.2 veranschaulicht eine einfache Theorie der Innovation und Diffusion des technischen Fortschritts. Sie veranschaulicht den Zusammenhang zwischen Innovationsrenten, Innovationskosten und dem Kopieren von Innovationen aus der Sicht eines Unternehmens oder einer Einzelperson, die ein neues Produkt oder einen neuen Prozess entwickeln möchte.

Innovationssystem
Die Beziehungen zwischen privaten Unternehmen, Regierungen, Bildungsinstitutionen, einzelnen Wissenschaftler:innen und anderen Personen, die an der Erfindung, Veränderung und Diffusion neuer Technologien beteiligt sind, sowie die Art und Weise, wie diese sozialen Interaktionen durch eine Kombination von Gesetzen, Politiken, Wissen und sozialen Normen geregelt werden.

Um diesen Prozess zu verstehen, müssen wir wissen, wie Erfindungen tatsächlich zustande kommen, wie über Kosten und Renten entschieden wird und wann der Prozess des Kopierens einsetzt. Dazu müssen wir über die Sichtweise des einzelnen Unternehmens in Abbildung 21.2 hinausgehen und Innovation als das Produkt von Interaktionen zwischen Unternehmen, der Regierung, Bildungsinstitutionen und vielen anderen Personen im Innovationssystem betrachten.

Wenn Ökonominnen und Ökonomen sich uneinig sind Das Ende der permanenten technologischen Revolution?

Wir begannen Einheit 1 mit der Industriellen Revolution, der kapitalistischen Revolution und den Hockeyschlägern des schnellen technischen Fortschritts in der Geschichte. In Einheit 2 haben wir erklärt, wie sich diese Fortschritte in Verbesserungen des Wohlstands niederschlagen. Und wir haben soeben die dramatische (und sich möglicherweise sogar noch beschleunigende) Geschwindigkeit des technischen Fortschritts in der Datenverarbeitung gesehen.

In Einheit 16 haben wir den langfristigen Trend untersucht, dass die Wirtschaft mehr Dienstleistungen im Verhältnis zu Waren produziert. Wenn die Produktivität der Dienstleistungen langsamer wächst als die Produktivität des verarbeitenden Gewerbes, verringert die Verlagerung von Waren zu Dienstleistungen das gesamte Produktivitätswachstum in der Wirtschaft.

Wird dies die Fähigkeit des technischen Fortschritts einschränken, die Arbeitsproduktivität in dem Maße zu steigern, wie dies seit der Industriellen Revolution und insbesondere während des Goldenen Zeitalters des Kapitalismus der Fall war? Es scheint angemessen, diese Einheit mit der Uneinigkeit unter Ökonominnen und Ökonomen darüber zu beginnen, ob die ‚permanente‘ technologische Revolution zu Ende geht.

Vollbild

Abbildung 21.4 Die langfristige Wachstumsrate der Produktivität (1400–2021).

Jutta Bolt und Jan Juiten van Zanden. 2013. ‘The First Update of the Maddison Project Re-Estimating Growth Before 1820’. Maddison-Project Working Paper WP-4, January; Stephen Broadberry. 2013. ‘Accounting for the Great Divergence’. London School of Economics and Political Science. The Conference Board. 2021. Total Economy Database.

Abbildung 21.4 zeigt die besten verfügbaren Daten über den Fortschritt der Arbeitsproduktivität im Vereinigten Königreich seit 1400 und auch für die USA für den Zeitraum, in dem die USA weltweit technologisch führend waren. Robert Gordon, ein Ökonom, der sich auf Produktivität und Wachstum spezialisiert hat, hat ausführlich über das Produktivitätswachstum und seine Auswirkungen geschrieben, insbesondere im ersten Kapitel seines Buches The Rise and Fall of American Growth. Er verweist auf den Abschwung in der Reihe der Produktivitätswachstumsraten am Ende des in der Abbildung dargestellten Zeitraums.

Gordon ist der Ansicht, dass die Ära des schnellen Wachstums in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts längst vorbei ist und ein langsameres Wachstum vor uns liegt. Im Gegensatz dazu vertreten die Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee die Ansicht, dass die digitale Technologie ein ‚zweites Maschinenzeitalter‘ einleitet. In einem Video des Schweizer Fernsehens und seinem zweiten Teil erläutern sie ihre Standpunkte.

Übung 21.2 Die permanente technologische Revolution

Verwenden Sie alle oben genannten Quellen sowie Thomas Edsalls New York Times Artikel ‘Boom or Gloom’ und Lee Koromvokis’ PBS Newshour Artikel ‘Are the best days of the U.S. economy over?’, um die folgenden Fragen zu beantworten:

  1. Welche anderen Faktoren, abgesehen von technologischen Innovationen, beeinflussen laut Gordon, Brynjolfsson und McAfee die Wachstumsrate des Pro-Kopf-BIP? Warum kann es so lange dauern, bis sich die heutigen Innovationen auf die Wachstumsrate der Wirtschaft auswirken?
  2. Wie gut misst das Pro-Kopf-BIP-Wachstum Ihrer Meinung nach die Auswirkungen von Innovationen? Schlagen Sie alternative Methoden zur Messung der Auswirkungen von Innovationen vor.
  3. Wie wirkt sich der technische Fortschritt laut Brynjolfsson und McAfee auf die Ungleichheit aus? Diskutieren Sie anhand der Daten und Modelle aus den Einheiten 16 und 19, ob Sie Brynjolfssons und McAfees Analyse der Beziehung zwischen technischem Fortschritt und Ungleichheit zustimmen.
  4. In dieser Einheit wird erörtert, wie Politikmaßnahmen und Institutionen den Prozess der Innovation unterstützen können. Wie können Politikmaßnahmen und Institutionen der Wirtschaft helfen, sich an die Auswirkungen der Innovation anzupassen?

Frage 21.1 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Welche der folgenden Aussagen zur Innovation ist richtig?

  • Eine Innovation ist die Entwicklung von neuen Produktionsmethoden und neuen Produkten. Die Verbreitung dieser Produkte ist keine Innovation.
  • Eine Produktinnovation liegt vor, wenn ein Unternehmen eine Ware oder Dienstleistung zu niedrigeren Kosten als die der Konkurrenz produziert.
  • Eine Prozessinnovation liegt vor, wenn ein Unternehmen ein neues Gut zu Kosten herstellt, die Kaufinteressierte anziehen werden.
  • Innovation umfasst sowohl die Erfindung als auch die Diffusion.
  • Die Verbreitung von Erfindungen, die so genannte Diffusion, ist ebenfalls Teil der Innovation.
  • Dies ist eine Prozessinnovation.
  • Dies ist die Produktinnovation.
  • Dies ist die Definition von Innovation.

21.2 Innovationssysteme

Innovative Aktivitäten sind nicht gleichmäßig über den Globus oder über ein Land verteilt. Denken Sie an das Gebiet, das heute als Silicon Valley in Kalifornien bekannt ist und das einst ein verschlafenes landwirtschaftliches Gebiet mit dem Zentrum des Santa Clara Valley war. Den Spitznamen erhielt das Silicon Valley, als sich wachstumsstarke Unternehmen aus der Computer- und Halbleiterbranche ansiedelten, zu denen sich später auch innovative Unternehmen aus der Biotechnologie gesellten. Im Jahr 2010 wurden in einem einzigen US-Gebiet (Postleitzahl 95054) im Zentrum des Silicon Valley 20 000 Patente angemeldet. In diesem Teil von Santa Clara haben sich viele Patentanwältinnen und -anwälte niedergelassen. Wäre dieses kleine Gebiet von 16,2 km² ein Land, hätte es im Jahr 2010 weltweit den 17.  Rang für gehaltene Patente.

kodifiziertes Wissen
Wissen, das in einer Form niedergeschrieben werden kann, die es anderen ermöglicht, es zu verstehen und zu reproduzieren. Zum Beispiel die chemische Formel für ein Medikament. Siehe auch: implizites Wissen.
implizites Wissen
Wissen, das sich aus den Einschätzungen, dem Know-how und anderen Fähigkeiten der am Innovationsprozess Beteiligten zusammensetzt. Die Art von Wissen, die nicht genau niedergeschrieben werden kann. Siehe auch: kodifiziertes Wissen.

Die Flut von Patenten aus dem Silicon Valley ist ein Maß für den Output des sogenannten kodifizierten Wissens, das heißt Wissen, das aufgeschrieben werden kann. Ein großer Teil des geschaffenen Wissens lässt sich jedoch nicht aufschreiben, zumindest nicht genau. Dieses nicht kodifizierbare Wissen wird als implizites Wissen bezeichnet.

Der Unterschied zwischen kodifiziertem und implizitem Wissen lässt sich folgendermaßen veranschaulichen. Ein Rezept für einen Kuchen kann aufgeschrieben werden, da es sich um kodifiziertes Wissen handelt, aber die Fähigkeit, das Rezept zu lesen und es genau zu befolgen, bringt einem nicht den Ruf einer hervorragenden Bäckerin oder eines hervorragenden Bäckers ein; andererseits ist das implizite Wissen der außergewöhnlichen Bäcker:innen nicht etwas, das man einfach in ein Buch schreiben kann.

Wie wichtig implizites Wissen ist, zeigt sich an der Zerstörung und dem Wiederaufstieg der deutschen Chemieindustrie. Nach dem ersten Weltkrieg und erneut nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Fabriken deutscher Chemieunternehmen in Deutschland demontiert und ihre Anlagen in den USA und Großbritannien enteignet. Übrig blieb nur das Schlüsselpersonal.

Wäre das gesamte für den Aufbau einer modernen Chemieindustrie erforderliche Wissen kodifiziert worden, gäbe es keinen besonderen Grund, warum Deutschland seine Führungsrolle in diesem Bereich hätte wiedererlangen sollen. Jedes Land mit einer großen Zahl wissenschaftlicher und technischer Erwerbspersonen hätte die Industrie mit dem vorhandenen kodifizierten Wissen aufbauen können, etwa so, wie Bäcker:innen ein Rezept befolgen. Mit Hilfe ihres Know-hows und ihrer Erfahrung (dem impliziten Wissen) ist es den deutschen Unternehmen jedoch gelungen, auf einigen Märkten wieder eine dominierende Stellung einzunehmen.

Das Silicon Valley ist für sein implizites Wissen ebenso berühmt wie für sein patentiertes kodifiziertes Wissen. Die außerordentliche Konzentration innovativer Unternehmen im Silicon Valley spiegelt die Bedeutung externer Effekte und öffentlicher Güter bei der Produktion und Anwendung neuer Technologien wider. Die beiden Wörter ‚Silicon Valley‘ beziehen sich nicht mehr nur auf einen Ort. Sie stehen jetzt für eine bestimmte Art und Weise, wie Innovation betrieben wird. Silicon Valley wird inzwischen mit einem Innovationssystem assoziiert.

Neben den rechtlichen Institutionen, die kodifizierbares Wissen schützen und regeln, wie leicht Träger:innen des impliziten Wissens zwischen Unternehmen wechseln können, umfasst ein Innovationssystem auch finanzielle Institutionen wie Risikokapitalfonds, Banken oder Technologieunternehmen, die Projekte zur Kommerzialisierung von Innovationen finanzieren.

Verschiedene Länder verfügen über recht unterschiedliche Innovationssysteme, die sich oft mit den Industrien weiterentwickeln, auf die sie sich spezialisiert haben. So sind radikale Innovationen eher in den USA verbreitet, wo Arbeitskräfte leicht zwischen Unternehmen wechseln können und Risikokapital leichter verfügbar ist, während inkrementelle Innovationen eher in Deutschland verbreitet sind, wo die Bindung der Beschäftigten an die Unternehmen stärker ist und die Finanzierung von Innovationen eher aus einbehaltenen Gewinnen und Banken als aus Risikokapital stammt.

Wettbewerbsverbot
Ein Arbeitsvertrag, der eine Bestimmung oder Vereinbarung enthält, nach der die beschäftigte Person nicht zu einem konkurrierenden Unternehmen wechseln kann. Dadurch kann sich die Reservationsoption der beschäftigten Person verringern, was den Lohn, den das Unternehmen zahlen muss, senkt.

Selbst innerhalb der USA war das Silicon Valley ungewöhnlich. In den 1960er Jahren war das Silicon Valley im Vergleich zur Route 128 in der Nähe von Boston, Massachusetts, die von der Nähe zu Harvard und dem MIT profitierte, unbedeutent im Bereich der Technologien. Die Route 128 unterschied sich jedoch in wichtigen Punkten vom Silicon Valley, unter anderem durch Wettbewerbsverbote, die es Personen, die ein Unternehmen verließen, untersagten, bei einem konkurrierenden Unternehmen angestellt zu werden, um so die von einem Unternehmen geschaffenen Informationen zu schützen:

  • Der Staat Massachusetts setzte Wettbewerbsverbote in Verträgen durch: Dies schränkte die Mobilität zwischen Unternehmen und den daraus resultierenden Informationsaustausch ein.
  • Der Staat Kalifornien vertrat die entgegengesetzte Position: Er verbot Wettbewerbsverbote in Verträgen: ‚Jeder Vertrag, durch den jemand an der Ausübung eines rechtmäßigen Berufs, Handel oder Gewerbe jeglicher Art gehindert wird, ist … nichtig.‘ Die daraus resultierende Zirkulation von Ingenieurinnen und Ingenieuren zwischen den Unternehmen im Silicon Valley förderte die rasche Diffusion von neuem Wissen zwischen den Unternehmen.

Das Innovationssystem des Silicon Valley

Warum konzentriert sich die Innovation im Silicon Valley? Institutionen und Anreize verstärken sich gegenseitig, sodass ein Cluster radikaler Innovation entsteht. Das Silicon-Valley-Modell besteht aus hochmobilen Gründer:innen, Investierenden und Beschäftigten, die in einem kleinen geografischen Gebiet zusammenarbeiten und von Regierungen und Institutionen des Bildungswesens unterstützt werden.8 9

Das System des Silicon Valley besteht aus:

  1. Innovative Unternehmen: Die meisten Innovationen finden in Unternehmen statt, die sich auf die Herstellung neuer Methoden oder Produkte spezialisiert haben (Start-ups) und nicht in bestehenden Unternehmen, die Waren und Dienstleistungen produzieren.
  2. Andere innovative Institutionen: Zwei Universitäten, eine öffentliche (University of California in Berkeley) und eine private (Stanford University), arbeiten seit den frühen 1900er Jahren eng mit Unternehmen zusammen, um Innovationen zu vermarkten. Im Jahr 1951 wurde in Stanford ein Industriepark mit großen Unternehmen wie General Electric, IBM und Hewlett Packard eingerichtet. Universitäten, Regierungen und private F&E-Labore arbeiten im Valley zusammen, darunter auch das F&E-Zentrum des Einzelhandelsriesen Walmart.
  3. Regierung: Militärische Forschung in den Bereichen Elektronik und Hochenergiephysik wurde an den Universitäten und in privaten Unternehmen in der Region bereits im Vorfeld des zweiten Weltkriegs gefördert. Während des kalten Krieges (vom Ende des zweiten Weltkriegs bis in die 1990er Jahre) setzte sich dies mit Lockheed Missiles and Space als Unternehmen mit den meisten Beschäftigten im Valley fort. Eine Gesetzesänderung im Jahr 1980, das so genannte Bayh-Dole-Gesetz, ermöglichte es den Universitäten, das Eigentum an ihrem Output zu erwerben und ihn zu vermarkten, auch wenn die Regierung sie mitfinanziert hatte. Dies holte private Investitionen in das Netzwerk.
  4. Soziale Normen: Eine soziale Norm für risikoreiches, renditestarkes Verhalten, von der manche sagen, sie habe ihren Ursprung in den Spekulatoren, die im neunzehnten Jahrhundert nach Kalifornien strömten, um nach Gold zu schürfen, stützt eine Kultur des Serienunternehmertums. Gescheiterte Gründer:innen können mit einer neuen Idee erneut beginnen. Hohe Konkursraten und andere Gründe für die Mobilität der Beschäftigten zwischen den Unternehmen führen dazu, dass das implizite Wissen, das in einem Unternehmen erworben wurde, auf andere Unternehmen übertragen wird. Einige sind zu dem Schluss gekommen, dass dieser unbeabsichtigte Informationsaustausch zwischen Unternehmen der Schlüssel zum Erfolg des Silicon Valley war.
  5. Finanzen: Gründer:innen stellen ihr Projekt in einer frühen Phase den Risikokapitalgeber:innen (VC, aus dem Englischen für „Venture Capital“) vor. Wenn die VCs beschließen, zu investieren und einen beträchtlichen Anteil des Eigentums zu übernehmen, in der Regel für einen Zeitraum von 12 bis 18 Monaten, schafft dies starke Anreize für das Start-up, schnell zu wachsen und bedeutet, dass die VCs im Erfolgsfall mit einer hohen Gewinnrate aussteigen können. Das Finanzierungsmodell für Start-ups ist ein schneller Zyklus, bei dem eine neue Geschäftsidee Investierenden vorgestellt wird, und auf der Kommerzialisierung einer Erfindung beruht, gefolgt von der Einstellung von Schlüsselpersonal (deren Einkünfte oft an den Verkaufswert des Unternehmens gekoppelt sind), dem Wachstum des Marktes und der Suche nach mehr Geld. Gründer:innen, Investierende und Beschäftigte wissen, dass ein Scheitern wahrscheinlich ist. Die Risikokapitalgeber:innen profitieren dennoch, da die wenigen erfolgreichen Unternehmen hohe Renditen erwirtschaften, die die vielen Verluste kompensieren.

Das deutsche Innovationssystem

In den USA konzentriert sich die Innovation auf Industrien, deren Patente stark auf wissenschaftliche Artikel verweisen. Dies ist ein Indiz für radikale Innovation. Im Gegensatz dazu stützen sich die sehr erfolgreichen deutschen Industrien im Export auf inkre­mentelle Innovation, bei der Patente viel weniger intensiv zitiert werden und implizites Wissen eine größere Rolle spielt. Netzwerke sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung für das deutsche Innovationssystem, aber sie funktionieren anders als im Silicon Valley. Wie im Silicon Valley ist die Innovation geografisch konzentriert, mit Zentren um München und Stuttgart im Südwesten Deutschlands.

Das deutsche System besteht aus:

Lesen Sie die Einleitung zu: Peter A. Hall und David Soskice. 2001. Varieties of Capitalism: The Institutional Foundations of Comparative Advantage (Die institutionellen Grundlagen des komparativen Vorteils). New York, NY: Oxford University Press.

  1. Innovative Unternehmen: In Deutschland findet inkrementelle Innovation in mittleren und großen, langlebigen Unternehmen statt und stützt sich auf langfristige Beziehungen zwischen den Unternehmen und ihren Beschäftigten, zwischen Unternehmen und Banken sowie zwischen Unternehmen, die durch Produktionsbeziehungen, Eigentum und Kontrolle miteinander verbunden sind. Um bei der Einführung neuer Technologien erfolgreich zu sein, stehen die Unternehmen vor zahlreichen Koordinationsproblemen, die durch Kooperationen und Wettbewerbsbeziehungen mit Beschäftigten, anderen Unternehmen und Banken gelöst werden können.
  2. Regierung: Die Regierung unterstützt die Ausbildung hochqualifizierter Arbeitskräfte durch ein staatlich subventioniertes Ausbildungssystem, das von den Industrieverbänden beaufsichtigt wird. Dieses System senkt die Ausbildungskosten für die Unternehmen und gewährleistet eine hohe Qualität der Ausbildung. Die Auszubildenden tragen dazu bei, indem sie niedrige Ausbildungslöhne akzeptieren. Große Unternehmen müssen über gewählte Gremien verfügen, die die Beschäftigten bei Verhandlungen mit dem Management vertreten. Diese Gremien tragen dazu bei, alle möglichen gegenseitigen Gewinne auszuschöpfen und diese Gewinne in einer für alle akzeptablen Weise zu verteilen.
  3. Innovative Personen: Für die erfolgreiche Einführung von Prozess- und Produktinnovationen werden qualifizierte Arbeitskräfte benötigt. Um dies zu ermöglichen, muss jungen Menschen eine langfristige, gut bezahlte Beschäftigung zugesichert werden, bevor sie bereit sind, eine mehrjährige Ausbildung zu absolvieren. Ebenso müssen die Beschäftigten, die sich mit Innovationen befassen, welche zum Abbau von Arbeitsplätzen führen könnten, die Gewissheit haben, dass sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren werden. Das Berufsausbildungsprogramm geht diese Probleme auf verschiedene Weise an. Wie bereits erwähnt, fördert und subventioniert die Regierung qualitativ hochwertige Ausbildungsplätze. Die Ausbildungsprogramme werden auch zertifiziert. Dies gibt den Auszubildenden die Gewissheit, dass ihre Fähigkeiten auch außerhalb des Unternehmens wertvoll sind, verbessert ihre Reservationsoption, falls ihr Arbeitsplatz wegfallen sollte und trägt dazu bei, hohe Löhne zu sichern, solange der Arbeitsplatz besteht.
  4. Soziale Normen: Inkrementelle Innovation (zum Beispiel in der Automobilindustrie) erfordert branchenweite Standards, um den Technologietransfer zu erleichtern. Langfristige Beziehungen und übergreifendes Eigentum zwischen Unternehmen sind für die Erleichterung des Technologietransfers von entscheidender Bedeutung, da langfristige Verträge bedeuten, dass ein Technologietransfer im Stil des Silicon Valley, der bei einem Wechsel der Beschäftigten von einem Unternehmen zum anderen stattfindet, viel seltener vorkommt. Auch die Sicherheit, dass hochqualifizierte Beschäftigte nicht abgeworben werden, wird nicht durch Gesetze erreicht, sondern durch Normen, die von den ansonsten stark wettbewerbsorientierten Unternehmen weitgehend respektiert werden.
  5. Finanzen: Das Eigentumssystem der großen deutschen Unternehmen unterscheidet sich deutlich von US-amerikanischen oder britischen Unternehmen. Übernahmen sind in den USA oder im Vereinigten Königreich einfacher und ermöglichen schnelle Änderungen in der Verwendung der Vermögenswerte eines Unternehmens. Da in Deutschland das Eigentum an Unternehmen sehr viel stärker konzentriert ist, ist eine feindliche Übernahme—das heißt, eine Übernahme, die von der Unternehmensleitung abgelehnt wird—praktisch unmöglich. Daher ist eine langfristige Zusammenarbeit zwischen Unternehmen bei der Entwicklung von Technologien möglich und es ist einfacher, branchenweite Standards zu setzen. Die Finanzie­rung von Innovationen erfolgt in Deutschland durch einbehaltene Gewinne (Gewinne, die nicht als Dividenden an Aktienhalter:innen ausgeschüttet werden) und Bankdarlehen. Langfristige Finanzierung bietet Sicherheit für Auszubildende, die in den Erwerb unternehmensspezifischer Fähigkeiten investieren, sowie für andere Unternehmen, die in verwandte Technologie-Entwicklungen investieren.

Abbildung 21.5 vergleicht die beiden Systeme. Beide sind erfolgreich, aber auf unterschiedliche Weise. Die im Silicon Valley ansässigen Unternehmen dominieren wichtige digitale Technologien (Informations- und Kommunikationstechnologien, kurz IKT), die mit den neuesten Basistechnologien verbunden sind. Die deutschen Unternehmen, die das ausgeprägte Innovationssystem ausmachen, haben es geschafft, im globalen Wettbewerb ein viel höheres Niveau an gut bezahlten Arbeitsplätzen in der Industrie aufrechtzuerhalten, als dies in den USA der Fall ist.

  Silicon Valley Deutsches Innovationssystem
Innovation Radikal kodifiziert, vor allem im Bereich IKT Inkrementell implizit, vor allem bei Investitionsgütern und Transporttechnologie
Innovative Unternehmen Spezialisiert für unternehmerische Innovation Etablierte Industrieunternehmen und Unternehmen anderer Sektoren
Regierungen Militärische Verträge, Hochschulbildung Subventionen für die Ausbildung von Beschäftigten
Innovative Personen Ingenieurinnen und Ingenieure, Wissenschaftler:innen, Universitäten Fachkräfte sowie Ingenieurinnen und Ingenieure
Soziale Normen Wettbewerb; Risikobereitschaft Kooperation; Risiko-Pooling
Finanzen Risikokapital Bankdarlehen, einbehaltene Einkünfte
Eigentumsrechte Patente von größerer Bedeutung Nicht-Patent-Schutzformen von größerer Bedeutung

Abbildung 21.5 Zwei Innovationssysteme: Silicon Valley und Deutschland.

Die Ökonomie der Innovationssysteme

Erfolgreiche Innovationen können zu einem höheren Lebensstandard beitragen, indem sie die Palette der für die Verbrauchenden verfügbaren Produkte erweitern und die Preise für bestehende Produkte senken. Viele Länder haben jedoch Schwierigkeiten innovativ zu sein. Die Ökonomin Lisa Cook von der Michigan State University fragt, warum der Übergang zum Kapitalismus in Russland in den 1990er Jahren keine Innovationswelle ausgelöst hat. Sie dokumentiert die Erfindungen afroamerikanischer Erfinder:innen des späten 19. Jahrhunderts, darunter Gasmasken, Verkehrsampeln und Glühbirnen und zeigt, wie diese Welle von Innovationen durch eine Welle von Anschlägen und Mobgewalt unterbrochen wurde. Ihre Erkenntnisse über die politischen und volkswirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Innovation gedeihen kann, sind wichtig, um die großen Unterschiede im Ausmaß der Innovation in der heutigen Welt zu verstehen.

Vergleichen Sie den Umfang der Innovation in kapitalistischen Volkswirtschaften mit dem Umfang in den zentralen Planwirtschaften der Sowjetunion und ihrer verbündeten Länder während des zwanzigsten Jahrhunderts. In einer Liste von 111 wichtigen nicht-militärischen Produkt- und Prozessinnovationen zwischen 1917 und 1998 stammt nur eine einzige—synthetischer Kautschuk—aus den Ländern des Sowjetblocks. Wissenschaftler:innen sind der Meinung, dass ein wichtiger Faktor, der zum Zusammenbruch der sowjetischen Planwirtschaft beitrug, das Versagen der Kommunistischen Partei war, Innovationen bei Verbrauchsgütern zu liefern, was die Legitimität ihrer Herrschaft untergrub.10

Die erfolgreichen kapitalistischen Innovationssysteme im Silicon Valley und in Deutschland haben zwei Dinge gemeinsam:

  • Das Innovationssystem basiert nicht auf individueller Kreativität: Ein einzelnes Unternehmen oder eine Erfinder:in ist auf die Beziehungen zwischen allen Agierenden—Eigentümer:innen, Beschäftigten, Regierungen und Finanzquellen—angewiesen. Regionen ohne diese Unterstützungsnetze sind bei Innovationen weniger erfolgreich.
  • Es gibt sowohl eine helfende als auch eine ‚unsichtbare Hand‘: Erfolgreiche Innovationssysteme beinhalten einen gewinnorientierten Wettbewerb zwischen Einzelpersonen und Unternehmen, zusätzlich spielt auch die Regierung eine wichtige Rolle—zum Beispiel militärische Verträge im Silicon Valley und die Ausbildung der Arbeitskräfte in Deutschland.

In den folgenden drei Abschnitten werden drei Aspekte der Erfindung und Diffusion untersucht, die den Innovationsprozess zu einer Herausforderung für die Politik machen und warum es sich für andere Orte als so schwierig erwiesen hat, die Innovationssysteme des Silicon Valley oder Deutschlands zu kopieren.

externer Effekt
Eine positive oder negative Auswirkung einer Produktion, eines Konsums oder einer anderen wirtschaftlichen Entscheidung auf eine oder mehrere andere Personen, die nicht als Nutzen oder Schaden in einem Vertrag angegeben ist. Sie wird als externer Effekt bezeichnet, weil der betreffende Effekt außerhalb des Vertrags liegt. Auch bekannt als: Externalität. Siehe auch unter: unvollständiger Vertrag, Marktversagen, externer Nutzen, externe Kosten.
öffentliches Gut
Ein Gut, dessen Nutzung durch eine Person seine Verfügbarkeit für andere nicht verringert. Auch bekannt als: nicht-rivales Gut. Siehe auch: nicht ausschließbares öffentliches Gut, künstlich knappes Gut.
Skaleneffekte
Sie treten auf, wenn die Verdoppelung aller Inputs in einem Produktionsprozess den Output mehr als verdoppelt. Die Form der Kurve der langfristigen Durchschnittskosten eines Unternehmens hängt sowohl von den Skalenerträgen in der Produktion als auch von den Auswirkungen der Skalenerträge auf die Preise ab, die das Unternehmen für seine Inputs zahlt. Auch bekannt als: steigende Skalenerträge, negative Skaleneffekte.

Diese Aspekte sind:

  • Externe Effekte und das Problem der Koordination zwischen den innovativen Personen und Unternehmen: Wenn ein Unternehmen eine erfolgreiche Erfindung erzielt, hat dies fast immer positive oder negative Auswirkungen auf den Wert der Investitionen in den Innovationsprozess anderer Unternehmen. Eigentümer:innen eines Unternehmens, die nur auf ihren Gewinn bedacht sind, berücksichtigen diese externen Effekte nicht.
  • Öffentliche Güter: Innovation kann als die Produktion von neuem Wissen durch die Nutzung einer Kombination aus altem Wissen und Kreativität gesehen werden. Die Tatsache, dass die meisten Formen von Wissen nicht rivalisierend sind—es einer zusätzlichen nutzenden Person zur Verfügung zu stellen, bedeutet nicht, dass eine bestehende nutzende Person der Nutzung beraubt wird—macht den Innovationsprozess zu einem Prozess, bei dem öffentliche Güter genutzt werden, um andere öffentliche Güter zu produzieren.
  • Skaleneffekte und winner-take-all Wettbewerb: ‚Big is beautiful‘, wenn es um die wissensbasierte Wirtschaft geht. Die Durchschnittskosten sinken, wenn mehr Einheiten einer Ware oder Dienstleistung angeboten werden und das bedeutet, dass Unternehmen, die als erste in einen Markt eintreten, oft den gesamten Markt erobern können, zumindest vorübergehend.

Aus Einheit 12 wissen wir, dass diese drei Merkmale alle zu Marktversagen führen. Die Regulation des Innovationsprozesses einfach dem Marktwettbewerb zu überlassen, wird im Allgemeinen nicht zu einem effizienten Ergebnis führen. Diese drei Aspekte des Innovationsprozesses stellen auch Herausforderungen für Regierungen dar, die versuchen, diese Marktversagen zu beheben. Der Grund dafür ist, dass Regierungen möglicherweise nicht über die notwendigen Informationen (oder die Motivation) verfügen, um geeignete Politikmaßnahmen zu entwickeln.

Wir beginnen mit einem Modell des Problems der externen Effekte und des Problems der Koordination zwischen innovativen Unternehmen, vereinfacht auf zwei Unternehmen, die erwägen in Innovationen zu investieren, und eine Regierung, die den Innovationsprozess unterstützen kann.

Übung 21.3 Vergleich von Innovationssystemen

In dieser Einheit haben wir die Innovationssysteme des Silicon Valley und Deutschlands verglichen.

Welches dieser beiden Systeme würde Ihrer Meinung nach in dem Land oder der Region, in der Sie jetzt leben, eher eingeführt werden und erfolgreich sein? Warum oder warum nicht? (Wenn Sie in Deutschland leben, würde das System des Silicon Valley bei Ihnen funktionieren? Wenn Sie in Kalifornien sind, würde das deutsche System dort funktionieren?)

Frage 21.2 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Welche der folgenden Aussagen zu den Innovationssystemen im Silicon Valley und in Deutschland ist richtig?

  • Das Innovationssystem des Silicon Valley gilt als wesentlich erfolgreicher als das deutsche Innovationssystem.
  • Sowohl das Innovationssystem des Silicon Valley als auch das deutsche Innovationssystem stützen sich auf die Universitäten, die hochqualifizierte und daher gut bezahlte Absolventinnen und Absolventen hervorbringen.
  • Die Erfolge des Silicon Valley und des deutschen Innovationssystems sind beide auf die Beziehungen zwischen allen Agierenden (Eigentümer:innen, Beschäftigte, Regierungen und Geldgebende) zurückzuführen, die die Innovation fördern.
  • Sowohl das Silicon Valley als auch das deutsche Innovationssystem profitieren von einer hohen Finanzierung durch Risikokapitalgebende, deren hohe Toleranz gegenüber unternehmerischem Misserfolg eine Kultur des Unternehmertums fördert.
  • Die beiden Systeme sind zwar sehr unterschiedlich, gelten aber beide als sehr erfolgreich. Die im Silicon Valley ansässigen Unternehmen dominieren wichtige Technologien im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien, während es den deutschen Unternehmen gelungen ist, trotz des globalen Wettbewerbs ein wesentlich höheres Niveau an gut bezahlten Arbeitsplätzen in der Industrie zu erhalten.
  • Während diese Aussage für das Silicon Valley zutrifft, werden die Beschäftigten in Deutschland von den Unternehmen in mehrjährigen Lehrgängen zu niedrigen Löhnen ausgebildet.
  • Wie im Text erläutert.
  • Die Finanzierung von Innovationen in Deutschland erfolgt durch einbehaltene Einkommen und Bankkredite, was Investitionen in branchenspezifische Fähigkeiten ermöglicht.

21.3 Externe Effekte: Komplementärgüter, Substitute und Koordination

Komplementärgüter
Zwei Güter, bei denen eine Erhöhung des Preises des einen Gutes zu einem Rückgang der nachgefragten Menge des anderen Gutes führt. Siehe auch: Substitute.
Substitute
Zwei Güter, bei denen eine Erhöhung des Preises des einen Guts zu einem Anstieg der nachgefragten Menge des anderen Guts führt. Siehe auch: Komplementärgüter.

Innovationen, die ein Unternehmen in Erwägung zieht, erhöhen oder verringern in der Regel den Gewinn anderer Unternehmen und beeinflussen die Innovationsentscheidungen dieser Unternehmen. Stellen Sie sich nur zwei Unternehmen vor, die jeweils Innovationen in Betracht ziehen. Die jeweiligen Innovationen sind entweder:

  • Komplementärgüter: Der Wert der einen Innovation ist größer, wenn die andere vorhanden ist. 1810 erfand der britische Kaufmann Peter Durand Blechdosen zur Aufbewahrung von Lebensmitteln und 1813 nahm die erste Konservenfabrik die Produktion auf. Aber die Dosen waren sehr schwer zu öffnen und kaum in Haushalten verbreitet, bis Ezra Warner im Jahre 1858 einen einfachen Dosenöffner erfand.
  • Substitute: Die beiden Innovationen sind für sich genommen wertvoll, aber weniger wertvoll, wenn es bereits eine andere Innovation gegeben hat. Ein gutes Beispiel ist der Krieg der Videoformate in den 1980er Jahren zwischen zwei konkurrierenden Standards, VHS und Betamax. Videos, die mit dem einen Format aufgenommen wurden, konnten nicht auf Geräten abgespielt werden, die für das andere Format ausgelegt waren. Entweder Sony Betamax oder das konkurrierende VHS von JVC wären ein gutes Einzelformat für Heimvideos gewesen, aber die Einführung beider Formate führte zu einer kostspieligen Rivalität.

In Abwesenheit expliziter Politikmaßnahmen oder privater Mittel zur Koordination zwischen Unternehmen sind die Herausforderungen, die komplementäre Innovationen und Substitut-Innovationen mit sich bringen, recht unterschiedlich:

  • Wenn potenzielle Innovationen Komplementärgüter sind: Innovationen finden manchmal nicht statt, selbst wenn es für die Gesellschaft vorteilhaft und für die Unternehmen gewinnbringend gewesen wäre, wenn beide Innovationen eingeführt worden wären.
  • Wenn potenzielle Innovationen Substitute sind: Beide Innovationen treten manchmal auf, obwohl lediglich die eine oder die andere für die Gesellschaft vorteilhafter und für die beteiligten Unternehmen profitabler gewesen wäre. Ein Wettbewerb zwischen Substituten kann für beide Unternehmen mit hohen Kosten verbunden sein.

Mithilfe der Spieltheorie können wir verstehen, wie zwei potenziell innovative Unternehmen strategisch interagieren und wir können zeigen, warum diese gegensätzlichen Probleme auftreten und warum sie möglicherweise schwer zu lösen sind. (Falls Sie die Einführung in die Spieltheorie wiederholen möchten, schauen Sie sich Einheit 4 an.)

Innovationen, die Komplementärgüter sind

Hier haben wir zwei hypothetische Unternehmen, Plugcar, das die Entwicklung eines neuartigen Elektroautos in Erwägung zieht, und Netflex, das die möglichen Gewinne einer Investition in ein mobiles Netz von Batteriewechselstellen abwägt. Wie oben beschrieben, erhöht die Präsenz von Netflex den Wert von Plugcar und umgekehrt, sie sind also Komplementärgüter. Sie treffen ihre Entscheidungen (Investieren oder Nicht-Investieren) unabhängig voneinander, aber sie kennen die Gewinne, die sich aus jedem der vier möglichen Ergebnisse ergeben werden. Die Gewinne sind in der nachstehenden Auszahlungsmatrix angegeben. Das in der Zeile spielende Unternehmen ist Plugcar und dessen Auszahlungen stehen in jeder Zelle an erster Stelle; das in der Spalte spielende Unternehmen ist Netflex, dessen Auszahlungen stehen in jeder Zelle an zweiter Stelle. Positive Zahlen sind Gewinne für das Unternehmen, während negative Zahlen Verluste bedeuten.

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Abbildung 21.6 Die Entscheidung zu investieren, wenn Produkte Komplementärgüter sind.

Beginnen Sie mit Plugcar, dem in der Zeile spielende Unternehmen
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Beginnen Sie mit Plugcar, dem in der Zeile spielende Unternehmen

Beginnen Sie mit Plugcar und fragen Sie: Was wäre die beste Antwort, wenn Netflex entscheidet, zu investieren?

Die beste Antwort
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Die beste Antwort

Die beste Antwort wäre ‚Investieren‘, da die Auszahlung 1 und nicht 0 ist. Setzen Sie einen Punkt in die Zelle oben links.

Die Antwort von Plugcar, das in der Zeile spielende Unternehmen
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Die Antwort von Plugcar, das in der Zeile spielende Unternehmen

Fragen Sie dann, was wäre die beste Antwort von Plugcar, wenn sich Netflex entscheidet, nicht zu investieren: Die Antwort lautet ‚Nicht-Investieren‘. Setzen Sie einen Punkt in die Zelle unten rechts.

Die Überlegungen von Netflex, dem in der Spalte spielende Unternehmen
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Die Überlegungen von Netflex, dem in der Spalte spielende Unternehmen

Wenden Sie sich nun an Netflex. Was wäre die beste Antwort, wenn Plugcar, das in der Zeile spielende Unternehmen, die Strategie ‚Investieren‘ wählt? Die Antwort lautet: ‚Investieren‘. Setzen Sie einen offenen Kreis in die Zelle oben links—dort befindet sich nun ein Punkt innerhalb eines Kreises.

Die Antwort von Netflex, das in der Spalte spielende Unternehmen
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Die Antwort von Netflex, das in der Spalte spielende Unternehmen

Machen Sie das Gleiche für die Antwort von Netflex, wenn Plugcar die Strategie ‚Nicht-Investieren‘ wählt. Es gibt jetzt einen Punkt innerhalb eines Kreises.

Finden der Nash-Gleichgewichte
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Finden der Nash-Gleichgewichte

Wo immer ein Punkt innerhalb eines Kreises in einer Zelle zu sehen ist, handelt es sich um ein Nash-Gleichgewicht, denn es zeigt, dass jedes Unternehmen die beste Antwort auf das spielt, was das andere tut.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Plugcar. Wenn Sie nicht investieren, bekommen Sie null, egal was Netflex tut. Wenn Sie wüssten, dass Netflex sein Produkt nicht einführen wird, dann würden Sie das Plugcar sicher nicht entwickeln. Was ist, wenn Netflex sein Produkt doch einführt? Wenn Sie investieren, werden Sie einen Gewinn von 1 erzielen, aber Sie müssen auch mit einem Verlust von 0,5 rechnen, falls Netflex nicht investieren sollte.

Wenn Sie nicht ziemlich sicher sind, dass Netflex innovieren wird, könnten Sie beschließen, dass Sie Ihre Mittel besser verwenden können. Wenn Netflex auf die gleiche Weise argumentiert, wird vielleicht keines der Unternehmen innovieren, obwohl beide davon profitieren würden.

Innovationen, die Substitute sind

Wenn zwei Innovationen Substitute sind, haben wir das umgekehrte Problem. Ein gutes Beispiel ist der Krieg der Videoformate in den 1980er Jahren zwischen zwei konkurrierenden Standards, VHS (für ‚Video Home System‘, entwickelt von der Victor Company of Japan (JVC)) und dem Betamax-Format von Sony. Wie bereits erwähnt, konnten Videos, die mit dem einen Format aufgenommen wurden, nicht auf Geräten abgespielt werden, die für das andere Format ausgelegt waren, sodass beide Unternehmen ein Interesse daran hatten, dass sich ihr Format durchsetzt.

Wir betrachten zwei hypothetische Unternehmen auf der Grundlage des Falles Sony-JVC. Hier ist die Auszahlungsmatrix, mit der sie konfrontiert sind. JVC ist das in der Zeile spielende Unternehmen, Sony das in der Spalte spielende Unternehmen. Wie zuvor ist der erste Eintrag in jeder Zelle die Auszahlung des in der Zeile spielenden Unternehmens.

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Abbildung 21.7 Die Entscheidung zu investieren, wenn Produkte Substitute sind.

Beginnen Sie mit JVC, dem in der Zeile spielenden Unternehmen
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Beginnen Sie mit JVC, dem in der Zeile spielenden Unternehmen

Beginnen Sie mit JVC, dem in der Zeile spielende Unternehmen, und fragen Sie: Was wäre die beste Antwort, wenn Sony entscheidet zu investieren?

Die beste Antwort
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Die beste Antwort

Die beste Antwort wäre ‚Nicht-Investieren‘, da die Auszahlung –0,5 und nicht –1,0 beträgt. Setzen Sie einen Punkt in die Zelle unten links.

Die Antwort von JVC, dem in der Zeile spielende Unternehmen
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Die Antwort von JVC, dem in der Zeile spielende Unternehmen

Fragen Sie dann, was die beste Antwort von JVC wäre, wenn sich Sony entscheidet nicht zu Investieren: Die Antwort ist ‚Investieren‘. Setzen Sie einen Punkt in die Zelle oben rechts.

Die Überlegungen von Sony, dem in der Spalte spielende Unternehmen
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Die Überlegungen von Sony, dem in der Spalte spielende Unternehmen

Wenden Sie sich nun an Sony, dem in der Spalte spielende Unternehmen. Was wäre die beste Antwort, wenn sich JVC für die Strategie ‚Investieren‘ entscheidet? Die Antwort lautet: ‚Nicht-Investieren‘. Setzen Sie einen Kreis in das untere linke Feld—es wird nun ein Punkt in einem Kreis sein.

Die Antwort von Sony, dem in der Spalte spielende Unternehmen
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Die Antwort von Sony, dem in der Spalte spielende Unternehmen

Machen Sie das Gleiche für die Antwort von Sony, wenn JVS die Strategie ‚Nicht-Investieren‘ wählt. Es gibt jetzt einen Punkt innerhalb eines Kreises.

Finden der Nash-Gleichgewichte
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Finden der Nash-Gleichgewichte

Wo immer ein Punkt innerhalb eines Kreises in einer Zelle zu sehen ist, handelt es sich um ein Nash-Gleichgewicht, denn es zeigt, dass jedes spielende Unternehmen die beste Antwort auf das spielt, was das andere tut.

Wenn Sony sicher ist, dass JVC investieren wird, dann wird es einen kostspieligen Kampf führen und große Verluste erleiden, falls JVC gewinnt. Die Auszahlungen in der oberen linken Zelle sind für beide Unternehmen negativ, weil die Kosten für die Entwicklung des neuen Produkts und den Wettbewerb um Marktanteile die unsicheren Gewinnaussichten im Falle eines Sieges nicht ausgleichen. Wenn aber Sony wüsste, dass JVC nicht investieren würde, oder wenn es sicher wäre, dass es einen nicht sehr kostspieliger Kampf mit seinem Produkt gewinnen würde, sollten beide investieren, dann würde Sony definitiv investieren und die winner-take-all Gewinne genießen, während es JVC Verluste zufügt.

Das Ergebnis ist, dass es manchmal zu wenig Innovation zum Wohle der Gesellschaft gibt, wenn die Ideen komplementär sind und zu viel, wenn die Innovationen Substitute sind.

Die Rolle der öffentlichen Politik

Komplementärgüter

Wenn die Auszahlungen in der Matrix allen bekannt wären, dann wüsste eine kluge Regierung, dass die obere linke Seite (Investieren, Investieren) in Abbildung 21.6 das beste Ergebnis für die Gesellschaft ist. Im Falle von komplementären Innovationen könnte sie beide Unternehmen mit ausreichenden Subventionen versorgen, sodass es sich für beide Unternehmen lohnt, die Investition zu tätigen, unabhängig davon, was das andere Unternehmen tut. Oder sie könnte die beiden Unternehmen bei der Kooperation im Innovationsprozess unterstützen und ihnen versprechen, sie nicht wegen wettbewerbswidriger Praktiken zu belangen, wenn eine koordinierte Entscheidungsfindung durch Kartell- oder andere Gesetze verboten ist.

Der Einsatz von Politikmaßnahmen zur Vermeidung eines ungünstigen Ergebnisses ist jedoch eine größere Herausforderung, als unser einfaches Modell vermuten ließe. Es gibt wahrscheinlich mehr als zwei Unternehmen und daher viele vorgeschlagene Designs für Elektroautos und Aufladesysteme. Die Regierung müsste die kooperierenden Unternehmen auswählen und die Bedingungen für die Kooperation festlegen. In diesem Fall haben die Unternehmen Anreize, Ressourcen aufzuwenden, um die Entscheidungen der Regierungen zu beeinflussen (sogenanntes Lobbying). Wie wir in Einheit 22 sehen werden, gibt es viele Gründe, warum Regierungen in solchen Fällen das gesellschaftlich beste Ergebnis nicht erreichen können.

Privater Austausch könnte hier eine Rolle spielen. Wenn die Unternehmen selbst über bessere Informationen verfügen als die Regierung, können sie sich auf private Vereinbarungen einlassen. Dies entspricht den Verhandlungen zwischen privaten Wirtschaftsgremien, die in Einheit 12 als Alternative zur staatlichen Regulierung des Einsatzes von chemischen Unkrautvernichtungsmitteln stattfanden.

Schließlich könnten Unternehmen mit vielversprechenden komplementären Innovationen vereinbaren, sich zu einem Unternehmen zusammenzuschließen, sodass das Problem der Koordination ihrer Innovationsentscheidungen innerhalb des Unternehmens läge.

Substitute und Standards

Die Substitute in Abbildung 21.7 stellen die Regierungen vor ähnliche Herausforderungen. Es kann sehr viele konkurrierende Substitut-Innovationen geben. Sony’s Betamax und JVC’s VHS waren nicht die einzigen Unternehmen in der Anfangsphase der Formatierungskriege. Regierungen können auch nicht über die entsprechenden Informationen verfügen oder unter dem Einfluss eines der Unternehmens stehen.

Wie wir später sehen werden, setzt sich manchmal die Technologie eines der konkurrierenden Unternehmen durch. Letztendlich starb beispielsweise Betamax aus und VHS setzte sich als Standard für Heimvideokassetten durch. Manchmal wenden Unternehmen in einer Industrie dieselben Standards an, weil die Einheitlichkeit den Markt vergrößert und allen Unternehmen zugute kommt. Ein Beispiel dafür ist die Einführung der Norm für die Größe von Containern in der Schifffahrtsindustrie, die es den Lastwagen und Häfen ermöglichte, effizienter zu werden und somit Skaleneffekte zu erzielen.

Dennoch spielen häufig Einrichtungen des öffentlichen Sektors eine wichtige Rolle, da sie die Einigung aller Unternehmen einer Industrie auf technische Normen fördern können. Dabei handelt es sich in der Regel um internationale Gremien, wie die Internationale Fernmeldeunion oder die Europäische Kommission. So hat die EU den Mobilfunkunternehmen geholfen, sich auf den GSM-Standard für Mobiltelefone und -netze zu einigen, so dass alle Unternehmen von einem schnell wachsenden europäischen Markt profitieren konnten.

Übung 21.4 Komplementärgüter

  1. Nennen Sie einige Paare von Innovationen, die Komplementärgüter sind und einige, die Substitute sind.
  2. In dem Spiel in Abbildung 21.6, welche Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen ‚Investieren‘ wählt, würde es für das andere Unternehmen profitabel machen, ‚Investieren‘ zu wählen? Erläutern Sie Ihre Antwort. (Tipp: Vergleichen Sie die erwarteten Auszahlungen für die Wahl einer der beiden Optionen, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass sich das andere Unternehmen für ‚Investieren‘ entscheidet, x beträgt. In welchem Bereich der Wahrscheinlichkeiten wäre die erwartete Auszahlung bei der Wahl von ‚Investieren‘ höher?)

Übung 21.5 Substitute und Komplementärgüter

  1. Gehen Sie zurück zu Abbildung 4.16a und betrachten Sie das Spiel zwischen Bettina und Astrid, in dem sie wählen, ob sie zwei verschiedene Programmiersprachen, C++ und Java, verwenden wollen. Beschreiben Sie die Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Strategien, Auszahlungen und dem optimalen Ergebnis von Abbildung 4.16 und dem hier dargestellten Sony-JVC Spiel.
  2. In Abbildung 21.7: Mit welcher Wahrscheinlichkeit sollte sich das andere Unternehmen für ‚Nicht-Investieren‘ entscheiden, damit eine Innovation rentabel ist?

Nehmen wir nun an, dass die Entscheidungen in Abbildung 21.6 und 21.7 nicht gleichzeitig, sondern nacheinander getroffen werden. Im Fall der Substitute (Sony und JVC) stellen Sie sich vor, dass JVC das Produkt entwickelt und auf den Markt bringt (oder zumindest Sony davon überzeugt, dass es dies auf jeden Fall tun wird). Im Falle von Komplementärgütern (Plugcar und Netflex) nehmen Sie an, dass Plugcar Netflex davon überzeugen konnte, dass es das neue Elektroauto auf jeden Fall auf den Markt bringen wird.

  1. Erläutern Sie, wie das Ergebnis in diesen Fällen aussehen würde, wenn die beiden Unternehmen die Entscheidungen nicht gleichzeitig, sondern nacheinander treffen würden.

Frage 21.3 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Die folgende Matrix zeigt die Auszahlungen für zwei Unternehmen, je nachdem, ob sie investieren oder nicht. Die erste Zahl ist die Auszahlung für Unternehmen A, die zweite Zahl die für Unternehmen B.

Eine Auszahlungsmatrix für zwei Unternehmen, je nachdem, ob sie investieren oder nicht.
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Welche der folgenden Aussagen ist richtig?

  • In diesem Spiel sind die beiden Innovationen Komplementärgüter.
  • In diesem Spiel gibt es zwei Nash-Gleichgewichte: (Investieren, Investieren) und (Nicht-Investieren, Nicht-Investieren).
  • Unternehmen B wird sich aufgrund der potenziell hohen Gewinne aus der Innovation definitiv für die Innovation entscheiden.
  • Unternehmen A wird sich für eine Innovation entscheiden, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen B investiert, 75 % oder weniger beträgt.
  • Die Auszahlung der eigenen Innovation wird durch die Innovation der anderen vermindert. Daher sind die beiden Substitute.
  • Die beiden Nash-Gleichgewichte in diesem Spiel sind (Investieren, Nicht-Investieren) und (Nicht-Investieren, Investieren).
  • Unternehmen B erleidet einen großen Verlust, wenn Unternehmen A ebenfalls investiert. Es ist daher nicht sicher, dass Unternehmen B investieren würde.
  • Wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen B sich für Investieren entscheidet, x % beträgt, dann erhält Unternehmen A USD x + 1,5(1 – x), wenn es sich für Investieren entscheidet, im Vergleich zu –0,5x, wenn es sich für Nicht-Investieren entscheidet. Unternehmen A bevorzugt Investieren, wenn –x + 1,5(1 – x) > –0,5x, was zutrifft, wenn x < 0,75 ist.

21.4 Skaleneffekte und winner-take-all Wettbewerb

Innovation bedeutet, neues Wissen zu entwickeln und es zu nutzen. Es sei daran erinnert, dass Wissen in zweierlei Hinsicht ungewöhnlich ist. Es ist ein öffentliches Gut (was die eine Person verbraucht, wird nicht von dem abgezogen, was anderen zur Verfügung steht), und seine Produktion und Nutzung sind durch außerordentlich steigende Skalenerträge gekennzeichnet. Wir haben Wissen als ein öffentliches Gut in Einheit 12 diskutiert. In diesem Abschnitt erörtern wir die beiden Wege, auf denen wissensintensive Innovationen Skaleneffekte schaffen.

Die Angebotsseite: First Copy Costs und Skaleneffekte in der Produktion

first copy costs
Die Fixkosten für die Produktion einer wissensintensiven Ware oder Dienstleistung.

Die Herstellung der Erstkopie (also des ersten Exemplars) ist oftmals sehr kostspielig. Diese Kosten werden First Copy Costs genannt. Die Herstellung eines weiteren Exemplars ist hingegen beinahe kostenlos. Dies unterstreichen auch die folgenden Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Wirtschaft.

  • Thriller, von Michael Jackson: Dies ist das meistverkaufte Musikalbum der Geschichte. Die Produktion des Albums im Jahr 1982 kostete 750 000 USD (etwa doppelt so viel Dollar in 2015). Die Grenzkosten für die Produktion zusätzlicher Exemplare liegen bei weniger als 1 USD für eine CD und fast Null, wenn es sich um einen Download handelt. Eine CD wird für etwa 10 USD verkauft, ein Download für den gleichen Betrag. Selbst die First Copy Costs einer bescheidenen Produktion einer neuen Band belaufen sich auf mindestens 10 000 USD, wobei die Grenzkosten für jede CD bei etwa 1 USD und für einen Download bei Null liegen.
  • Lehrbücher: Die Entwicklung eines neuen hochwertigen Lehrbuchs kostet in den USA zwischen 1 Millionen und 2 Millionen USD, um die Verfasser:innen, Designenden, Editierenden und andere für ihre Arbeit zu entschädigen. Dies sind die First Copy Costs. Die Kosten für die Herstellung und den Vertrieb der physischen Bücher (einschließlich Druck, Lagerung und Lieferung) für einen erfolgreichen Text belaufen sich auf etwa 12 USD pro Buch. Dies sind die Grenzkosten. Studierende in aller Welt wissen, dass Lehrbücher für Einführungskurse normalerweise für das Zehnfache dieses Betrags verkauft werden.
  • Star Wars: The Force Awakens: Das Produktionsbudget für diesen Film, der 2015 veröffentlicht wurde, betrug 200 Millionen USD. Die Entwicklungskosten für das Computerspiel Star Wars: The Old Republic (2011) lagen zwischen 150 Millionen und 200 Millionen USD. In diesen Angaben sind die Marketing- und Promotionskosten, wie zum Beispiel Werbung, nicht enthalten, die in den First Copy Costs enthalten sein sollten und höher sein können als die Produktionskosten. Jetzt, wo Filme digital an die Kinos verteilt werden, kostet die Bereitstellung eines Films praktisch nichts mehr. Die Grenzkosten für Filme oder Spiele, die auf DVD verkauft werden, entsprechen in etwa denen einer CD und wenn sie als digitale Downloads verkauft werden, liegen sie bei Null.
  • Neue Medikamente: Die First Copy Costs eines neuen Medikaments in den USA im Jahre 2003 betrugen laut einer Studie 403 Millionen USD. Diese Tatsache erklärt den Preisunterschied zwischen Medikamenten, die noch unter Patentschutz stehen und den herstellenden Unternehmen ein zeitweiliges Monopol verschaffen und den Preisen, die die Verbrauchenden zahlen, sobald das Patent abgelaufen ist, sodass andere Produzierende mit dem Unternehmen, welche das Urheberrecht inne hatte, konkurrieren. So wurde beispielsweise Omeprazol, ein sehr häufig verschriebener Wirkstoff gegen Verdauungsstörungen, patentiert und 1989 unter dem Markennamen Prilosec auf den Markt gebracht. In den USA lief das Patent 2001 aus und im Jahr 2003 wurden 28 Tabletten des Markenmedikaments Prilosec für 124 USD verkauft, während die entsprechende Packung Omeprazol-Generika nur 24 USD kostete.11

In Einheit 7 haben wir untersucht, wie ein Unternehmen Preise festlegt und wie es entscheidet, wie viel es produziert. In Abbildung 21.8 zeigen wir eine Reihe von Kostenkurven für ein Unternehmen, das ein wissensintensives Gut produziert. Bei den Zahlen handelt es sich um hypothetische Werte, die die tatsächliche Höhe der First Copy Costs im Verhältnis zu den Grenzkosten unterbewerten. Dennoch ist die vertikale Achse nicht maßstabsgetreu gezeichnet, sodass man die Abbildung lesen kann.

  • Gesamtkosten: Die Kurve beginnt bei den First Copy Costs und steigt dann mit zunehmender Produktion nur noch wenig an.
  • Grenzkosten (GK): Die Kurve ist niedrig und konstant.
  • Durchschnittskosten (TDK): Die Kurve (einschließlich der wirtschaftlichen Gewinne und der First Copy Costs) sinkt mit zunehmender Menge, da sich die Kosten für die Erstkopie auf größere Einheiten des Outputs verteilen.
  • GK < TDK: Egal, wie viele Einheiten produziert werden, die Grenzkosten sind immer geringer als die Durchschnittskosten.

Ein Unternehmen, das ein wissensintensives Gut produziert und wirtschaftliche Gewinne erzielen will, muss ihre First Copy Costs decken. Um dies zu erreichen, muss der Preis mindestens so hoch sein wie die Durchschnittskostenkurve und damit höher als die Grenzkosten.

Das bedeutet, dass die Produktion von wissensintensiven Gütern nicht durch die Wettbewerbsmärkte von Einheit 8 beschrieben werden kann, in denen der Preis gleich den Grenzkosten (P = GK) ist, sondern durch das Modell der preissetzenden Unternehmen in Einheit 7. In Einheit 7 haben wir aufgrund des begrenzten Wettbewerbs angenommen, dass P > GK ist. Hier ist dies eine unvermeidliche Folge der First Copy Costs und egal wie viele Wettbewerbsteilnehmende es gibt, der Preis kann nicht bis zu den Grenzkosten sinken.

Vollbild

Abbildung 21.8 Ein wissensintensives Gut: Grenz-, Durchschnitts- und First Copy Costs.

An früherer Stelle in dieser Einheit (und in den Einheiten 1 und 2) haben wir erklärt, dass ohne Rechte an geistigem Eigentum der Wettbewerb durch nachahmende Unternehmen schließlich die Innovationsrenten der Erstanwendenden einer verbesserten Technologie oder eines neuen Produkts beseitigen würde. Dieser Prozess beschreibt die Diffusion einer neuen Technologie, was zu niedrigeren Preisen führt. Der gleiche Prozess findet statt, wenn First Copy Costs eine Rolle spielen. Andere Unternehmen werden das innovative Unternehmen so lange kopieren, bis die wirtschaftlichen Gewinne (Renten) abgeschöpft sind, so dass der geforderte Preis die Durchschnittskosten einschließlich der Kosten der ersten Kopie und der Opportunitätskosten für die verwendeten Investitionsgüter deckt. In diesem Fall muss der Preis jedoch höher sein als die Durchschnittskosten (aufgrund der First Copy Costs, wie in Abbildung 21.8 dargestellt). Die folgende Abbildung 21.9 veranschaulicht diese Fälle.

  Eingeschränkter Zugang (Rechte an geistigem Eigentum oder andere) Unbeschränkter Zugang
Sinkende Durchschnittskosten Wirtschaftliche Gewinne
P > TDK > GK
Keine wirtschaftlichen Gewinne
P = TDK > GK
Nicht sinkende Durchschnittskosten Wirtschaftliche Gewinne
P > GK ⋛ TDK
Keine wirtschaftlichen Gewinne
P = GK = TDK

Abbildung 21.9 Die Kurve der Durchschnittskosten, die wirtschaftliche Gewinne und Wettbewerb.

Die Nachfrageseite: Skaleneffekte durch Netzwerkeffekte

externe Netzwerkeffekte
Ein externer Effekt der Handlung einer Person auf eine andere, der dadurch entsteht, dass die beiden in einem Netzwerk miteinander verbunden sind. Siehe auch: externer Effekt.

Der Wert vieler Formen von Wissen steigt, wenn mehr Menschen es nutzen. Da der Nutzen für die Nutzenden in dem Maße zunimmt, wie das Netz der Nutzenden wächst, werden nachfrageseitige Ertragssteigerungen manchmal als externe Netzwerkeffekte bezeichnet. Der externe Effekt besteht darin, dass alle anderen davon profitieren, wenn sich eine weitere Person dem Netzwerk anschließt.

Sprachen sind ein gutes Beispiel. Heute lernen mehr als eine Milliarde Menschen Englisch, das sind mehr als dreimal so viele Menschen, wie Englisch als Muttersprache sprechen. Die Nachfrage nach Englisch ist nicht auf die Überlegenheit der Sprache an sich zurückzuführen oder darauf, dass sie leicht zu erlernen ist (wie viele von Ihnen wissen), sondern einfach darauf, dass so viele Menschen in vielen Teilen der Welt diese Sprache sprechen. Es gibt viel mehr Menschen, die Mandarin (Chinesisch) und Spanisch als Erstsprache sprechen und fast ebenso viele, die Hindi und Arabisch sprechen, aber keine dieser Sprachen ist für die globale Kommunikation so nützlich wie Englisch.

Eine bestimmte Spielekonsole ist besser, wenn viele Menschen die gleiche Konsole besitzen, weil die Spielentwickler:innen mehr Spiele dafür produzieren. Eine Kreditkarte ist nützlicher, wenn viele Menschen die gleiche Karte haben, weil viele Geschäfte sie dann als Zahlungsmittel akzeptieren.

Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, wer das erste Telefon gekauft hat und was die Person damit machen wollte? Oder was man mit dem ersten Faxgerät machen konnte?

Die Technologie hinter dem Fax, einem Gerät zur Übertragung von Bildern von Dokumenten über eine Telefonleitung, wurde erstmals 1843 von Alexander Bain patentiert—allerdings musste seine Innovation zur Übertragung von Bildern den Telegraphen nutzen, da noch niemand ein Telefon erfunden hatte. Ein kommerzieller Dienst, der handschriftliche Unterschriften per Telegraph übermitteln konnte, wurde in den 1860er Jahren angeboten. Aber das Fax blieb ein Nischenprodukt, bis es 120 Jahre später so populär wurde, dass innerhalb von 10 Jahren fast jedes Büro ein eigenes Faxgerät installierte.

Das ist die erste Sache, die wir über Skaleneffekte auf der Nachfrageseite wissen müssen: Es gibt wenig Anreiz, eine Technologie mit dieser Eigenschaft als erste Person einzuführen.

Zweitens: Wenn zwei Versionen dieser Art von Technologie miteinander konkurrieren, ist diejenige im Vorteil, die von Anfang an eine größere Zahl von Nutzenden findet, selbst wenn die andere günstiger oder besser ist. Um dies zu verdeutlichen, werfen wir noch einmal einen Blick auf den Videoformatkrieg zwischen Sony und JVC.

Das Betamax-Format von Sony war dem VHS-Format von JVC in Bezug auf die Bild- und Tonqualität überlegen. Anfang der 1980er Jahre beging Sony jedoch einen strategischen Fehler, indem es die Aufnahmezeit auf 60 Minuten begrenzte. Wenn die Kundschaft mit ihrem neuen Sony Betamax einen Spielfilm aufnehmen wollten, musste sie das Band mitten in der Aufnahme wechseln. Als Sony die Aufnahmedauer auf 120 MMinuten verlängerte, gab es bereits so viele VHS-Nutzende, dass das Betamax-Format nahezu verschwand.

Winner-take-all-Wettbewerb
Unternehmen, die als erste in einen Markt eintreten, können oft den gesamten Markt dominieren, zumindest vorübergehend.

Der Formatierungskrieg und sein Ausgang ist ein Beispiel für den Winner-take-all-Wettbewerb, bei dem Skaleneffekte in der Produktion oder im Vertrieb dem Unternehmen mit dem größten Martkanteil einen uneinholbaren Wettbewerbsvorteil verschaffen. Im Winner-take-all-Wettbewerb wird nicht unbedingt das beste konkurrierende Unternehmen ausgewählt.

Abbildung 21.10 veranschaulicht den Wettbewerb am Beispiel von Sony und JVC. Die Länge der horizontalen Achse ist die Anzahl der Personen, die entweder Sonys Betamax oder JVCs VHS kaufen. Wir nehmen an, dass der Preis der beiden Produkte identisch ist.

Um unser Beispiel zu vereinfachen, nehmen wir an, dass der Nutzen des Produkts für eine neue Nutzer:in ungefähr der Anzahl der Personen entspricht, die das Produkt derzeit nutzen, n, multipliziert mit einem Index für die Qualität des Produkts, q. Der Nettonutzen des Kaufs eines Gutes ist dann gleich dem Nutzen aus der Nutzung des Gutes, qn, abzüglich des Preises, den die Nutzer:in bezahlt, p. Aufgrund unserer vereinfachenden Annahmen können wir den Nettonutzen des Kaufs eines Produkts als Π = qnp schreiben. Qualitativ hochwertigere Produkte haben einen höheren Wert von q, sodass Personen, die zwei Produkten mit der gleichen Anzahl von Nutzenden und dem gleichen Preis gegenüberstehen, das qualitativ hochwertigere Produkt bevorzugen.

Die Anzahl der Personen, die Betamax kaufen, wird von links nach rechts gemessen, beginnend bei Null und erstreckt sich potenziell bis zum gesamten Markt. Die blaue Linie zeigt den Nettonutzen der Nutzung von Betamax für die Nutzer:innen. Ihre Gleichung lautet ΠB = qBnBp, wobei das hochgestellte ‚B‘ für Betamax steht. Wenn alle Betamax kaufen, ist der Wert für die Nutzer:innen in der Abbildung ΠBmax dargestellt, der gleich qBnGesamtp ist. Wenn niemand sonst Betamax kauft, ist der Wert für diese erste Person negativ und gleich dem gezahlten Preis, was durch den Schnittpunkt auf der linken vertikalen Achse unterhalb der horizontalen Achse angezeigt wird.

In derselben Abbildung ist der Nettowert des Produkts VHS von JVC durch die rote Linie gegeben, deren Gleichung ΠV = qVnV - p lautet (wobei das hochgestellte ‚V‘ für VHS steht). Da nur zwei Unternehmen miteinander konkurrieren, ist die Anzahl der Personen die VHS kaufen gleich der Gesamtgröße des Marktes abzüglich der Anzahl der Personen die Betamax kaufen.

Nehmen wir an, dass das Betamax-Format von höherer Qualität ist. In unserem Modell bedeutet dies, dass qB > qV. Dies bedeutet, dass der Nettowert größer wäre, wenn alle Betamax kaufen würden, als wenn alle das VHS-Format kaufen würden, das heißt ΠBmax > ΠVmax. In Abbildung 21.10 wird dies durch die Tatsache veranschaulicht, dass die Höhe der blauen Betamax-Linie, wo sie die rechte Achse schneidet (alle nutzen Betamax), über dem Schnittpunkt der roten VHS-Linie mit der linken Achse liegt (alle nutzen VHS).

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Abbildung 21.10 Der Nettowert, Teil eines Netzwerks zu werden.

Der Nettonutzen von Betamax
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Der Nettonutzen von Betamax

Der Nettonutzen für eine Käuferin oder einen Käufer von Betamax ergibt sich aus der blauen Linie, die von links nach rechts verläuft.

Wenn alle Betamax kaufen
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Wenn alle Betamax kaufen

Der Nettonutzen für jede Käuferin oder jeden Käufer wird in der Abbildung durch ΠBmax dargestellt, der gleich qBnGesamtp ist. Dies ist der Fall, in dem Betamax das siegreiche Format ist und den gesamten Markt erobert, dargestellt durch Punkt A.

Wenn niemand Betamax kauft
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Wenn niemand Betamax kauft

Der Nettonutzen für eine Käuferin oder einen Käufer wäre negativ und gleich dem dafür gezahlten Preis.

Der Nettonutzen von VHS
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Der Nettonutzen von VHS

Die rote Linie gibt den Nettonutzen für eine Käuferin oder einen Käufer des VHS-Formats an. Das VHS-Format gewinnt und erobert den gesamten Markt am Punkt B.

Damit Betamax das VHS-Monopol brechen kann
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Damit Betamax das VHS-Monopol brechen kann

Damit der Nettonutzen von Betamax größer ist als der Nettonutzen von VHS, müssten mindestens 4000 Käufer:innen einen Betamax-Recorder kaufen, was im Diagramm als alle Ergebnisse rechts von Punkt C dargestellt ist.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt alle VHS kaufen (Punkt B), eine neue Person mit Sicherheit VHS gegenüber Betamax vorziehen wird. Um dies im Diagramm zu sehen, betrachten Sie die linke Seite und denken Sie an eine neue Person. Für diese Person ist der Wert von VHS hoch (der Schnittpunkt mit der linken Achse), während der Wert von Betamax negativ ist. Das liegt daran, dass die neue Person zwar den Preis für den Betamax-Recorder zahlen müsste, aber keinen Nutzen daraus ziehen würde, da es keine anderen Nutzenden gibt und somit keine Videoinhalte bereitgestellt werden. Dies gilt selbst dann, wenn wir davon ausgehen, dass Betamax genauso viel kostet wie VHS und dass Betamax die qualitativ bessere Videokassette ist.

Lock-in
Eine Folge der externen Netzwerkeffekte, die zu einem Winner-take-all-Wettbewerb führen. Der Wettbewerbsprozess führt zu einem Ergebnis, das nur schwer zu ändern ist, selbst wenn die Unternehmen eine alternative Innovation für überlegen halten.

Die zweite Lehre aus der Abbildung ist, dass selbst wenn viele Personen (aber weniger als 4000) Betamax kaufen würden, die neue Person immer noch VHS bevorzugen würde (die rote Linie liegt zu diesem Zeitpunkt immer noch über der blauen Linie). Um das VHS-Monopol zu brechen, müsste Betamax mindestens 4000 Nutzer:innen finden. Dann würde Betamax einen höheren Wert bieten als VHS und könnte schließlich den gesamten Markt erobern (Punkt A).

Das gewinnende Format muss also nicht unbedingt die bessere Alternative sein. Dies wird manchmal als Lock-in bezeichnet.

Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Die Geschichte der Innovation in der wissensbasierten Wirtschaft ist voll von komplizierteren Geschichten, in denen es aus vielen Gründen ständig zu Veränderungen kommt.

Zum Beispiel:

  • Browser-Kriege: Als das Internet populär wurde, wurde der Markt für Internet-Browser von einem Produkt namens Netscape Navigator dominiert. In den ‚Browserkriegen‘ der frühen 2000er Jahre wurde es vom Microsoft Internet Explorer verdrängt. Der Internet Explorer wiederum wurde später von Mozilla Firefox und Google Chrome verdrängt.
  • Smartphones: Anfang 2009 hatten Android-Smartphones einen Marktanteil von 1,6 %, Apple iPhones hatten 10,5 %, und der Markt wurde von einer Technologie namens Symbian mit einem Anteil von 48,8 % dominiert. Anfang 2016 basierten 84,1 % der verkauften Smartphones auf Android, Apples Smartphones hatten einen Anteil von 14,8 %, und Symbian-Smartphones wurden nicht mehr hergestellt.
  • Soziale Netzwerke: Im Juni 2006 nutzten 80 % der Menschen, die ein soziales Netzwerk verwendeten, eine Website namens MySpace. Im Mai 2009 nutzten mehr Menschen Facebook als MySpace.

Frage 21.4 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Abbildung 21.8 zeigt die Kostenkurven für ein Unternehmen, das ein wissensintensives Gut produziert.

Die Grenzkosten sind für alle produzierten Mengen Q konstant bei 1 USD. Welche der folgenden Aussagen ist richtig?

  • Bei positiven First-Copy-Costs und konstanten Grenzkosten werden die Durchschnittskosten des Unternehmens immer über den Grenzkosten liegen.
  • Die Durchschnittskosten des Unternehmens werden mit der Zeit ansteigen, sodass die Produktion des Unternehmens nicht mehr von Skaleneffekten profitiert.
  • Die Regierung sollte den Wettbewerb fördern, um den Preis auf p = USD 1 zu senken.
  • Ein kleines Unternehmen, das Autos wartet, ist ein gutes Beispiel für ein Unternehmen mit der in der Grafik dargestellten Kostenstruktur.
  • Bei positiven First-Copy-Costs (zum Beispiel F) und konstanten Grenzkosten (GK) sind die Durchschnittskosten (TDK) immer höher als die Grenzkosten um F/Q, da TDK = C/Q = (F + (GK × Q))/Q = (F/Q) + MC.
  • Bei positiven First-Copy-Costs (zum Beispiel F) und konstanten Grenzkosten (GK) sind die Durchschnittskosten (TDK) immer um F/Q höher als die Grenzkosten, da DK = C/Q = (F + (GK × Q))/Q = (F/Q) + GK. Nun ist TDK > GK für alle Werte von Q, sodass die Durchschnittskostenkurve immer fallend ist. Daher wird die Produktion des Unternehmens immer Skaleneffekte aufweisen.
  • Ein Unternehmen, das ein wissensintensives Gut produziert, muss die First-Copy-Costs decken und daher einen Preis verlangen, der über den Grenzkosten liegt. Es würde einen Verlust machen, wenn der Preis unter den Durchschnittskosten läge.
  • Ein kleines Unternehmen, das Autos reinigt, hat nur sehr geringe anfängliche Fixkosten–lediglich die Kosten für die Waschanlage–und praktisch keine Ausbildungskosten. Es ist unwahrscheinlich, dass es von großen Skaleneffekten profitiert.

21.5 Matching Märkte (zweiseitige Märkte)

Ein Markt ist eine Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen, die vom Austausch einer Ware oder Dienstleistung profitieren könnten. Häufig handelt es sich dabei um Kaufinteressierte und Verkaufende derselben Ware, zum Beispiel Milch, und die Seiten dieses Marktes sind Landwirtinnen oder Landwirte, die die Milch anbieten, und Verbrauchende, die sie nachfragen. Im allgemeinen Sprachgebrauch kann sich ein Markt auch auf einen Ort wie den Fulton Fish Market beziehen, den wir in Einheit 8 beschrieben haben oder auf einen Ort, an dem sich die Verkaufenden von frischem Gemüse, Käse und Backwaren versammeln, weil sie wissen, dass sie dort auf potenzielle Kundschaft treffen werden. Auf diesen Märkten ist es den kaufenden Personen egal, wer den Fisch oder die Milch produziert hat, den oder die sie kaufen, und den Verkaufenden ist es ebenfalls egal, wer kauft, solange jemand ihre Produkte kauft.

Matching Märkte (zweiseitig Märkte)

Matching Markt
Ein Markt, der Angehörige zweier verschiedener Personengruppen zusammenbringt. Jede Person auf dem Markt würde davon profitieren, mit der richtigen Person der anderen Gruppe verbunden zu sein. Auch bekannt als: zweiseitiger Markt.

Man verwendet den Begriff Markt auch, um eine andere Art von Verbindung zu beschreiben, bei der es für die Menschen auf beiden Seiten des Marktes wichtig ist, mit wem sie auf der anderen Seite zusammengebracht werden. Das ist es, was die Menschen im Sinn haben, wenn sie zum Beispiel vom ‚Heiratsmarkt‘ sprechen. Die meisten von uns heiraten nicht so, wie wir eine Packung Milch auf dem Lebensmittelmarkt kaufen. Auf dem Heiratsmarkt geht es darum, eine Person mit der Kombination von Eigenschaften zu heiraten, die man bei einer Ehepartnerschaft wünschenswert findet. Märkte wie dieser werden Matching Märkte oder zweiseitige Märkte genannt.

In unserem Video ‚Ökonominnen und Ökonomen in Aktion‘ erklärt Alvin Roth, ein Ökonom, der sich auf die Gestaltung von Märkten spezialisiert hat (und für seine Arbeit zu diesem Thema 2012 den Nobelpreis erhielt), wie Matching Märkte funktionieren.11 12

In jüngster Zeit haben sich Online-Plattformen, die Individuen zweier Gruppen miteinander verbinden, stark verbreitet, angefangen mit dem Start des Handels zwischen Verbrauchenden bei eBay im Jahr 1995. Diese Plattformen stellen eine Basistechnologie dar, die es den Teilnehmenden ermöglicht, von ihrer Vernetzung zu profitieren und sind somit Beispiele für zweiseitige Märkte.

Ein weiteres Beispiel ist Airbnb, ein Dienst, der Reisende, die auf der Suche nach Kurzzeitwohnungen sind, mit Eigentümer:innen zusammenbringt, die Geld verdienen wollen, indem sie ihre Wohnung zur Verfügung stellen, während sie nicht darin wohnen. Airbnb ist eine Plattform, die die Gruppe der Wohnungssuchenden mit der Gruppe der Eigentümer:innen, die ihre Wohnung zur Vermietung anbieten möchten, in Kontakt bringt. Tinder macht das Gleiche für Leute, die ein Date für den Abend finden wollen. Ein Dienst namens JOE Network bringt Unternehmen mit Personen in Kontakt, die kürzlich einen Doktortitel in der Volkswirtschaftslehre erworben haben.

Das CORE-Projekt ist selbst ein Matching Markt, da es eine digitale Plattform für Forschende, Lehrende und Studierende der Volkswirtschafts­lehre bereitstellt, um auf eine Weise miteinander in Kontakt zu treten, die für beide Seiten von Vorteil ist, obwohl es sich nicht wirklich um einen Markt handelt, da die Dienstleistungen der Forschenden, die den Inhalt des E-Books bereitstellen und das E-Book selbst unentgeltlich angeboten werden.

Diese Matching-Plattformen sind in der Volkswirtschaftslehre zu einem wichtigen Thema geworden, weil die Netzwerkverbindungen, die jetzt möglich sind, so umfangreich sind. Doch obwohl Verbindungen in dieser Größenordnung inzwischen technisch möglich sind, gibt es keinen Mechanismus, der zweiseitige Märkte zuverlässig entstehen lässt, selbst wenn sie für die Teilnehmenden auf beiden Seiten Gewinne bringen.

In einem frühen Stadium stehen diese Märkte—das heißt die Schaffung der Plattform oder des Marktplatzes oder was auch immer es ist, das die Menschen miteinander verbindet—vor einem Henne-Ei-Problem. Denken Sie an Airbnb: Das Unternehmen verdient Geld, indem es eine Provision für jedes abgeschlossene Geschäft erhebt. Ohne eine große Anzahl von Wohnungssuchenden, die die Website besuchen, gibt es für Eigentümer:innen, die eine mietende Person suchen, keinen Grund, eine Wohnung zur Vermietung anzubieten. Ohne zu vermietende Wohnungen kann Airbnb kein Geld verdienen, sodass es keinen Anreiz gäbe, die Plattform überhaupt zu entwickeln.

Ein Modell eines zweiseitigen Matching Marktes

strategische Komplemente
Für zwei Tätigkeiten A und B gilt: Je mehr A ausgeführt wird, desto größer ist der Nutzen der Ausführung von B, und je mehr B ausgeführt wird, desto größer ist der Nutzen der Ausführung von A.

In der Volkswirtschaftslehre werden diese beiden Aktivitäten—die Wohnungssuche auf der Airbnb-Webseite und das Einstellen der eigenen Wohnung—als strategische Komplemente bezeichnet. Dieser Begriff bedeutet, dass je häufiger die erste Aktivität (Suchen) auftritt, eine Person der zweiten Aktivität (Einstellen) einen umso größeren Nutzen beimisst; und je mehr Wohnungen eingestellt werden, umso größer ist der Nutzen für eine wohnungssuchende Person. Dies steht in engem Zusammenhang mit den für eine neue Innovation typischen Netzwerkexternalitäten, die wir im vorigen Abschnitt erörtert haben, wo der Nutzen der Verwendung von Betamax mit der Anzahl der Personen, die dieses Videoformat verwenden, zunahm. In diesem Fall hängt der externe Nutzen jedoch davon ab, wie viele Mitglieder der gegenüberliegenden Gruppe auf der Plattform sind und nicht nur davon, wie viele Personen die Plattform insgesamt nutzen.

Abbildung 21.11a veranschaulicht das Henne-Ei-Problem. Wir beginnen mit der Anzahl der auf Airbnb eingestellten Wohnungen. Die Leute stellen ihre Wohnung ein, weil sie glauben, dass viele Wohnungssuchende die Anzeige sehen und die Wohnung schließlich mieten werden. Wenn sich nur wenige Personen auf der Airbnb-Website anmelden (und nach einer Wohnung suchen), werden nur wenige Eigentümer:innen der Meinung sein, dass es sich lohnt, ihre Wohnung auf der Website zu veröffentlichen.

Die Kurve der Wohnungsanbietenden zeigt hypothetisch, wie viele Wohnungen als Reaktion auf jede mögliche Anzahl von Wohnungssuchenden, die die Website besuchen, eingestellt werden würden. Wie in der Abbildung dargestellt, werden keine Eigentümer:innen ihre eigenen Wohnungen zur Vermietung anbieten, wenn nicht mehr als 500 Wohnungssuchende die Website besuchen. Dies wird deutlich, wenn man sich ansieht, wo die Kurve mit der Bezeichnung ‚Anbietende‘ die horizontale Achse schneidet. Wenn die Zahl der Wohnungssuchenden (die eine Wohnung ‚nachfragen‘) über 500 steigt werden immer mehr Eigentümer:innen ein Angebot einstellen. Die Zahl der Personen, die ihre Wohnung vorübergehend vermieten wollen, ist jedoch begrenzt, so dass die Kurve der ‚Anbietenden‘ nach rechts hin abflacht.

Ähnlich verhält es sich bei denjenigen, die eine Wohnung mieten wollen. Die Anzahl der Personen, die die Airbnb-Website besuchen, hängt davon ab, wie viele Wohnungen dort angeboten werden. Solange mehr als eine Mindestanzahl von Wohnungen auf der Webseite eingestellt ist (aus der Abbildung geht hervor, dass es mehr als 200 sind), werden einige Personen dort nach einer Wohnung suchen. Dies ist der Schnittpunkt der Kurve der Wohnungssuchenden mit der vertikalen Achse. Die Kurve der Wohnungssuchenden zeigt, dass je mehr Wohnungen angeboten werden, umso mehr Leute suchen werden.

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Abbildung 21.11a Ein zweiseitiger Matching Markt: Der Fall von Airbnb.

Die Anzahl der Wohnungssuchenden, die die Airbnb-Website besuchen
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Die Anzahl der Wohnungssuchenden, die die Airbnb-Website besuchen

Dies hängt von der Anzahl derjenigen ab, die eine Wohnung anbieten.

Die Anzahl der eingestellten Wohnungen
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Die Anzahl der eingestellten Wohnungen

Dies hängt von der Anzahl der Wohnungssuchenden auf der Airbnb-Website ab.

Punkt Z
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Punkt Z

Bei Z schneiden sich die beiden Kurven. Dieser Punkt ist ein Nash-Gleichgewicht.

Wenn keine Wohnungssuchenden die Website nutzen
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Wenn keine Wohnungssuchenden die Website nutzen

Dann werden keine Eigentümer:innen Wohnungen anbieten. Wenn niemand etwas tut, ist dies ein weiteres Nash-Gleichgewicht, wie O zeigt.

Punkt A
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Punkt A

Bei A schneiden sich die Kurven ebenfalls, aber der Punkt stellt kein stabiles Gleichgewicht dar.

Um zu sehen, wie der Airbnb-Markt funktioniert, betrachten Sie Punkt Z in der Abbildung. Z ist ein gegenseitig konsistentes Ergebnis, da:

  • Es sind 700 Wohnungen ausgeschrieben, also wird es 1800 Wohnungssuchende geben.
  • Da es 1800 Wohnungssuchende gibt, werden auch 700 Wohnungen angeboten.

Das bedeutet, dass die Verhaltensweisen der Anbietenden und der Nachfragenden im Punkt Z miteinander konsistent sind, und dass der Punkt Z ein Nash-Gleichgewicht darstellt. Befindet sich der Markt am Punkt Z, mit 700 angebotenen Wohnungen und 1800 Wohnungssuchenden, werden weder die Wohnungsanbietenden noch die Wohnungssuchenden ihr Verhalten ändern wollen.

Es gibt jedoch noch zwei weitere Punkte, die ebenfalls diese Eigenschaft der gegenseitigen Konsistenz aufweisen:

  • Es gibt ein Nash-Gleichgewicht, in dem es kein Airbnb gibt: Am Punkt O stellt niemand eine Wohnung auf Airbnb ein, sodass es für niemanden einen Anreiz gibt, sich die Seite anzusehen und da sich niemand die Seite ansieht, gibt es für niemanden einen Anreiz, eine Wohnung dort einzustellen. Das ist das Henne-Ei-Problem.
  • Punkt A ist ein gegenseitig konsistentes Ergebnis, mit 250 eingestellten Wohnungen und 600 Wohnungssuchenden: Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass dies von Dauer ist, aus Gründen, die weiter unten erläutert werden.

Um zu sehen, was im letzteren Fall passiert, nehmen wir an, dass die Zahl der Wohnungssuchenden unerwartet von 600 auf 450 sinkt. Die beste Antwort für die 250 Eigentümer:innen, die zuvor ihre Wohnungen angeboten hatten, wäre dann, sich vollständig aus dem Markt zurückzuziehen. Wenn alle Wohnungsanbietenden aus dem Markt aussteigen, werden auch die verbleibenden 450 Wohnungssuchenden irgendwann aussteigen. Wenn wir also in den blauen Bereich eintreten, entsteht ein ‚Teufelskreis‘, bei dem sowohl die Anbietenden als auch die Nachfragenden den Markt verlassen und das Ergebnis ist, dass es überhaupt keinen Markt mehr gibt, was im Diagramm als Punkt O dargestellt ist.

instabiles Gleichgewicht
Ein Gleichgewicht, bei dem, wenn ein Schock das Gleichgewicht stört, die Tendenz besteht, sich anschließend noch weiter vom Gleichgewicht zu entfernen. 
Kipppunkt
Ein instabiles Gleichgewicht an der Grenze zwischen zwei Regionen, das durch unterschiedliche Bewegungen bei einer Variablen gekennzeichnet ist. Nimmt die Variable auf der einen Seite einen Wert an, bewegt sie sich in die eine Richtung; auf der anderen Seite bewegt sie sich in die andere Richtung. Siehe auch: Vermögenswertpreisblase.

Dieser Anpassungsprozess weg von einem Gleichgewicht ähnelt dem Beispiel, das Sie in Einheit 11 über Immobilienpreise und den Wert von langlebigen Vermögenswerten untersucht haben. Da eine kleine Bewegung weg von Punkt A zu einem Prozess führt, der sich weiter von A entfernt, sagen wir, dass Punkt A instabil ist. Eine Situation wie Punkt A wird manchmal als Kipppunkt bezeichnet.

Wie konnte Airbnb angesichts des Henne-Ei-Problems überhaupt entstehen? Punkt Z ist ein Nash-Gleichgewicht, aber wie konnte der Markt jemals dorthin gelangen?

Wenn eine ausreichende Anzahl von Wohnungssuchenden (mehr als 600) auf der Website auftauchen würden, würden mehr als 250 Eigentümer:innen ihre Wohnungen auf der Website anbieten. Oder wenn zufällig 300 Eigentümer:innen ihre Wohnungen anbieten würden, wären mehr als 600 Wohnungssuchende motiviert, sich die Airbnb-Website anzusehen.

Abbildung 21.11b zeigt, dass in diesen Fällen ein positiver Kreislauf entsteht, bei dem sowohl Wohnungssuchende als auch Wohnungsanbietende in den Markt eintreten und die Zahl beider wächst, bis es 700 Wohnugsanbietende und 1800 Wohnungssuchende gibt.

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Abbildung 21.11b Ein zweiseitiger Matching Markt: Der Fall von Airbnb.

Viele Wohnungssuchende
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Viele Wohnungssuchende

Betrachten wir den Fall, dass es 876 Wohnungssuchende, aber nur 300 Wohnungsanbietende an Punkt gibt.

Neue Wohnungsanbietende kommen auf den Markt
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Neue Wohnungsanbietende kommen auf den Markt

Dies ermutigt neue Wohnungsanbietende, ihre Wohnung anzubieten (Punkt C) …

Neue Wohnungssuchende reagieren
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Neue Wohnungssuchende reagieren

Dies zieht wiederum neue Wohnungssuchende an.

Ein stabiles Gleichgewicht
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Ein stabiles Gleichgewicht

Die Aufwärtsspirale führt zum Punkt Z, der ein stabiles Nash-Gleichgewicht darstellt.

Ein besseres Ergebnis
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Ein besseres Ergebnis

Vergleicht man die drei Gleichgewichte, so ist Punkt Z das bevorzugte, besser als kein Markt und besser als das instabile Gleichgewicht am Punkt A.

Die Abbildung erklärt, warum es entweder überhaupt keinen Markt gibt oder einen funktionierenden Markt, der einige der 1800 Wohnungssuchenden mit den 700 Wohnunganbietenden zusammenbringt. Um zu sehen, dass die zweite Variante der ersten vorzuziehen ist, muss man sich eine bestimmte Transaktion vor Augen führen: Alle, die etwas anbieten und suchen, tun dies freiwillig, also müssen sie alle einen persönlichen Nutzen darin sehen. Wenn eine suchende Person mit einer der Anbietenden gepaart wird, profitieren sowohl die suchende als auch die vermietende Person davon (sonst würden sie sich nicht einigen). Dies gilt für alle Teilnehmenden am Markt. Es ist also besser, einen Markt zu haben, als ihn nicht zu haben.

Die Abbildung zeigt auch, dass der Markt entstehen und fortbestehen kann, wenn wir irgendwie mit mehr als 600 Suchenden und oder 250 Anbietenden beginnen würden. Aber das ist ein großes Wenn.

Marktversagen auf Matching Märkten

Die wirtschaftspolitische Herausforderung besteht darin, einen Weg zu finden, um sicherzustellen, dass jemand die Plattformen schafft, die den Teilnehmenden einen ausreichenden Nutzen bringen, um die verbundenen Kosten zu rechtfertigen. Dies geschieht manchmal dadurch, dass der öffentliche Sektor eine Rolle bei der Schaffung der Plattform spielt, wie es im Falle des Internets oder physischer Marktplätze in Städten und Gemeinden der Fall war. Aber in vielen Fällen (wie bei Airbnb, Tinder und vielen anderen privaten Plattformen) ist die Existenz eines zweiseitigen Marktes das zufällige Ergebnis einer vorausschauenden Person, die sowohl die Idee als auch die Ressourcen hat, um ein großes, risikoreiches Projekt zu starten.

Um das Henne-Ei-Startup-Problem auf dem Airbnb-Markt zu lösen, hätte die Person der Plattform beispielsweise die ersten 250 Wohnungsanbietenden dafür bezahlen können, dass sie ihre Wohnungen einstellen, um ihnen einen Anreiz zu geben, auf der Website zu posten, auch wenn noch niemand die Website für die Wohnungssuche genutzt hat. Dies hätte einen positiven Kreislauf in Gang setzen können, bei dem zusätzliche Wohnungssuchende und Anbietende dem Markt beitreten.

Eine gängige Strategie zur Lösung des Henne-Ei-Problems besteht darin, dass Unternehmen für eine Gruppe von Nutzenden niedrige oder gar keine Preise verlangen, was wiederum die andere Gruppe anzieht. So bietet Adobe beispielsweise seinen PDF-Reader kostenlos zum Download an. Wenn viele Menschen Dokumente im PDF-Format lesen, ist dies ein Anreiz für die Ersteller:innen von Dokumenten, für Adobe Acrobat, der Software zur Erstellung von PDF-Dateien, zu bezahlen.

Während manche zweiseitige Märkte, wie Wikipedia, nicht darauf ausgelegt sind, Geld zu verdienen, sind es die meisten. Und einige derjenigen, denen es gelungen ist, weit verbreitete Plattformen zu schaffen, haben außergewöhnliches Vermögen erlangt. Im Jahr 2017 wurde Facebook mit 245 Milliarden USD bewertet und Mark Zuckerberg, der das Unternehmen gegründet hat, besaß 28,4 % davon.

Diese Innovationsrenten können im Gegensatz zu denen, die mit einer neuen technischen Innovation wie der in Einheit 2 untersuchten Spinning Jenny verbunden sind, nicht wegkonkurriert werden, weil die potenzielle Konkurrenz vor demselben Henne-Ei-Problem steht, das die erfolgreichen Plattformen gelöst haben.

Das Problem ähnelt dem Beispiel der strategischen Interaktion zwischen Plugcar und Netflex, das bereits in dieser Einheit behandelt wurde. Es gibt wahrscheinlich viele potenziell für beide Seiten vorteilhafte zweiseitige Märkte, die aufgrund dieses Henne-Ei-Problems nicht (oder noch nicht) existieren. In der Kreditkartenindustrie zum Beispiel hat es kaum neuen Wettbewerb gegeben. Es wäre schwierig, Händler:innen davon zu überzeugen, eine neue Art von Karte zu akzeptieren, wenn nicht große Teile der Kundschaft sie bereits besitzen und es wäre schwierig, die Kundschaft zu ermutigen, eine Karte zu benutzen, die nicht viele Händler:innen akzeptieren würden.

Ein Katalog von Politikmaßnahmen

In den letzten drei Abschnitten wurden drei Gründe genannt, warum der Wettbewerb auf Märkten um Gewinne allein keinen effizienten Innovationsprozess hervorbringen kann: externe (Netzwerk-)Effekte, öffentliche Güter und Skaleneffekte. Politikmaßnahmen können nützliche Innovationen fördern und ihre Diffusion zu allen Nutzenden, die davon profitieren können, beschleunigen. Wir haben bereits auf die mögliche koordinierende Rolle der von der Regierung festgelegten Normen hingewiesen.

In den nächsten drei Abschnitten untersuchen wir zwei weitere Arten von Politiken:

  • Rechte an geistigem Eigentum: Diese Politikmaßnahmen unterstützen Innovationsrenten, die erfolgreichen innovative Unternehmen oder Personen zufließen.
  • Subventionierung von Innovationen: Diese Politikmaßnahmen fördern entweder direkt oder indirekt die Grundlagenforschung und die kostengünstige Verbreitung von Informationen.

Übung 21.6 Matching Märkte verstehen

Sehen Sie sich das Video ‚Ökonominnen und Ökonomen in Aktion” von Alvin Roth an. Beantworten Sie anhand des Videos die folgenden Fragen:

  1. Inwiefern unterscheiden sich Matching Märkte von Märkten für Rohstoffe?
  2. Selbst wenn ein Markt eine Pareto-Verbesserung darstellt, warum kann er nicht existieren? Beschreiben Sie, wie das Neuengland-Programm dazu beigetragen hat, das Problem der ‚verwerflichen Märkte‘ zu lösen.
  3. Welche Aspekte des Verhältnisses zwischen Kaufenden und Verkaufenden können eine Ursache für Marktversagen auf Matching Märkten sein?

Übung 21.7 Warum sind die Kurven im Modell der Matching Märkte ansteigend?

Erläutern Sie, warum beide Kurven im Modell der Matching Märkte in Abbildung 21.11a steigend sind. (Hinweis: Denken Sie daran, dass das Anbieten von Wohnungen und das Nachfragen von Wohnungen strategische Komplimente sind).

Übung 21.8 Ungleiche Anbietende und Nachfragende in einem Matching Markt Modell

Stellen Sie sich vor, dass es im Modell der Matching Märkte in Abbildung 21.11a aus irgendeinem Grund 1850 Wohnungssuchende und 750 Wohnungsanbietende gibt. Finden Sie diesen Punkt in der Abbildung. Wie würden die Anbietenden auf die Anzahl der Suchenden reagieren? Wie würden die Suchenden auf die Anzahl der Anbietenden reagieren? Zu welchem Punkt würde sich der Markt bewegen, und warum?

Übung 21.9 Henne-und-Ei

Plattformen wie Airbnb, Uber, YouTube und eBay haben das oben erwähnte Henne-Ei-Problem erfolgreich überwunden.

  1. Wählen Sie eine der oben genannten Plattformen aus. Welche Vorteile bietet diese Plattform und welche anderen Märkte haben sie verdrängt?
  2. Welche Faktoren haben es dieser Plattform ermöglicht, bestehende Märkte zu stören?

Frage 21.5 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Abbildung 21.11a zeigt einen hypothetischen Markt für Airbnb, einen Dienst, der Reisende, die auf der Suche nach Kurzzeitwohnungen sind, mit Eigentümer:innen zusammenbringt, die ihre Wohnung während ihrer Abwesenheit vermieten möchten.

Welche der folgenden Aussagen ist richtig?

  • Es werden keine Wohnungen angeboten, wenn die Zahl der Suchenden unter 200 liegt und es wird nicht gesucht, wenn die Zahl der angebotenen Wohnungen unter 500 liegt.
  • Es gibt drei stabile Nash-Gleichgewichte.
  • Solange es mehr als 200 Suchende und 500 angebotene Wohnungen gibt, wird es immer eine positive Anzahl von Übereinstimmungen geben.
  • Bei einer Ausgangszahl von 2000 Suchenden und 800 Anbietenden ergibt sich ein Gleichgewicht von 1800 Suchenden und 700 Anbietenden.
  • Die Zahlen sind umgekehrt: keine Inserate, wenn die Zahl der Suchenden weniger als 500 beträgt und keine Suchenden, wenn die Zahl der Inserate weniger als 200 beträgt.
  • Es gibt in der Tat drei Nash-Gleichgewichte an den Punkten O, A und Z. Zwei davon sind stabil (O und Z), eines ist instabil (A).
  • Bei einer Zahl von 500 bis 600 Suchenden und einer Zahl von 200 bis 250 Anbietenden kommt es zu einer Abwärtsspirale, bei der die Zahlen auf beiden Seiten des Marktes auf Null sinken und das Nash-Gleichgewicht mit null Aktivitäten erreicht wird (Punkt O).
  • Zu Beginn gibt es einige Suchende und Anbietende, die keine Übereinstimmung finden und daher den Markt verlassen. Schließlich erreicht der Markt ein Gleichgewicht (Punkt Z), bei dem alle Suchenden und Anbietenden davon profitieren, auf dem Markt zu sein.

21.6 Rechte an geistigem Eigentum

Der Schutz von Patenten kann überflüssig sein, wenn eine Geheimhaltung möglich ist oder soziale Normen das Kopieren verhindern. Die Formel für Coca-Cola ist bekanntermaßen seit 100 Jahren ein Geheimnis. Das Unternehmen behauptet, sie sei immer nur zwei Führungskräften bekannt, die nie mit demselben Flugzeug reisen. Das Signaturgericht einer Küchenchefin oder eines Küchenchefs ist kein Geheimnis, aber soziale Normen würden die Kosten für das unerlaubte Kopieren eines Rezepts außerordentlich hoch machen. Aus demselben Grund klauen sich Komiker:innen selten gegenseitig ihre Witze.

In anderen Fällen kann eine Innovation zwar bekannt sein, aber die Barrieren für das Kopieren können in das Produkt selbst eingebaut werden. Die Technologie des digitalen Wasserzeichens ermöglichte es einigen Musikvertreibenden (für kurze Zeit), Musikaufnahmen herzustellen, die nicht kopiert werden konnten. Saatgutunternehmen haben dasselbe mit der Einführung von Hybridmais und anderen Sorten, die sich nicht gut vermehren lassen, erfolgreich erreicht.

Unternehmen können sich auch auf überlegene Fähigkeiten stützen, die ein technologisches Produkt ergänzen, um ihre Innovationsrenten zu schützen. Solche Fähigkeiten können ein überlegenes Verkaufspersonal sein, die Fähigkeit, Produkte schneller auf den Markt zu bringen oder exklusive Verträge mit Zulieferunternehmen von Inputs.

Geheimhaltung, Nachahmungshindernisse oder komplementäre Fähigkeiten sind unter Umständen nicht wirksam gegen Konkurrierende, denen es gelingt, dasselbe Produkt unabhängig voneinander zu erfinden oder die es nachbauen, indem sie mit dem fertigen Produkt beginnen und herausfinden, wie es hergestellt wurde.

Patent
Ein Recht auf ausschließliches Eigentum an einer Idee oder Erfindung, das für einen bestimmten Zeitraum gilt. Während dieses Zeitraums kann die Person oder das Unternehmen, welches das Patent innehat, effektiv als Monopol auftreten.
Marke
Ein Logo, ein Name oder ein eingetragenes Design, das in der Regel mit dem Recht verbunden ist, andere davon auszuschließen, es zur Kennzeichnung ihrer Produkte zu verwenden.
Urheberrecht
Eigentumsrechte an der Nutzung und Verbreitung eines Originalwerks.

Wenn eine neuartige Idee sowohl kodifizierbar (sie kann niedergeschrieben werden) als auch nicht ausschließbar ist (Nachahmung kann nicht verhindert werden), haben Regierungen Gesetze zum Schutz der Rechte an geistigem Eigentum geschaffen. Es gibt viele Arten von geistigem Eigentum, aber die am häufigsten verwendeten sind Patente, Marken und das Urheberrecht. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie den Inhabenden des Rechts die ausschließliche Nutzung der Sache, die Gegenstand des Rechts ist, für einen bestimmten Zeitraum gewähren. Aus wirtschaftlicher Sicht werden die Inhabenden des Rechts an geistigem Eigentum zu vorübergehenden Monopolisten.

Rechte an geistigem Eigentum

Kodifizierbare und nicht ausschließbare Ideen können durch die folgenden Formen von Rechten an geistigem Eigentum geschützt werden:

Patente

Bei Patenten müssen die Erfindenden ihre Idee in einer Patentanmeldung offenlegen, die von einem Patentamt geprüft und anschließend veröffentlicht wird. Wenn die Prüfenden davon überzeugt sind, dass die Idee neu und innovativ genug ist, erteilen sie den Erfindenden ein Patent. In den meisten Fällen gibt ein Patent den Erfindenden das Recht, Nachahmende 20 Jahre lang zu verklagen; bei pharmazeutischen Patenten kann dieser Zeitraum auf 25 Jahre verlängert werden. In einigen Ländern ist die Dauer des Patentschutzes unterschiedlich lang.

Marken

Eine Marke gibt den Eigentümer:innen eines Logos, eines Namens oder eines eingetragenen Design das Recht, andere davon auszuschließen, dieses zur Kennzeichnung ihrer Produkte zu verwenden. Marken können auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Patente und Marken werden in der Regel bei einem bestimmten Amt eingetragen.

Urheberrecht

Das Urheberrecht gibt den Verfassenden eines geistigen Werks, zum Beispiel eines Buchs, einer Oper oder eines Software-Codes, das Recht, andere von der Vervielfältigung, der Bearbeitung und dem Verkauf des Werks auszuschließen. Das Urheberrecht wird im Allgemeinen nicht eingetragen. Die urhebende Person muss eine Klage einreichen, wenn sie glaubt, dass ihr Recht verletzt wurde. Die Laufzeiten des Urheberrechts sind wesentlich länger als die der Patente und wurden progressiv verlängert. Das Urheberrecht gilt für mindestens 25 Jahre und in den USA derzeit für 70 Jahre nach dem Tod der urhebenden Person. Lange Laufzeiten des Urheberrechts sind umstritten, da oft auch Personen davon profitieren, die das Werk nicht geschaffen haben.

Wie sich Rechte an geistigem Eigentum auf Innovationen auswirken

Bis vor kurzem war man der Meinung, dass Patente die Entwicklung und Nutzung von Innovationen fördern. Jetzt werfen Ökonominnen und Ökonomen sowie Historiker:innen einen zweiten Blick auf die Frage, ob Rechte an geistigem Eigentum Innovationen fördern oder eher zerstören. Die Antwort hängt davon ab, welche der beiden gegensätzlichen Auswirkungen wichtiger ist:

  • Schaffung eines Monopols: Dies wirkt sich vorteilhaft für die Inhabenden der Rechte an geistigem Eigentum aus, und schafft wirtschaftliche Gewinne (Innovationsrenten), welche Forschung und Entwicklung anregen.
  • Behinderung von Innovation und Diffusion neuer Ideen: Diese Rechte schränken die Möglichkeiten anderer ein, die Innovation zu kopieren.

Ein bedeutsamer historischer Fall ist die Dampfmaschine, die für die industrielle Revolution so wichtig war. Im 18. Jahrhundert wurden mehrere Arten von Dampfmaschinen erfunden, die erfolgreichste jedoch wurde 1769 von James Watt patentiert. Er war Ingenieur und unternahm nichts, um seine Innovation zu vermarkten. Tatsächlich begann er erst sechs Jahre nach seiner Erfindung damit, ernsthaft zu produzieren.

Der kommerzielle Wert des Patents war für Watt ein nachträglicher Gedanke. Der Geschäftsmann Matthew Boulton kaufte einen Anteil des Patents und überredete Watt, nach Birmingham zu ziehen (einem der Zentren der industriellen Revolution), um den von ihm erfundenen Motor weiterzuentwickeln. Boulton setzte sich auch erfolgreich dafür ein, die Laufzeit des Patents von 14 auf 31 Jahre zu verlängern.

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In der Folgezeit setzten Watt und Boulton die Gerichte energisch ein, um den Verkauf anderer Dampfmaschinen zu verhindern, auch wenn sie sich von Watts Entwurf unterschieden. Dazu gehörte auch Jonathan Hornblowers konkurrierende Erfindung, die leistungsfähiger war als die Konstruktion von Watt. Watt und Boulton fochten Hornblowers Patent an und gewannen schließlich 1799 den Prozess.

Eine weitere überlegene Erfindung, die von einem ihrer Beschäftigten entwickelt worden war, wurde blockiert, als Watt und Boulton ihr Patent auf die neue Konstruktion ausdehnen konnten, obwohl sie an deren Entwicklung nicht beteiligt gewesen waren. Ironischerweise wusste Watt, wie er seine Maschine effizienter machen konnte, dennoch konnte er die Verbesserung nicht durchführen. Jemand anderes besaß das Patent.

Unter dem Watt-Boulton-Patent wurden im Vereinigten Königreich jährlich etwa 750 Pferdestärken an Dampfmaschinen hinzugefügt. In den 30 Jahren nach Ablauf des Patents wurden in England jährlich mehr als 4000 Pferdestärken an Dampfmaschinen installiert. Die Kraftstoffeffizienz, die sich während der Geltungsdauer des Patents kaum verbessert hatte, stieg zwischen 1810 und 1835 um das Fünffache.

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Patentschutz für die Schaffung neuen Wissens in einigen Industrien unerlässlich ist. Wenn das Patent auf ein pharmazeutisches Blockbuster-Präparat (ein Medikament mit einem Jahresumsatz von mehr als 1 Milliarde USD in den USA) ausläuft, können Unternehmen, die sich auf das Kopieren von Medikamentenformulierungen und den Verkauf von Generika spezialisiert haben, in den Markt eintreten und der Preis des Medikaments sinkt, da es einem Preiswettbewerb ausgesetzt ist. Die Gewinne der Eigentümer:innen des Patents sinken erheblich. Rasche Gewinneinbrüche zeigen, dass die durch Patente geschaffenen Monopole für die Eigentümer:innen der Patente sehr wertvoll, für die Nutzenden der patentierten Innovation jedoch kostspielig sein können.

Nach Einführung der DVD wurde klar, dass die Verbrauchenden mit dieser Technologie nicht nur Musik und Filme besitzen, sondern diese auch in hoher Qualität von diesen Datenträgern kopieren können. Dies stellte die Musik- und Filmindustrie vor ein erhebliches Dilemma, das durch neue Gesetze gelöst wurde, die das Unterlaufen der Technologien zur Verwaltung digitaler Rechte (DRM, aus dem Englischen für ‚Digital Rights Management‘) illegalisierte, mit denen die Filmunternehmen das unerlaubte Kopieren von Inhalten verhindern wollten. Die gleichen Gesetze werden nun häufig angewandt, wenn Nutzende urheberrechtlich geschützte Inhalte über das Internet weitergeben. Heute hilft die DRM-Technologie, die Unternehmen zu schützen, die wir heute als Content-Anbieter:innen bezeichnen, und die das Internet als Verbreitungsmedium nutzen—denken Sie an einen Fernsehsender, der Sportereignisse live auf Computer und Smartphones streamt.

Abbildung 21.12 ist eine schematische Darstellung des Innovationsprozesses. Die Pfeile stellen Inputs dar und zeigen auf den Aspekt der Innovation, den sie betreffen. Die Abbildung verdeutlicht, dass die Schaffung von neuem Wissen immer auf vorhandenem Wissen aufbaut. So baute Hornblower beispielsweise auf dem bestehenden Watt-Boulton-Design auf, um die Effizienz zu verbessern. Wie in den Anfängen der industriellen Revolution schränken bestehende Patente die Möglichkeit ein, auf vorhandenem Wissen aufzubauen und können sich daher negativ auf die Innovation auswirken. Andererseits fördern sie die Innovation, indem sie Innovationsrenten für die Erfindenden sichern.

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Abbildung 21.12 Patente und die Produktion von neuem Wissen.

Altes Wissen hilft, neues Wissen zu schaffen
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Altes Wissen hilft, neues Wissen zu schaffen

Patente verlangsamen diesen Prozess. Wie Watt und Boulton herausfanden, können Patente die Nutzung einiger Aspekte des alten Wissens, das durch Patente abgedeckt ist, behindern.

Patente fördern Innovationen
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Patente fördern Innovationen

Die Schaffung von neuem Wissen verschafft erfolgreichen Erfindenden Anerkennung und Innovationsrenten. Watt hat die Dampfmaschine nicht erfunden, um von den Patenten zu profitieren, die er erhalten würde, aber andere Erfindende werden durch die Aussicht auf die Vermarktung ihrer Erfindungen stark motiviert.

Patente bremsen die Diffusion
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Patente bremsen die Diffusion

Patente hindern andere Personen daran, den vollen Nutzen aus neuem Wissen zu ziehen, nachdem es geschaffen wurde. Watt und Boulton gelang es, mit Hilfe von Patenten zu verhindern, dass konkurrierende Erfindende ihre eigenen, vielleicht besseren Dampfmaschinen entwickelten.

Als Petra Moser, eine Wirtschaftshistorikerin, die Anzahl und Qualität der technischen Erfindungen untersuchte, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf Technologieausstellungen gezeigt wurden, stellte sie fest, dass Länder mit Patentsystemen nicht erfinderischer waren als Länder ohne Patente. Patente wirkten sich jedoch auf die Arten der erfinderischen Tätigkeiten aus, in denen sich die Länder auszeichneten.

Wenn Ökonominnen und Ökonomen sich uneinig sind Rechte an geistigem Eigentum: Dynamo oder Widerstand?

In einem unserer ‘Ökonominnen und Ökonomen in Aktion’ Videos{.:show-url} argumentiert F. M. Scherer, dass Patente für Pharmaunternehmen einen Anreiz für Forschung und Entwicklung darstellen (im Gegensatz zu vielen anderen Sektoren, wie er sagt), sodass sie weiterhin neue Blockbuster-Medikamente entwickeln.

Petra Moser erklärt, dass der Schutz des Urheberrechts für italienische Opern im neunzehnten Jahrhundert dazu führte, dass mehr und bessere Opern geschrieben wurden. Sie legt aber auch Beweise dafür vor, dass Rechte an geistigem Eigentum dem Innovationsprozess mehr schaden als nützen können, wenn sie zu weit gefasst oder zu langfristig angelegt sind.13 14

Übung 21.10 Thomas Jefferson

Thomas Jefferson (1743–1826), der dritte Präsident Amerikas, bemerkte die besondere und wunderbare Natur einer Idee:

Ihr eigentümlicher Charakter … besteht darin, dass niemand das Geringere besitzt, weil alle anderen das Ganze von ihr besitzen. Wer eine Idee von mir empfängt, empfängt selbst Belehrung, ohne die meine zu schmälern; wie derjenige, der seine Kerze an der meinen anzündet, Licht empfängt, ohne mich zu verdunkeln. (‘Thomas Jefferson an Isaac McPherson’, Writings, 1813)

Jefferson fuhr mit einer Aussage fort, die schon damals umstritten war:

Es wäre also merkwürdig, wenn eine Idee, die flüchtige Gärung eines einzelnen Gehirns, als exklusives und beständiges Eigentum beansprucht werden könnte …

Für ihn machte es keinen Sinn, einem Individuum das ausschließliche Eigentumsrecht einer Idee zuzugestehen, und andere vom Gebrauch auszuschließen, genauso wenig wie es für eine Person sinnvoll wäre, sich zu weigern, jemandem zu sagen, wie spät es ist.

  1. Schreiben Sie den ersten Teil von Jeffersons Zitat mit den Begriffen aus der Volkswirtschaftslehre um, die Sie in diesem Kurs gelernt haben.
  2. Stimmen Sie Jeffersons Aussage zu, dass Ideen nicht als ‚exklusives und stabiles Eigentum‘ beansprucht werden sollten? Warum, oder warum nicht?

Übung 21.11 Wie das Urheberrecht die italienische Oper verbessert hat, und wie dieser Schutz eingeschränkt werden sollte

Sehen Sie sich unser ‚Ökonominnen und Ökonomen in Aktion‘ Video an, in dem Petra Moser den Schutz des Urheberrechts für italienische Opern des neunzehnten Jahrhunderts diskutiert.

  1. Stellen Sie Petra Mosers Forschungsfrage und ihren Ansatz zur Beantwortung dieser Frage dar.
  2. Welche Erkenntnisse hat Petra Moser über Patente und Urheberrechte gewonnen?
  3. Welche Faktoren sollten Regierungen berücksichtigen, wenn sie die Gültigkeitsdauer von Gesetzen zum Schutz von geistigem Eigentum wie Patenten und Urheberrechten festlegen?

Übung 21.12 Rechte an geistigem Eigentum

Warum verändert eine Verlängerung der Schutzfristen des Urheberrechts (zum Beispiel eine Verlängerung der Schutzdauer) die Anreize zur Verbesserung geistiger Werke (Texte und Opern) nicht so stark wie die Einführung des Urheberrechts selbst? Überlegen Sie in Ihrer Antwort, wer von verlängerten Urheberrechtsfristen profitiert.

Frage 21.6 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Welche der folgenden Aussagen zu den Gesetzen zum Schutz der Rechte an geistigem Eigentum ist richtig?

  • Ein Patent ist ein nicht eingetragenes Recht, das den Produzierenden eines geistigen Werkes (zum Beispiel eines Buches oder eines Software-Codes) das Recht gibt, andere von der Vervielfältigung, der Anpassung und dem Verkauf des Werkes auszuschließen.
  • Das Urheberrecht wird erteilt, wenn ein Werk nach einer Prüfung durch das Urheberrechtsamt als neu und ausreichend erfinderisch eingestuft wird.
  • Marken geben Eigentümer:innen eines eingetragenen Designs das Recht, andere von der Nutzung des Designs auszuschließen.
  • Ökonominnen und Ökonomen sind sich einig, dass Patente, Urheberrechte und Marken die Innovation eindeutig fördern.
  • Patente sind eingetragen und werden nach einer Prüfung durch das Patentamt erteilt. Das Urheberrecht ist das nicht eingetragene Recht, andere von der Vervielfältigung des eigenen Werks auszuschließen.
  • Diese Aussage bezieht sich auf Patente und das Patentamt. Für das Urheberrecht ist keine Prüfung erforderlich.
  • Dies ist die Definition einer Marke.
  • Rechte an geistigem Eigentum dienen zwar dazu, die Einnahmen aus einer technologischen Innovation zu schützen, sie können aber auch die Innovation behindern, wenn das neue Wissen auf dem alten, bereits durch Eigentumsrechte geschützten Wissen beruht. Ökonominnen und Ökonomen sind sich uneins über die Bedingungen, unter denen Rechte an geistigem Eigentum Innovationen fördern oder zerstören.

21.7 Optimale Patente: Abwägen zwischen den Zielen der Erfindung und der Diffusion

Patente stellen uns vor ein wirtschaftliches Problem: Wie lassen sich die Zielkonflikte der sinnvollen Nutzung vorhandenen Wissens, des Einsatzes ausreichender wirtschaftlicher Ressourcen und Kreativität für die Produktion neuen Wissens und der Diffusion des neu geschaffenen Wissens am besten miteinander in Einklang bringen? Ein ‚optimales Patent‘ ist eines, das die Nutzung von Wissen in der Wirtschaft am besten fördert. Gegenwärtig können die von der Welthandelsorganisation (WTO) verwalteten Abkommen, die den internationalen Handel regeln, die Länder daran hindern, die Länge der Patente zu wählen, aber wie könnten politische Entscheidungsträger:innen bei völliger Entscheidungsfreiheit die optimale Patentlänge festlegen?

In Abbildung 21.13 betrachten wir zunächst die Entscheidung einer innovativen Person oder eines innovativen Unternehmens im oberen Panel. Gehen Sie die Analyse in Abbildung 21.13 durch, um den zeitlichen Ablauf von Kosten und Nutzen der Innovation zu verstehen und wer sie erhält.

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Abbildung 21.13 Mit der Innovation verbundene Kosten und Erträge für die erfindende Person und andere.

Der innovierenden Person entstehen Kosten
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Der innovierenden Person entstehen Kosten

Die Kosten der Innovation werden durch das rote Rechteck dargestellt.

Die Innovation ist erfolgreich
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Die Innovation ist erfolgreich

Das Unternehmen erzielt Innovationsrenten, die über den wirtschaftlichen Gewinnen liegen. Dies ist das Rechteck oberhalb der gestrichelten Linie des wirtschaftlichen Nullprofit.

Ein Patent
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Ein Patent

Das Unternehmen profitiert von Innovationsrenten während der Laufzeit des Patents.

Der Nutzen für andere in der Wirtschaft
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Der Nutzen für andere in der Wirtschaft

Das untere Feld zeigt den Nutzen, der sich aus der Innovation ergibt. Gäbe es die Innovation nicht, hätten andere keinen Nutzen davon.

Ein Patent
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Ein Patent

Das Patent verringert den Nutzen für andere, weil es das Kopieren und die Diffusion verzögert.

Im unteren Teil von Abbildung 21.13 wird der Nutzen der Innovation für andere in der Wirtschaft dargestellt. Der Begriff ‚Patentklippe‘ stammt aus der Sicht der innovativen Person (beziehungsweise des innovierenden Unternehmens) und bezieht sich auf den erheblichen Rückgang der Gewinne, wenn das Patent ausläuft. Im unteren Panel sehen wir jedoch den gegenteiligen Effekt—der Nutzen der Innovation steigt nach dem Auslaufen des Patents sprunghaft an, da sich die Innovation nun frei in der Wirtschaft verbreiten kann.

Dies verdeutlicht den Zielkonflikt. Ohne die Innovation gibt es keine Vorteile für andere und die Wahrscheinlichkeit der Innovation steigt mit längeren Patenten. Bei einer bestimmten Innovation wird der Nutzen jedoch durch die Dauer des Patents verringert. Eine frühere Nachahmung der Innovation bringt der Wirtschaft Vorteile, wie das gestrichelte Rechteck im unteren Panel zeigt.

Daraus können wir ersehen, dass ein langes Patent die Vorteile einer schnellen Innovation hervorhebt und ein kurzes Patent die Vorteile einer schnellen Nachahmung betont. Aber wir können anhand der Abbildung 21.13 nicht entscheiden, wie lang das optimale Patent sein sollte.

Der Trade-Off zwischen den Vorteilen der Diffusion und der Innovation

Gesamtnutzenkurve
Die Kombinationen aus der Innovationswahrscheinlichkeit und dem Gesamtnutzen der Innovation eines Unternehmens für die Gesellschaft, die den gleichen Gesamtnutzen ergeben.

Abbildung 21.14 zeigt, wie wir den Nutzen der Innovation für die Gesellschaft als Ganzes darstellen können. Auf der horizontalen Achse ist der Gesamtnutzen für andere in der Wirtschaft dargestellt, wenn das Unternehmen innovativ ist. Dies wird als B bezeichnet. Auf der vertikalen Achse wird die Wahrscheinlichkeit der Innovation, pI genannt, geschätzt. Die nach unten verlaufenden Kurven sind Indifferenzkurven, die Gesamtnutzenkurven genannt werden. Der Gesamtnutzen der Innovation für andere ist:

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Abbildung 21.14 Gesamtnutzenkurven: Die Abwägung zwischen dem Nutzen von Erfindungen und Diffusion.

Die Gesamtnutzenkurve
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Die Gesamtnutzenkurve

Die nach unten verlaufende Kurve ist eine Indifferenzkurve, die Gesamtnutzenkurve. Entlang der Kurve ist der Gesamtnutzen, der sich aus einer Innovation ergibt, gleich pIB und bleibt konstant.

Rechtecke, die die Kurve berühren
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Rechtecke, die die Kurve berühren

Jedes Rechteck mit einer Ecke auf der Kurve hat den gleichen Flächeninhalt wie jedes andere. Die Punkte C und D verdeutlichen dies.

Eine vorzuziehende Kurve
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Eine vorzuziehende Kurve

Die höhere Gesamtnutzenkurve ist der Kurve durch C und D vorzuziehen.

Durchführbare Erfindungen und Diffusion

Was sind die Beschränkungen? Was begrenzt den Gesamtnutzen, der sich ergibt, wenn die Innovation durchgeführt wird? Dies hängt von der Länge des Patents ab, da man davon ausgeht, dass eine längere Dauer des Patentschutzes zumindest anfänglich die Wahrscheinlichkeit der Innovation, pI, erhöht, aber den Gesamtnutzen für andere, B, verringert, wenn die Innovation aufgrund des verzögerten Kopierens stattfindet.

Auch ohne Patent kann es zu Innovationen kommen, wie auf der vertikalen Achse von Abbildung 21.15 dargestellt. In diesen Fällen könnte die innovative Person Innovationsrenten allein dadurch erzielen, dass sie die erste Person auf dem Markt ist, da die Wettbewerbsteilnehmenden einige Zeit braucht, um aufzuholen.

Abbildung 21.15 zeigt, dass mit zunehmender Dauer der Patente (auf der horizontalen Achse nach rechts) auch die Wahrscheinlichkeit von Innovationen steigt, da die Innovationsrenten über einen längeren Zeitraum geschützt sind. Ab einer bestimmten Dauer des Patentschutzes beginnt die Wahrscheinlichkeit von Innovationen jedoch zu sinken, weil langfristige Patente andere Personen daran hindern, geschütztes Wissen oder Verfahren zur Entwicklung einer Idee zu nutzen.

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Abbildung 21.15 Patentdauer und Innovationswahrscheinlichkeit.

Wir können die realisierbare Menge in Abbildung 21.16 darstellen, die den Trade-Off zwischen einer höheren Innovationswahrscheinlichkeit und dem Gesamtnutzen für andere darstellt, wenn das Unternehmen innoviert.

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Abbildung 21.16 Die realisierbare Menge: Innovationswahrscheinlichkeit und Nutzen für andere.

Jeder Punkt auf der realisierbaren Menge ist das Ergebnis einer bestimmten Patentlänge, beginnend auf der linken Seite mit einem Patent, das nie abläuft. Nach rechts hin nimmt die Dauer eines Patents ab. Der Nutzen für andere steigt. Anfangs erhöht sich dadurch sowohl der Nutzen für andere, wenn die Innovation eintritt, als auch (wie wir in Abbildung 21.15 gesehen haben) die Wahrscheinlichkeit der Innovation. Daraus ergibt sich der steigende Abschnitt der realisierbaren Menge. Wie wir jedoch auch gesehen haben, kommt es irgendwann zu einem Trade-Off: Eine weitere Verkürzung der Patentdauer verringert die Wahrscheinlichkeit der Innovation, auch wenn dadurch der Gesamtnutzen im Falle der Innovation zunimmt. Dies erklärt den fallenden Teil der Grenze der realisierbaren Menge.

Optimale Patentdauer

Setzt man nun die realisierbare Menge mit den Gesamtnutzenkurven zusammen, so lässt sich die Dauer des Patents bestimmen, die den erwarteten Nutzen maximiert und mit den Einschränkungen vereinbar ist, die sich aus dem Trade-Off zwischen dem Anreiz zur Innovation und der Stimulierung der Diffusion ergeben. Das höchste erreichbare Niveau des Gesamtnutzens wird durch die Tangente der Gesamtnutzenkurve mit der realisierbaren Menge angezeigt. Dies ist der Punkt A in Abbildung 21.17.

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Abbildung 21.17 Die optimale Wahrscheinlichkeit von Innovation für die Gesellschaft.

Maximierung des erwarteten Nutzens für die Gesellschaft
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Maximierung des erwarteten Nutzens für die Gesellschaft

Kombiniert man die realisierbare Menge mit den Gesamtnutzenkurven, kann man die Länge des Patents bestimmen, das den erwarteten Nutzen für die Gesellschaft als Ganzes maximiert.

Das höchste erreichbare Niveau des Gesamtnutzens
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Das höchste erreichbare Niveau des Gesamtnutzens

Dies wird durch die Tangente der Gesamtnutzenkurve mit der realisierbaren Menge am Punkt A dargestellt.

Die optimale Wahrscheinlichkeit von Innovation
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Die optimale Wahrscheinlichkeit von Innovation

Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ist die optimale Wahrscheinlichkeit für Innovation p*.

Höhere Wahrscheinlichkeit von Innovation, aber geringerer Nutzen für die Gesellschaft
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Höhere Wahrscheinlichkeit von Innovation, aber geringerer Nutzen für die Gesellschaft

Bei E, mit einem längeren Patent als dem optimalen bei A, ist Innovation wahrscheinlicher, aber aufgrund der geringeren Diffusion ist ihr Nutzen für die Gesellschaft als Ganzes geringer, wie die niedrigere Gesamtnutzenkurve zeigt.

Dieses Ergebnis ist für sich genommen noch keine optimale Politikmaßnahme, aber es ermöglicht uns, eine solche zu bestimmen. Wir können nun zu Abbildung 21.15 zurückkehren und uns fragen, welche Patentdauer politische Entscheidungsträger:innen festlegen würden, damit das innovierende Unternehmen die für die Gesellschaft optimale Wahrscheinlich­keit der Innovation, p*, wählt? Abbildung 21.18 zeigt die Antwort.

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Abbildung 21.18 Die optimale Patentdauer.

Die optimale Wahrscheinlichkeit von Innovation
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Die optimale Wahrscheinlichkeit von Innovation

Angesichts des Nutzens von Innovationen für andere haben wir in Abbildung 21.17 festgestellt, dass p* die optimale Wahrscheinlichkeit für Innovationen ist. Daraus lässt sich ableiten, wie lang die Dauer der Patente sein sollte.

Die optimale Patentdauer
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Die optimale Patentdauer

Wenn wir p* kennen, können wir anhand von Abbildung 21.15 (hier im rechten Panel) die optimale Patentdauer, d*, bestimmen.

Was wäre, wenn es keine Patente gäbe?
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Was wäre, wenn es keine Patente gäbe?

Wir sehen, dass es immer noch Innovationen geben wird, aber unterhalb des optimalen Niveaus für die Gesellschaft.

Übung 21.13 Optimale Patente

  1. Betrachten Sie zwei gegensätzliche Technologien. Für die eine würde die Regierung optimal eine kurze Patentdauer wählen. Für die andere würde sie sich für eine längere Patentdauer entscheiden. Zeichnen Sie für jeden Fall die realisierbare Menge und kennzeichnen Sie den optimalen Punkt, wie in Abbildung 21.17. Nehmen Sie die gleichen Gesamtnutzenkurven an.
  2. Die Dauer von Patenten und Urheberrechten hat seit der industriellen Revolution stetig zugenommen. Erläutern Sie, warum dies geschehen sein könnte und diskutieren Sie, ob dies eine gute oder eine schlechte Sache sein könnte.
  3. Wie sollten die Patentämter reagieren, wenn Unternehmen versuchen, Patentmonopole zu zementieren, indem sie zu einem späteren Zeitpunkt verbesserte Versionen der ursprünglichen Technologie patentieren? (Dieser Vorgang ist als ‚Evergreening‘ bekannt und wird im Journal of Health Economics von C. Scott Hemphill und Bhaven N. Sampat beschrieben.)

Frage 21.7 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Abbildung 21.13 zeigt die mit der Innovation verbundenen Kosten und Renten für die erfindende Person und andere.

Welche der folgenden Aussagen ist auf der Grundlage dieses Diagramms richtig?

  • Wenn es kein Patent gibt, wird die Innovation sofort kopiert.
  • Wenn das Patent ausläuft, stürzen die Eigentümer:innen des Patents ‚von der Patentklippe‘, wodurch sie Innovationsrenten verlieren.
  • Während der Laufzeit des Patents profitieren andere nicht von der Innovation.
  • Der Nutzen, den innovative Unternehmen aus dem Patent ziehen, überwiegt den entgangenen Nutzen für die anderen.
  • Das Diagramm zeigt, dass es einen Zeitraum gibt, in dem die Innovation trotz fehlendem Patent nicht kopiert wird, sodass innovative Unternehmen einen Teil (oder die gesamten) Kosten der Innovation zurückerhalten können.
  • Wie aus der Abbildung hervorgeht, gehen die Gewinne der Eigentümer:innen von Patenten nach Ablauf des Patents auf wirtschaftliche Nullprofite zurück.
  • Das Diagramm zeigt einen kleinen, aber positiven Nutzen für andere während der Laufzeit des Patents.
  • Bezogen auf die Größe der Fläche ist der Nutzen, der den anderen entgeht, viel größer als der Nutzen, den innovative Unternehmen erzielen.

Frage 21.8 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Das folgende Diagramm zeigt die Wahrscheinlichkeit von Innovationen, wenn die Patentdauer verlängert wird.

Die Wahrscheinlichkeit von Innovationen mit zunehmender Patentdauer
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Welche der folgenden Aussagen ist auf der Grundlage dieser Informationen richtig?

  • In Abwesenheit von Patenten gibt es keine Innovation.
  • Eine längere Laufzeit von Patenten führt immer zu einem Anstieg der Wahrscheinlichkeit von Innovationen.
  • Der abfallende Teil des Diagramms zeigt den Zielkonflikt zwischen einem größeren Anreiz zur Innovation aufgrund höherer Einnahmen aus Innovationsrenten und dem Hemmnis für potenzielle Innovierende, patentiertes Wissen zu nutzen.
  • Die optimale Patentdauer liegt dort, wo die Wahrscheinlichkeit der Innovation maximiert wird.
  • Der positive Achsenabschnitt auf der vertikalen Achse bedeutet, dass Innovation auch ohne Patente stattfindet.
  • Das ist offensichtlich nicht der Fall, wie das Diagramm zeigt. Irgendwann werden die längerfristigen Patente potenzielle Innovierende daran hindern, bereits patentiertes Wissen für weitere Innovationen zu nutzen.
  • Richtig. Die Kurve neigt sich nach unten, weil diese beiden Effekte in entgegengesetzter Richtung wirken. An Punkten rechts vom Maximum überwiegt der negative Anreiz zur Innovation die positive Anreizwirkung durch höhere Innovationsrenten, weil Patente die Nutzung des Wissens durch andere Innovierende verhindern.
  • Die optimale Patentdauer hängt von der Wahrscheinlichkeit der Innovation ab sowie von dem Gesamtnutzen, den andere aus der Innovation ziehen, wenn sie stattfindet (der mit der Patentdauer abnimmt). Daher liegt die optimale Dauer links vom Punkt der maximalen Wahrscheinlichkeit.

21.8 Öffentliche Finanzierung von Grundlagenforschung, Bildung und Informationsinfrastruktur

Die Vor- und Nachteile der verschiedenen Arten von Rechten an geistigem Eigentum sind nur ein Teil des Problems bei der Gestaltung eines wirksamen Innovationssystems. Ein weiteres wichtiges Element ist die Rolle der Regierungen. Erinnern wir uns zum Beispiel an die Einführung dieser Einheit, dass in einigen Fällen die durch die Verbreitung von Mobiltelefonen erwarteten positiven Auswirkungen auf die Märkte nicht eintraten, weil die notwendige öffentliche Infrastruktur—vor allem Straßen und Transportmittel—fehlte. Die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen durch den Staat, wie zum Beispiel Straßen, die es den indischen Landwirtinnen und Landwirten ermöglicht hätten, von ihrem neuen Zugang zu Preisinformationen zu profitieren, ist eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Diffusion der Vorteile einer Innovation. Wie wir sehen werden, verdeutlicht die Entstehung des Computers und im weiteren Sinne die gesamte Informationsrevolution die wesentliche Rolle der Regierungen im Innovationsprozess selbst.

Eine angemessene staatliche Politik im Bereich der Innovation kann in zweierlei Hinsicht hilfreich sein:

  • Beschleunigung der Innovation: Dies geschieht durch Interventionen wie die Förderung der Grundlagenforschung und der Kommunikationsinfrastruktur, die Festlegung von Normen sowie die Gestaltung von Patenten, Urheberrechten und Marken.
  • Beeinflussung der Richtung der Innovation: Dadurch wird der Prozess auf die Produktion neuartiger Ideen und Anwendungen in den Bereichen Umwelt, Bildung, Medizin oder anderen gesellschaftlich wertvollen Bereichen ausgerichtet.

Von der Regierung finanzierte Forschung

Die Wurzeln der IT-Revolution lassen sich bis zum Bau der ersten elektronisch programmierbaren Computer nach dem zweiten Weltkrieg zurückverfolgen, obwohl wie bei jeder Technologie einige Elemente älter sind. Charles Babbage stellte in einer 1822 veröffentlichten Abhandlung erstmals eine Rechenmaschine namens Difference Engine vor (deren Entwicklung von der britischen Regierung finanziert wurde) und seine Ideen halfen Ada Lovelace, das erste Computerprogramm zu entwickeln.

Die britischen und amerikanischen Regierungen leisteten während und nach dem zweiten Weltkrieg Pionierarbeit auf dem Gebiet der programmierbaren elektronischen Datenverarbeitung. In den USA lag der frühe Schwerpunkt auf der Unterstützung der Entwicklung von Raketensystemen und dem Manhattan-Projekt zur Entwicklung der Atombombe. Diese Projekte erforderten eine große Anzahl schneller Berechnungen im Bereich der Ballistik und der Vorhersage atomarer Reaktionen. Die Gelder der US-Regierung unterstützten private Einrichtungen wie Bell Labs in New Jersey sowie staatliche Forschungseinrichtungen wie Los Alamos.

Es gab eine enge Partnerschaft zwischen dem Privatsektor, den Regierungen und den Universitäten, die 1946 zum Bau des ENIAC unter der Schirmherrschaft der US-Armee führte. Er war der erste elektronische Computer, obwohl er keine Programme speichern konnte. Weitere Innovationen folgten rasch, wie die Entwicklung des Transistors durch William Shockley in den Bell Labs im Jahr 1948, sowie die Gründung neuer Unternehmen wie Fairchild Semiconductor. Die amerikanische Regierung unterstützte die Industrie weiterhin durch die Finanzierung von Forschungsprojekten, darunter auch die Entwicklung des Internets (1969) im Rahmen eines von der Defense Advance Research Projects Agency (DARPA) finanzierten Projekts.

Im Vereinigten Königreich konzentrierten sich die frühen Fortschritte in der Informatik auf die Bemühungen in Bletchley Park, wo der Mathematiker Alan Turing arbeitete, um den deutschen Enigma-Code zu knacken. Die dort entwickelte Maschine Colossus blieb bis in die 1970er Jahre geheim, aber die Wissenschaftler:innen sowie Ingenieurinnen und Ingenieure von Bletchley Park bauten 1948 an der Universität Manchester, einer anderen öffentlich finanzierten Institution, den weltweit ersten Nachkriegscomputer mit Speicher, das Baby. Die kommerzielle Entwicklung von Computern durch Unternehmen wie Ferranti folgte rasch.

Dieses Muster der Finanzierung der Frühphasenforschung durch die Regierung, entweder durch staatliche Stellen, einschließlich des Militärs oder durch Universitäten, gefolgt von kommerziellen Anwendungen ist üblich. Die Computer- und Elektronikindustrien, das Internet und das World Wide Web (das von Tim Berners-Lee im von einem Konsortium von Regierungen finanzierten CERN-Forschungslabor geschaffen wurde), die moderne Pharma- und Biotechbranche und die kommerziellen Anwendungen neuer Materialien wie Graphen haben alle ihre Wurzeln in der öffentlich finanzierten Grundlagenforschung und Frühphasenentwicklung. Auch Touchscreens und die Computermaus sind das Ergebnis von Forschungen, die die US-Regierung finanzierte.15

Das MP3-Format wurde von einer kleinen Gruppe von Forschenden in einem öffentlichen Forschungslabor in Deutschland entwickelt, das zur Fraunhofer-Gesellschaft gehört. Ihr Patent ermöglicht eine Verkleinerung der Größe von Audiodateien um den Faktor 12, wobei die Klangqualität erhalten bleibt. Diese Innovation ermöglichte die Verbreitung von Musik über das Internet und trug zu großen Umwälzungen in der globalen Musikindustrie bei. Kommerzielle Unternehmen übernahmen es zunächst nicht als Standard, aber es fand weite Verbreitung, weil die Urhebenden darauf reagierten, indem sie Kodierungssoftware zu einem niedrigen Preis an die Nutzenden verteilten und nicht gegen Hackende vorgingen, die es dann kostenlos zur Verfügung stellten.

Mariana Mazzucato, eine Ökonomin, die sich auf die Ursachen und Auswirkungen von Innovationen spezialisiert hat, argumentiert am Beispiel einiger grundlegender digitaler Innovationen wie Internet, GPS und Touchscreens, dass die Regierung eine wesentliche Rolle bei der Finanzierung von Forschung und neu gegründeten Technologieunternehmen spielt. Sie sieht die Rolle der Regierung nicht nur darin, Aktivitäten zu übernehmen, die der Markt nicht durchführen wird, weil die Erträge vielleicht zu weit in der Zukunft liegen und ungewiss sind, sondern auch darin, die Art der Aktivitäten des privaten Sektors zu gestalten. Ihrer Ansicht nach erklären strategische Investitionen der US-Regierung, warum amerikanische Unternehmen Hightech-Industrien wie Digitaltechnik und Biotechnologie dominieren.

Wettbewerbe und Preise

Eine ganz andere Politik zur Förderung von Innovationen ist die Vergabe eines Preises für die erfolgreiche Entwicklung einer Problemlösung, die bestimmte Anforderungen erfüllt. Die gewinnende Person (beziehungsweise das gewinnende Unternehmen) wird für die Entwicklungskosten entschädigt, anstatt ein Monopol auf die neue Idee oder Methode zu erhalten, und die Innovation geht unmittelbar in den öffentlichen Bereich über.

Nach der Katastrophe auf der Ölplattform Deepwater Horizon bot die XPrize Foundation jedem Team, das die derzeitige Technologie zur Beseitigung von Ölverschmutzungen erheblich verbessern konnte, 1 Million USD an. Innerhalb eines Jahres entwickelte ein Team eine Methode, die die in der Industrie übliche Rückgewinnungsrate vervierfachte.

Ein berühmteres Beispiel ist die Erfindung des Marinechronometers durch den Uhrmacher John Harrison, ein Gerät, das zum ersten Mal die (einigermaßen) genaue Messung des Längengrads eines Schiffes auf See ermöglichte. Harrison begann 1730 mit der Arbeit an seinem Chronometer, nachdem die britische Regierung 1714 einen Geldpreis (etwa 2,5 Millionen GBP in Preisen von 2014) für die Erfindung eines Geräts zur Messung des Längengrads ausgeschrieben hatte. Harrison stellte sich der Herausforderung, eine genaue Uhr zu bauen, die klein genug war, um auf einem Schiff mitgeführt zu werden, sodass die Greenwich-Zeit, zu der die Sonne ihren Zenit erreicht, bestimmt werden konnte. Damit ließe sich die Position des Schiffes westlich von Greenwich berechnen. Das Problem hatte einige der besten Köpfe der damaligen Zeit angezogen, darunter auch Isaac Newton. Harrison produzierte viele Versionen, eine besser als die andere, stritt sich aber mit der Regierung darüber, ob er das Geld verdient hatte. Der Streit entstand, weil Harrisons Lösung des Problems etwas anders war als von der Regierung erwartet. Im Laufe der Jahre wurde er mit einer Reihe kleinerer Summen ausgezeichnet.

Heute wird der Longitude Prize von der britischen Regierung finanziert. Ungewöhnlicherweise hat das Longitude-Komitee, das den Preis verleiht, die Öffentlichkeit aufgefordert, aus sechs Herausforderungen auszuwählen, für die sie das Geld verwenden kann.

Die Öffentlichkeit entschied sich für das Problem der Antibiotikaresistenz (siehe Einheit 12), eine Wahl, die viele Experten unterstützen würden. Dies ist interessant, weil viele Menschen skeptisch sind, dass Regierungen gut darin sind, zu entscheiden, in welche Richtung F&E-Investitionen gelenkt werden sollten, trotz der Geschichte von recht guten Investitionsentscheidungen in Technologien während und nach dem zweiten Weltkrieg.

Wenn Sie glauben, dass die Öffentlichkeit besser dringende Probleme erkennen kann, als Regierungen, dann hat das Longitude-Komitee dieses Problem sauber gelöst, indem es uns die Wahl überließ.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass Wettbewerbe gut funktionieren, ist die Ausschreibung von Preisen für die erfolgreiche Entwicklung von Medikamenten gegen vernachlässigte Krankheiten. Mit diesen Medikamenten werden Krankheiten behandelt, die in Teilen der Welt verbreitet sind, in denen es kaum pharmazeutische Innovationen gibt, weil der private Markt für diese Medikamente durch das geringe Einkommen der Betroffenen begrenzt ist.16

Übung 21.14 Von der Regierung finanzierte Forschung

  1. Welche Argumente sprechen für und gegen Investitionen der Regierung in die kommerzielle Anwendung neuer Technologien?
  2. Beschreiben Sie, wie Regierungen Investitionen in Technologien auswählen könnten, sodass der Prozess für die Steuerzahler:innen transparenter wäre.
  3. Halten Sie es für sinnvoll, die Steuerzahler:innen an der Auswahl der Technologien, in die investiert werden soll, zu beteiligen? Begründen Sie Ihre Antwort.
  4. Für welche Technologien sollten die Regierungen Ihrer Meinung nach mehr Geld ausgeben und welche Technologien sollten die Regierungen dem privaten Sektor überlassen? Erläutern Sie Ihre Antwort.

Frage 21.9 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Welche der folgenden Politiken fördern effiziente Innovationsprozesse?

  • Preise für erfolgreiche Innovationen, um das Koordinationsproblem bei der Innovation von Substituten zu lösen
  • Subventionierung von Inputs für Innovationen, wie öffentliche Infrastruktur, Forschung und Bildung, um das Koordinationsproblem bei komplementären Innovationen zu lösen
  • Einführung eines Patentsystems, um die hohen First-Copy-Costs von wissensintensiven Innovationen zu senken
  • Förderung einer kostengünstigen Verbreitung von Informationen
  • Hier besteht das Problem des ‚winner-take-all‘ Wettbewerbs für Substitute (zum Beispiel Sonys Betamax-Videokassettenstandard gegenüber JVCs VHS). Die öffentlichen Stellen sollten stattdessen eine Einigung zwischen den Teilnehmenden der Industrie fördern, indem sie beispielsweise über neue technische Normen entscheiden.
  • In dieser Situation zögern die Unternehmen möglicherweise, in eine Innovation zu investieren, wenn nicht auch andere Unternehmen in die komplementäre Innovation investieren. Die Subventionierung von Inputs senkt die Kosten der Innovation und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen investieren.
  • Ein Patent ermöglicht es der erfindenden Person, vorübergehend von ihrer Idee zu profitieren, was ihre Bereitschaf erhöhen würde, die hohen Vorlaufkosten der Innovation zu tragen.
  • Da es sich bei dem produzierten Wissen um ein öffentliches Gut handelt, können die innovierenden Unternehmen nicht den gesamten Nutzen aus ihren Innovationen ziehen. Ein Patentsystem würde dieses Problem entschärfen.

Frage 21.10 Wählen Sie die richtige(n) Antwort(en)

Welche der folgenden Aussagen zur staatlichen Innovationspolitik sind richtig?

  • Die Regierung sollte nicht in Innovationen investieren, deren Erträge zu weit in der Zukunft liegen und unsicher sind.
  • Durch die Übernahme von Eigenkapitalbeteiligungen an Innovationsunternehmen würde die Regierung ihre Fähigkeit zur Durchsetzung der Wettbewerbspolitik verbessern.
  • Die Regierung könnte Innovationen unterstützen, indem sie einen Preis für die erfolgreiche Entwicklung einer Lösung für ein bestimmtes Problem ausschreibt.
  • Die Regierung kann über staatliche Stellen wie das Militär oder Universitäten Frühphasenforschung finanzieren, die dann für kommerzielle Anwendungen genutzt werden können.
  • Dies sind genau die Art von Innovationen, in die die Regierung investieren sollte, anstatt sich auf Unternehmen zu verlassen.
  • Für die Regierung kann es schwieriger sein, Unternehmen zu regulieren, an denen sie mit Eigenkapital beteiligt ist, zum Beispiel bei der Durchsetzung der Wettbewerbspolitik oder von Umweltstandards.
  • Beispiele finden Sie im Text.
  • Beispiele finden Sie im Text.

21.9 Schlussfolgerung

Das Vereinigte Königreich und die Niederlande, die Geburtsstätten des Kapitalismus und der industriellen Revolution, waren in Bezug auf die Intelligenz und Kreativität ihrer Bevölkerung nicht einzigartig. China hatte sich als ebenso erfinderische Gesellschaft erwiesen, wenn nicht sogar als noch erfinderischer, da es in früheren Jahren als erstes Land Papier, den Buchdruck, das Schießpulver, den Kompass und buchstäblich Hunderte von anderen wichtigen Innovationen entwickelt hatte. Andere Länder, vor allem Japan, waren geschickt in der Anpassung und Verbreitung neuer Methoden und Ideen. Aber die Kombination aus Innovationsrenten und dem Druck des Wettbewerbs um das Überleben, die für den Innovations- und Diffusionsprozess im Kapitalismus charakteristisch war, machte ihn zu einem einzigartig dynamischen Wirtschaftssystem, das die britische und niederländische Wirtschaft veränderte.

Auch die Politik spielte eine wichtige Rolle. Damit Unternehmen das Risiko eingehen, ein neues Produkt oder einen neuen Produktionsprozess einzuführen, ist es entscheidend, dass ihre Innovationsrenten nicht von der Regierung oder anderen beschlagnahmt werden. Dies setzt voraus, dass die Eigentumsrechte durch ein gut funktionierendes Rechtssystem geschützt werden, wie dies im Vereinigten Königreich, in den Niederlanden und in anderen Ländern der Fall war, die den Knick im Hockeyschläger des Pro-Kopf-Einkommens schon früh erlebt haben.

In jüngerer Zeit wurden das Silicon Valley, das deutsche Innovationssystem und andere erfolgreiche Beispiele für Innovation von Regierungen unterstützt, die ergänzende Inputs wie physische Infrastruktur, Grundlagenforschung und öffentliche Bildung sowie garantierte Märkte (wie die für militärische Güter) bereitstellen und den innovativen Unternehmen nur ein vorübergehendes Monopol gewähren, sodass der Wettbewerb schließlich die Preise senkt.17

Kurz gesagt, ist es diese Kombination aus privaten Anreizen und unterstützenden Politikmaßnahmen, die erklärt, warum der Kapitalismus ein so dynamisches Wirtschaftssystem sein kann. Zu den Folgen gehören in vielen Ländern ein höherer Lebensstandard, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen (dokumentiert in Einheit 1), sowie die Verkürzung der Arbeitszeit, die in Einheit 3 beschrieben wird.

Denken Sie jedoch daran, dass Joseph Schumpeter, der Ökonom, der am meisten zu unserem heutigen Verständnis von Innovation beigetragen hat (und dem Sie in Einheit 16 begegnet sind), den Prozess des technologischen Wandels als ‚schöpferische Zerstörung‘ bezeichnete.

In dieser Einheit haben wir den schöpferischen Teil hervorgehoben: die Entwicklung neuer Verfahren und Produkte, die es uns ermöglichen, unseren Lebensunterhalt mit immer weniger Arbeitszeit zu bestreiten. In Einheit 16 haben wir jedoch untersucht, auf welche Weise der Prozess des technologischen Wandels auch Menschen arbeitslos macht und einst geachtete und gut bezahlte Fähigkeiten entwertet. Und in Einheit 20 haben Sie gesehen, dass die Ausweitung der Produktion und die Substitution durch Energie aus fossilen Brennstoffen für menschliche und andere tierische Energie, die durch den technologischen Wandel ermöglicht wurde, unsere Umwelt vor Herausforderungen stellt, auch wenn verbesserte Technologien die Hoffnung wecken, dass diese Herausforderungen mit den richtigen Politikmaßnahmen bewältigt werden können.

Ökonominnen und Ökonomen können dazu beitragen, diese Politikmaßnahmen zu gestalten und die Vorteile und Kosten von Möglichkeiten zur Förderung nützlicher Innovationen und zur Bewältigung der ‚zerstörerischen‘ Aspekte neuer Technologien zu bewerten.

In Einheit 21 eingeführte Konzepte

Bevor Sie fortfahren, sollten Sie sich die folgenden Definitionen ansehen:

21.10 Quellen

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  • Boseley, Sarah. 2016. ‘Big Pharma’s Worst Nightmare’. The Guardian, Aktualisiert am 5. Februar 2016.
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  • Edsall, Thomas B. 2016. ‘Boom or Gloom?’New York Times. Aktualisiert am 27. Januar 2016.
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  • Kornai, János. 2013. Dynamism, Rivalry, and the Surplus Economy: Two Essays on the Nature of Capitalism. Oxford: Oxford University Press.
  • Koromvokis, Lee. 2016. ‘Are the Best Days of the US Economy Over?’. PBS NewsHour. 28. Januar 2016.
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  1. Swarns Rachel L. 2001. ‘Drug Makers Drop South Africa Suit over AIDS Medicine’. New York Times. Aktualisiert am 20. April 2001. 

  2. Sarah Boseley. 2016. ‘Big Pharma’s Worst Nightmare’. The Guardian, Aktualisiert am 5. Februar 2016. 

  3. ‘To Do with the Price of Fish’. The Economist. Aktualisiert am 10. Mai 2007. 

  4. Robert Jensen. 2007. ‘The Digital Provide: Information (Technology), Market Performance, and Welfare in the South Indian Fisheries Sector’. The Quarterly Journal of Economics 122 (3): pp. 879–924. 

  5. Peter A. Hall, und David Soskice. 2001. Varieties of Capitalism: The Institutional Foundations of Comparative Advantage. New York, NY: Oxford University Press. 

  6. Stephen Witt. 2015. How Music Got Free: The End of an Industry, the Turn of the Century, and the Patient Zero of Piracy. New York, NY: Viking. 

  7. David C. Mowery und Timothy Simcoe. 2002. ‘Is the Internet a US Invention? An Economic and Technological History of Computer Networking’.  Research Policy 31 (8–9): pp. 1369–87. 

  8. AnnaLee Saxenian. 1996. Regional Advantage: Culture and Competition in Silicon Valley and Route 128. Cambridge, MA: Harvard University Press. 

  9. Michele Boldrin und David K. Levine. 2008. Against Intellectual Monopoly. New York, NY: Cambridge University Press. 

  10. János Kornai. 2013. Dynamism, Rivalry, and the Surplus Economy: Two Essays on the Nature of Capitalism. Oxford: Oxford University Press. 

  11. Marc Rysman. 2009. ‘The Economics of Two-Sided Markets’. Journal of Economic Perspectives 23 (3): pp. 125–43.  2

  12. Alvin Roth. 1996. ‘Matching (Two-Sided Matching)’. Stanford University. 

  13. Petra Moser. 2013. ‘Patents and Innovation: Evidence from Economic History’. Journal of Economic Perspectives 27 (1): pp. 23–44. 

  14. Petra Moser. 2015. ‘Intellectual Property Rights and Artistic Creativity’. VoxEU.org. Aktualisiert am 4. November 2015. 

  15. William H. Janeway. 2012. Doing Capitalism in the Innovation Economy: Markets, Speculation and the State. Cambridge: Cambridge University Press. 

  16. Michael Kremer und Rachel Glennerster. 2004. Strong Medicine: Creating Incentives for Pharmaceutical Research on Neglected Diseases. Princeton, NJ: Princeton University Press. 

  17. David S. Landes. 2000. Revolution in Time. Cambridge, MA: Harvard University Press.